Patricia Riekel : "Wir sind ja kein Streichelzoo"

Die "Bunte" wird 60. Chefredakteurin Riekel spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über das Geschäftsmodell Klatsch mit Fakten.

Riekel
Society-Expertin. Patricia Riekel, 58, Chefredakteurin der ''Bunten''. -Foto: pa/dpa

Wer hat sich in den vergangenen 60 Jahren mehr verändert: Die Promis oder die Berichterstattung über die Promis?



Das geht Hand in Hand. Wer früher - abgesehen vom Adel - prominent werden wollte, musste eine Leistung vorweisen und konnte deshalb in der Regel bei der Berichterstattung auf Respekt bauen. Heute kann jeder durch einen Auftritt im Fernsehen über Nacht berühmt werden - ohne große Begabung. Deshalb haben Medien und Fans auch weniger Respekt vor den Prominenten.

Immerhin, je mehr Promis es gibt, desto mehr Storys fallen für Sie ab.

Nicht jeder, der im Blitzlicht steht, ist für "Bunte" erwähnenswert. Wir müssen sorgfältig auswählen. Eintagsfliegen erkennt man schnell. Manchmal sind das Frauen, die über einen berühmten Mann bekannt werden, oder Kandidaten, die in einer Castingshow auftauchen. Aber man weiß schon, da kommt nicht mehr viel. Das ist dieser Küblböck-Effekt.

Wer ist dann ein Star?

Natürlich gibt es auch Prominente, die sich auszeichnen durch echtes Talent, durch Disziplin, eine bewundernswerte Haltung. Boris Becker hat beispielsweise schon lange nichts mehr gewonnen, hat aber Charisma. Solche Menschen mit langlebiger Qualität faszinieren selbst, wenn sie schon tot sind. Es gibt die Küblböcks. Und es gibt die Romy Schneiders.

Wie groß ist Ihre Macht, Stars zu machen?

Eine Zeitschrift hat keine Macht. Aber wir können Karrieren beschleunigen und bremsen. Die einzige Macht, die eine Zeitschrift hat, ist die Entscheidung, ob man über jemanden schreibt oder nicht. Macht darf aber nie so aussehen, dass wir überlegen, gut oder schlecht über jemanden zu schreiben. Ein People-Magazin muss immer neutral bleiben.

Neutralität, wie geht das denn? Der Kampf um exklusive Geschichten ist doch härter und respektloser geworden.

Seit neuestem gibt es die Leserreporter. Viele Prominente erzählen mir, dass egal wo sie gehen und stehen, sofort die Handys gezogen und Fotos gemacht werden. Aber durch diese Leserreporter ist das Geschäft für uns nicht schwieriger geworden. Im Gegenteil. Viele Prominente, egal ob aus Showbusiness oder Adel, suchen gerade deshalb den Kontakt zu "Bunte". Sie wollen das korrigieren, was der flüchtige Blick verschoben hat. Sie wollen es selbst in die Hand nehmen, was über sie wie berichtet wird.

Trotzdem wappnen sich Prominente. Vor 60 Jahren gab es noch kein "Caroline"-Urteil, mit dem Promis die Berichterstattung über ihr Privatleben einschränken wollen.

Der Schutz des Persönlichkeitsrechts wurde gestärkt, weil immer hemmungsloser über Prominente berichtet wird. Ich finde es gut, dass diese Rechte gestärkt wurden. Stars müssen die Chance haben, einen Teil ihres Lebens vor den Blicken der Öffentlichkeit zu schützen. Umgekehrt drängen aber immer mehr Prominente in die Medien. Denn wer nicht in den Medien stattfindet, findet auch nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit statt.

Warum funktioniert dieser Mechanismus?

Wir beschäftigen uns mit den Schicksalen der anderen, weil wir daraus lernen wollen. Vor 2000 Jahren gab es kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitung - aber damals schon beschäftigten sich die Menschen mit den Schicksalen der Götter und Halbgötter. Auch im Mittelalter haben die Lieferanten den Dorfbewohnern erzählt, was oben auf der Burg passiert.

Ist die "Bunte" ein Ratgeber, der den Weg hoch in die Burg zeigt?

Die "Bunte" ist ein Navigator durch den Society-Dschungel. Die Leser interessierten sich besonders für Menschen, von denen sie glauben, sie seien glücklicher und privilegierter. Das Leben der Prominenten dient als Blaupause, die man über das eigene Leben legen kann. Beispielsweise beruhigt es, dass auch die Ehe eines Stars wie Uschi Glas scheitern kann. Und dass sie jetzt im reifen Alter eine neue Liebe gefunden hat, das schenkt vielen Lesern Hoffnung.

Aber warum erzählen Ihnen diese Menschen Dinge, die andere nicht mal ihren Nachbarn anvertrauen?

Es gibt eine Sucht und die heißt Öffentlichkeit. Wer das einmal genossen hat, die Blitzlichter, den Applaus, die bewundernden Blicke - das hat echtes Suchtpotenzial. Manche Leute ertragen es nicht, wenn sie wieder im Halbdunkel versinken. Die haben dann immer wieder neue Geschichten und wollen immer wieder, dass man über sie schreibt.

Manche Prominente wollen ihr Privatleben lieber geheim halten. Ist das noch möglich?

Niemand wird gezwungen, Interviews zu geben oder Homestorys zu machen, wir haben genug Stars zur Auswahl. Viel größer ist das Problem, dass manche Prominente immer dann in "Bunte" vorkommen wollen, wenn es etwas Positives über sie zu berichten gibt, über eine Charity-Aktion, einen Chart-Erfolg oder Filmpreise. Aber wenn das Finanzamt sie jagt oder sie bei einem Seitensprung erwischt werden, wollen sie die Scheinwerfer der Öffentlichkeit ausschalten, und wir sollen nicht berichten.

Aber Sie machen es trotzdem.

Wir sind ja kein Streichelzoo. Aber da es in "Bunte" oft um Gefühle geht, halte ich Fakten für die wichtigste Grundlage unserer Arbeit. Wenn Kollegen in der Konferenz berichten, dass etwa eine prominente Ehe vorm Scheitern steht, frage ich nach: Woher wisst ihr das?

Und dann fangen Sie an, in den Mülltonnen der Promis zu wühlen?

Nein, sicher nicht. Das "Bunte"-Team ist im Showbiz und in der Society bestens vernetzt. Prominente sind umringt von Personal, Freunden, Geschäftspartnern und zufälligen Beobachtern. Sie glauben gar nicht, wie viele Hinweise wir aus diesen Kreisen bekommen. Die Leute beobachten und tratschen. Man muss das nur sorgfältig und kritisch prüfen.

Warum ist das Image dennoch so mies? Viele behaupten, dass sie die "Bunte" nur beim Friseur oder beim Arzt lesen.

Mich ärgert das. Zum einen liegt es daran, dass es Klatsch-Journalismus gibt, der oft unseriös arbeitet. Darunter leiden People-Magazine wie "Bunte". Andererseits tut man sich in Deutschland mit der Unterhaltung schwer. Sie gilt als unseriös und hat einen Hautgout, einen schlechten Beigeschmack.

Das Interview führte Sonja Pohlmann.

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