Medien : Patient Pop

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Von Helmut Ziegler

Dem Pop geht es zurzeit nicht besonders. Die Vergangenheit herrscht in der Hitparade mit Cover-Versionen von Madonnas „Like A Prayer“ oder Peter Maffays „Tabaluga". Ein unverdächtiger Verlag wie Suhrkamp arbeitet die deutsche Punk-Ära mit dem Werk „Verschwende Deine Jugend“ museal auf. Die Ärzte dagegen veröffentlichten ihre rüpelige Biografie als opulentes Coffee-Table- Buch. Und nun auch noch das: In Form einer Spiel-Show erreichte gestern das Prinzip Pop das Vorabendprogramm von Pro 7.

Es scheint, als hätte Diedrich Diederichsen Recht mit seiner Diagnose: Eine einst radikale Gegenkultur gibt den „Plastiklöffel“ ab. Thomas Hermanns, Moderator des „QuatschComedy-Club“ und des neuen „Pop-Club“, widerspricht dem nicht einmal: „Wenn eine CD wie die von Shakira den Titel ,Wäschedienst’ trägt und trotzdem die Nummer eins wird, läuft etwas falsch. Das versteht man nicht. Das ist nicht mal sexy.“ Aber vielleicht die Basis für einen guten Gag: In Hermanns „Pop-Club“ gibt es ein Spiel, bei dem man umschriebene n erraten muss. „Geil und besoffen in Italien"? Eros Ramazotti. „Johannes, haste mal ’nen Euro?“ Johnny Cash. „Kopf im Getriebe"? Motörhead.

Das Vorbild für den „Pop-Club“ stammt aus England. In so genannten Panel-Shows sitzen Leute um einen Tisch, „in Martini- Stimmung“, wie Hermanns betont, „und sorgen einfach für gute Laune.“ Sechs Gäste begrüßt er in jeder Folge, darunter Dirk Bach, Guildo Horn, Jessica von den „No Angels“ oder Reinhold Beckmann. Visuell erinnert der „Pop-Club“ an eine moderne Waschmaschine, die von Braun-Designern auf Rosa und Retro getrimmt wurde. Dazu passt, dass Hermanns seine Gäste durch die Mangel dreht: Alle sind verpflichtet, ihre erste Platte vorzustellen – was Mut erfordert, wenn es, wie bei Hella von Sinnen, „Dann kamst du (Après toi)“ von Vicky Leandros war. Anschließend fragt Hermanns intime Details der Pop-Sozialisation ab. Jasmin Gerat etwa, Ex-„Bravo TV"-Moderatorin, wird in einer Folge Probleme damit haben, schlüssig zu erklären, warum in ihrer Pubertät Pferdeposter an der Wand hingen, während sie für „Fury In The Slaughterhouse“ schwärmte.

Es sind solche Spiele, bei denen der Reigen der kleinen Peinlichkeiten, für die sich niemand schämen muss, auf Touren kommt. Auch Charts-Scharade oder Deep Throat funktionieren: Es ist schließlich eine Sache, den Hit „Schwule Mädchen“ pantomimisch darzustellen oder „O Sole Mio“ zu gurgeln. Eine andere, wenn die Mitstreiter des eigenen Rate-Teams meinen, eindeutig Deep Purples „Smoke On The Water“ zu erkennen.

Hermanns geht dabei mit gutem Beispiel voran. Er hat die Titelmelodie, eine Coverversion von „Pop Music“ der Eintagsfliegentruppe „M“, selbst eingesungen. Zu Beginn jeder Sendung präsentiert er zudem eine Kostbarkeit aus seiner Schatzkammer: Das Presseheft zu Mariah Careys Filmflop „Glitter“ etwa oder jene Vitrine, die einen Stiefel der Abba-Sängerin Frieda (die Rothaarige) enthält. Überhaupt Abba: Die Gewinner der Sendung erhalten die Statue „Die Goldene Agnetha“ (die Blonde). Die Verlierer „Die weißen Tauben fliegen wieder“ von Hans Hartz. Einer von ihnen warf die CD angewidert ins Publikum – das duckte sich blitzschnell weg.

Dem derzeitigen Pop wird der „Pop-Club“ vielleicht nicht auf die Beine helfen. Aber vergnügliche 30 Minuten erinnerte er daran, dass es neben Fabrikware oder dem Kampf gegen politische und kulturelle Dogmen eine dritte Ebene des Pop gibt: anarchistisches Am-Zaun-Rütteln, Hedonismus und das Versprechen einer Magie, die aus dem Gefängnis des Gewöhnlichen befreit.

Für die nächste Staffel rechnet Hermanns mit mehr Gästen aus dem Pop-Umfeld. „Wir haben natürlich Bela B., Campino und Grönemeyer angefragt. Aber die wollten erst einmal abwarten.“ Sein Traum wäre es, einen Pop-Theoretiker wie Diederichsen neben jemanden von Bro’Sis zu setzen. „Dann bekäme ich auch Antwort auf die brennende Frage: Wie gurgelt man Zwölftonmusik?“ Sollte die Sendung Erfolg haben, plant Hermanns eine „Event-Kette nach dem Franchise-Prinzip". „Pop-Club“ in jeder Stadt, so dass die Besucher die Spiele selbst spielen können. Was ja fast schon Punk wäre.

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