Medien : Patchworkfamilie und Postkarten

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Neulich haben wir festgestellt, dass in der Klasse meiner Tochter neunzig Prozent der Kinder in Patchworkfamilien leben. Das häufigste Lebensorganisationsmodell sieht so aus: die Kinder pendeln im Wochenrhythmus zwischen Vater und Mutter, ihr Existenzmittelpunkt ist aufgeteilt auf zwei Familien und zwei komplett ausgestattete Kinderzimmer. Neben Stiefgeschwistern haben sie Stiefmütter oder Stiefväter, die im Laufe der Jahre manchmal wechseln. Gut möglich, dass ein pubertierender Teenager bereits zwei oder drei Ersatzelternteile hinter sich hat. Welche Spuren das im Seelenhaushalt dieser Generation hinterlässt, werden wir erst in einigen Jahrzehnten wissen.

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Bereits jetzt veranstaltet Radioautor Jochanan Shelliem eine „Lange Nacht der Väter“ . Was ist aus dem klassischen Rollenbild geworden? Nach dem Ende des Patriarchats wird nun viel von „Neuen Vätern“ geredet. Sind das einfach nur die entthronten Patriarchen? Und: Haben wir es mit notorischen Verantwortungsflüchtern zu tun, die mehr erleben wollen als nur eine einzige Familie? Oder ist jetzt alles doch viel komplizierter, weil zwar die Beziehungen zwischen Männern und Frauen unsteter geworden sind, aber gerade deshalb das leibliche Kind für einen Mann zum Fixpunkt auf der eigenen Lebenslinie wird?

Jonachan Shelliem spricht mit Experten aller Coleur. Mit prominenten und namenlosen Vätern, mit Patriarchen alter Schule und flüchtigen Erzeugern. Die Nacht ist überschrieben mit dem Titel eines Eichendorff-Romans: „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Aber das Urteil über die zeitgenössischen Väter dürfte am Ende doch vielleicht etwas weniger eindeutig ausfallen (Deutschlandradio, 8. Oktober, ab 23 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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In den Wirren der Patchwork-Ära gelten Mütter als das beständigere Element. Väter gehen, Mütter bleiben, so sieht die Lebenserfahrung vieler Heranwachsender aus. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Rona Munro erzählt in ihrem Krimi „Eisen“ von einer Frau, die den Vater ihrer Tochter emordet hat. Seit fünfzehn Jahren sitzt sie deshalb im Gefängnis, nun kommt die bereits erwachsene Tochter erstmals zu Besuch.

In kürzester Zeit holen Mutter und Tochter alle Stationen eines familiären Beziehungsdramas nach: aus dem Misstrauen wächst eine jähe Liebe, aus der die Tochter sich dann wieder zu lösen versucht. Die Tochter fragt nach der Schuld der Mutter. Aber es gibt keine klare Antwort (Deutschlandfunk, 9. Oktober, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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Auch auf der Frankfurter Buchmesse finden wir die Spur unseres Themas. In diesem Herbst erscheinen gleich mehrere Bücher, in denen Autorinnen über das Verhältnis zwischen Müttern und Söhnen schreiben. Die Bücher heißen „Das Niemandskind“ oder „Die freien Frauen“. Moderatorin Manuela Reichart bittet die Autorinnen in Frankfurt zum Gespräch.

Kann man mittlerweile auch von „Neuen Mütter“ reden? Und wie sehen deren Weltbilder aus? (Kulturradio, am 9. Oktober, 17 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Ebenfalls zur Buchmesse, aber vielleicht nicht ganz zum Thema Familie: Der Schauspieler Ulrich Matthes (spielt Joseph Goebbels im Kinofilm „Der Untergang“) liest in 26 Teilen „Der Scherz“ , den Roman des tschechischen Schriftstellers Milan Kundera („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“). Weil die schöne Marketa eine politische Schulung einem Wochenende mit Ludvik vorzieht, schreibt der Verschmähte eine Postkarte, die in falsche Hände gerät und seine Karriere zerstört. Jahre später will er Rache nehmen. (RBB Kulturradio, Montag bis Freitag, ab 11. Oktober, 14 Uhr 30, UKW 92,4 MHz).

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