Patmos und Pathos : Warum Reden? Revue!

Der Axel Springer Verlag feiert 100. Geburtstag des Gründers mit Gesang. Die Nachkriegsgeschichte als Musical zu inszenieren, wurde allerdings nicht von jedem Gast gewürdigt.

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Seelenverwandt. Axel (Herbert Knaup) und Friede Springer (Leslie Malton) auf Patmos, ihrer griechischen Rückzugsinsel. Foto: John MacDougall/dapd
Seelenverwandt. Axel (Herbert Knaup) und Friede Springer (Leslie Malton) auf Patmos, ihrer griechischen Rückzugsinsel. Foto: John...Foto: dapd

Das haben die Organisatoren ziemlich gut hinbekommen: Die Ödnis und repräsentative Langeweile, die den Gast während des sogenannten Vorempfangs im Vorraum der Ullstein-Halle anlässlich des Festaktes zum 100. Geburtstages des Firmengründers Axel Springer augenblicklich befällt. Champagner und die kleinen Nichts von Häppchen sind delikat, aber sonst?

Hunderte hochrangige Gäste aus „Wirtschaft, Politik und Kultur“ stehen sich – stoisch lächelnd – auf sehr wenig Raum die Füße platt, wie Fußballfans, die auf die Öffnung der Stadiontore warten: Intendanten, Minister, Chefredakteursgattinnen. Enge ist eine seltsame Sache. Sie atomisiert die Aura des Besonderen. Prominenz braucht Raum. Aber den gibt es perfiderweise nicht. Na, immerhin kann man noch schreien. „Ich fahre jetzt das gleiche Auto wie Axel Springer damals“, ruft begeistert ein hochaufgeschossener Mann. „Kein Vergleich mit dem Empfang bei der Eröffnung des Spiegel-Gebäudes“, flüstert jemand. „Hier passiert ja gar nichts“, sage ich zu einem Fotojournalisten. „Sie sehen, dass sie nichts sehen“, antwortet der.

Dann wird der Saal geöffnet und schenkt wenigstens ein bisschen Raum für die Kür des Auftritts. Henryk M. Broder spricht tatsächlich laut, Michel Friedman kommt auch im wirklichen Leben den Menschen beim Sprechen sehr nah. Als Letzter zwängt sich Wolfgang Joop durch die Reihe, ein blaues, comichaft bedrucktes Tuch um den Hals. Man nimmt diese Details dankbar zur Kenntnis, denn vorn steht schon drohend das Rednerpult, bereit für all die Lobreden und Huldigungen des „erfolgreichsten Verlegers Europas“.

Doch dann wird das Pult zur Seite gefahren, und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, sitzt im jungenhaften Kapuzenpulli vor seinem Apple-Rechner auf der Bühne und formuliert einen Geburtstagsbrief an den Geehrten. Schade, dass wir uns nicht kennengelernt haben, sagt er, um dann einzuräumen: ach, eigentlich doch nicht schade. „Wahrscheinlich hätten sie mich längst rausgeschmissen. Zehn Jahre hielten sie es ja mit den wenigsten Mitarbeitern aus.“ Und Springers Eitelkeit und Vielweiberei hätten ihn doch eher abgestoßen. Diese unfeierliche Offenheit ist natürlich ein Coup. Eine Überraschung auch, wie der Abend weitergeht. Nicht staatstragend, sondern launig. Statt Reden gibt es ein Axel-Springer-Bio-Musical, eine Nummernrevue mit Tanzeinlagen durch Springers Lebensstationen. Eine Band spielt Swing, und Herbert Knaup spricht, singt und tanzt den Verleger eher als naiven Tor denn als mächtige Gestalt. Wie Springer also nach dem Krieg um eine Zeitungslizenz bittet und dabei auf die Frage, von wem er während der NS-Zeit verfolgt worden sei, „Nur von den Frauen“ sagt! Wie er in London von englischen Boulevardblättern auf die Idee für die „Bild“ gebracht wird! Wie er nach Moskau reist, um Chruschtschow seinen Plan von der Deutschen Wiedervereinigung vorzutragen! Wie er als Hamburger Salonlöwe seinem Nachbarn zwei Mal die Frau ausspannt oder mit Rudolf Augstein (Peter Jordan) im Sylter Strandkorb übers Zeitungsmachen streitet! Zwischendurch tritt Udo Lindenberg auf, Max Raabe singt ein Lied, und der Nachrichtenmann Wilhelm Wieben liest die Original-„Tagesschau“-Texte der jeweiligen Jahre vor.

Die Autoren Benjamin von Stuckrad-Barre, Peter Huth und Regisseur Ulrich Waller haben stellenweise witzige Szenen hinbekommen. Die deutsche Nachkriegsgeschichte als Musical – das ist auf Dauer aber nicht nur ermüdend, sondern auch ärgerlich verharmlosend und stellenweise von geradezu obszöner Wurstigkeit. Während zu Beginn das Ensemble adrett vor sich hin tanzt, sieht man auf der Videowand Bilder von Krieg und Konzentrationslagern. Später, als wütende Demonstranten mit „Enteignet Springer!“-Plakaten über die Bühne hüpfen, schreitet Springer durch die Menge, als habe er mit der aufgeladenen Stimmung nichts zu tun.

Bloß keine steife Veranstaltung – man merkt dem Abend diesen Krampf, die Gnadenlosigkeit des Stahllächelns an. Alles muss ironisiert, gebrochen, albern vertändelt werden. Nur einmal erlaubt man sich heftiges Pathos. Bei den historischen Bildern vom Fall der Berliner Mauer, den Axel Springer, der 1985 starb, nicht mehr miterleben konnte. So wird er durch die Hintertür doch zum Seher stilisiert.

Wolfgang Joop hält den Spaß offenbar kaum aus. Nach zehn Minuten klappt er die schwarze Ray-Ban-Brille über seine Augen, nach einer Dreiviertelstunde steht er auf und geht.

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