Medien : Patriotisch, praktisch, gut

„Preiswertes Essen, kaum Taschendiebe“ – wenn nur die „ekligen Müllhaufen“ nicht wären: Wie ausländische Zeitungen Deutschland während der Fußball-WM darstellen

Paul Kreiner[Rom]

ITALIEN MOKIERT SICH ÜBER „KLINSMANNS HÖLZERNE JUNGS“

Das kurioseste Fan-T-Shirt in diesen Tagen trägt der Mann am Kiosk: „Roma Boys über alles“ steht drauf, wobei „Roma“ auf den gleichnamigen Erstligisten des italienischen Fußballs anspielt, und „über alles“, klar, das muss man nicht weiter ausführen. Diesen Ausdruck kennen alle Italiener – auf Deutsch.

Der Mann am Kiosk verkauft unter anderem jene köstlichen Anti-Kriegs-Comics, die den deutschen Namen „Sturmtruppen“ tragen und sich aus dem Klischee speisen, die Teutonen seien genetisch, also unheilbar, zum Militarismus veranlagt. Weitere Verfeinerungen am Bild Deutschlands in Italien hat auch die Fußball-WM bisher nicht gebracht. Als Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, da fiel man als dessen Landsmann wenigstens noch auf. Da wurde man beglückwünscht. Aber jetzt, während der WM, hat Italien andere Sorgen.

Die Zeitungen füllen ihre Sportseiten natürlich mit ausführlichen Fußballdebatten. Dabei hat das Umfeld keine Chance. Die WM könnte genauso gut auf dem Mars stattfinden. Gestern erst, am Donnerstag, hat die Turiner Zeitung „La Stampa“ den Blick ein wenig geweitet. Und sie ist angewidert. Das „pingelige und gnadenlose“ Deutschland lasse sich „gegen seine Natur“ von „Fan- und Barbarenhorden“ besetzen – überall werde bis zur Betrunkenheit gesoffen. Und die Deutschen seien auch noch „stolz auf dieses Durcheinander, vor allem auf die ekligen Müllhaufen, die nach den Bierpartys auf den öffentlichen Plätzen liegen bleiben“. Die Zeitung „La Repubblica“ hechelt Deutschland, „das Tal der romantischen Depression“, in einem einzigen Artikel gleich als Ganzes durch: Goethes „Werther“, die „große und fette Koalition“, Merkels „Hausfrauenfigur“ bis hin zu Klinsmanns „hölzernen Jungs“ auf dem Spielfeld. Angesichts all dessen, so schließt Italiens linkes Leitmedium, braucht’s natürlich „Optimismus“.

Gleiches gilt für das Deutschlandbild in Italien insgesamt: bisher kaum Anlass zur Hoffnung.

DIE AMERIKANER INTERESSIEREN SICH NUR MÄSSIG

Die USA haben ein neues Deutschland entdeckt: ein friedvolles, feierfreudiges Land mit einem gutmütigen Fußball-Nationalismus und großartiger Gastfreundschaft. Das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer in den Stadien und das laute Mitsingen der Nationalhymne wird als überfällige Normalisierung beschrieben, nicht als beunruhigende Wende rückwärts zu einer chauvinistischen Epoche. Die „New York Times“ illustrierte ihre Geschichte über Deutschland während der WM mit dem mehrspaltigen Bild einer älteren Frau, die ihre Blumen auf dem Balkon gießt, über dessen äußeres Gitter ein großes WM- Banner gespannt ist. Seit dem Sieg über Ekuador wird die deutsche Mannschaft in den USA als Titelfavorit gehandelt. Insgesamt liegt das allgemeine Interesse an Fußball weit hinter dem an Football, Baseball und Basketball. Viele Amerikaner sind verwundert, dass angeblich mehr als eine Milliarde Menschen weltweit bei der WM zuschauen – eine Dimension, die sich mit US-Sportarten nicht erreichen lässt. C. von Marschall, Washington

GROSSBRITANNIEN SCHWÄRMT FÜR

GEWÜRZTRAMINER

Vor der WM waren die britischen Journalisten durch „Fan–Schulen“ und „Don’t mention the war“-Kampagnen auf eine positive Sicht eingeschworen worden. Viele Journalisten scheinen trotzdem von der lockeren Atmosphäre in Deutschland überrascht zu sein. „Times“-Korrespondent Roger Boyes beschrieb ausführlich die Anstrengungen um das nationale Rebranding und die „plötzliche Bemühung, freundlich zu sein“. „Daily Mail“- Reporter Paul Hayward berichtete vom Nürnberger Zeppelinfeld über die Mischung von „grässlicher Geschichte und einer spaßliebenden Gegenwart“ und sah die WM als beste Werbung für die „zivilisierten Werte einer Stadt, die ihre Humanität wieder aus den Trümmern ausgegraben hat“. Auch in hunderten TV-Filmchen und tausenden Blogs kommt Deutschland gut weg. Der Journalist Matthew Beard vom „Belfast Telegraph“ schwärmt auf einem Campingplatz in Rüdesheim von „Riesling und Gewürztraminer“ im Gefrierfach seines VW Campers. Der Nord-Ire hofft, dass England bald aus dem World Cup fliegt, damit er mit seinem Sohn noch ein bisschen auf Deutschlandtour gehen kann. Matthias Thibaut, London

FRANKREICH FREUT SICH ÜBER DEN SPORTLICHEN PATRIOTISMUS

Gerade erst die Hälfte des Turniers ist absolviert, bis zum Endspiel kann noch viel passieren. Doch in den französischen Medien werden die Gastgeber schon jetzt wegen ihrer unerwarteten Herzlichkeit, ihrer spielerischen Leidenschaft und ihres sportlichen Patriotismus gelobt. Dass die schwarz-rot-goldenen Farben in Deutschland Konjunktur haben, kann nach der blau-weiß-roten Euphorie 1998 in Frankreich kaum jemanden schockieren. Deutschland wolle der Welt ein neues Image von sich selbst vermitteln, meint „Le Courrier international“. Dass es auch zu einem „Wunder von Berlin“ kommt, erscheint indes nicht jedermann wünschenswert. „Weder Frankreich noch Deutschland dürfen gewinnen“, schreibt der Autor, „damit wir nicht in die Versuchung kommen, uns zu überschätzen.“ Hans-Hagen Bremer, Paris

RUSSLAND KANN KAUM GLAUBEN, DASS ES FAST KEINE KRAWALLE GIBT

In Russland wird anerkennend angemerkt, dass es den Fans, die in Russland „Fanaty“ genannt werden, bisher nicht gelang, größere Krawalle vom Zaun zu brechen. Den Moskauern ist noch in böser Erinnerung, wie mit Wodka zugedröhnte Fans, die bei der letzten WM das Spiel Russland gegen Japan auf Großbildschirmen im Stadtzentrum verfolgten, Schaufenster einschlugen und Autos in Flammen aufgehen ließen. Dergleichen, so Jekaterina Malowitschko, die Sportreporterin von Radio „Echo Moskwa“ euphorisch, sei in Germania undenkbar. Mehr noch: Dort hätten auch Taschendiebe keine Chance. Was die bisher erbeuteten, so Malowitschko, würden die Kollegen in Moskau in einer Halbzeitpause einsammeln. Elke Windisch, Moskau

HOLLAND REIST AUF EINMAL NACH

STUTTGART

„Deutsche sind gute Gastgeber, überall kann gut und bezahlbar gegessen werden und jeden Tag ist ordentlich etwas los.“ Marie José Kleef vom „NRC Handelsblad“ schreibt ganz begeistert über Stuttgart und Umgebung, eine Stadt, die auch neben dem Fußball viel zu bieten hat. Stuttgart! Früher war Berlin, beziehungsweise West-Berlin, die einzige deutsche Stadt, die in niederländischen Augen Gnade fand. Aber jetzt Stuttgart. Die Begeisterung über Deutschland ist nicht erst durch die WM entfacht, spätestens seit dem Umzug der Regierung nach Berlin 1999 hat sich das Deutschlandbild total gewandelt. Hier ist es schön, man kann gut Urlaub machen, Natur erleben und billig einkaufen. Das schätzen die Niederländer. Und Königin Beatrix freute sich am Mittwoch, dass sich die niederländischen Fans bis jetzt in Deutschland gut benommen hätten, war im „Algemeen Dagblad“ zu lesen. Na bitte! Rolf Brockschmidt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben