Medien : Peinliche Patrioten bei „Beckmann“

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Herr Kalle, worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert?

Drei Dinge. Erstens: über den Hype um das Buch von „Spiegel“-Kulturchef Matthias Matussek, der die unfassbar langweilige These vertritt, dass die Deutschen doch nun mal bitteschön wieder stolz auf ihr Land sein sollten. Und wenn er das dann bei „Beckmann“ auch so vertritt, und neben ihm sitzen vier andere Deutsche, die im Prinzip zustimmen, aber alles erinnert an den Moment kurz vor einer Wirtshausschlägerei, dann hat sich das mit dem Stolzsein ganz schnell wieder erledigt, weil die Scham einsetzt. Zweitens: Die Berichterstattung über den so genannten „Amoklauf“ eines 16-Jährigen bei der Eröffnungsfeier des Berliner Hauptbahnhofs, die in dem Rechercheergebnis gipfelte, dass der Junge Raucher ist. Mag dieses Monster am Ende auch noch Gummibärchen? Drittens: Warum genau bekommt Peter Handke jetzt noch mal NICHT den Heine-Preis? Weil die Jury keine Ahnung von Politik hat oder Politiker keine Ahnung von Literatur? Eine Woche lang war Zeit, diese Frage zu beantworten, hat keiner gemacht, jetzt ist es hoffentlich zu spät.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Freuen wäre zuviel. Angenehm überrascht war ich über den lustigen Wahnsinn, als Hape Kerkeling am Sonntag die Moderation der Show „Wer wird Millionär“ übernahm und Jauch auf den Kandidatenstuhl musste – eine so selten gewordene anarchistische Sternstunde im deutschen Fernsehen. Meine Herren: Verneigung! Übrigens auch vor den Leistungen der Kolleginnen und Kollegen im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft: spannende, kluge, amüsante Beilagen und Sonderseiten in den Printmedien, grundsolide Arbeit bei ARD und ZDF und liebevolle Reportagen und Historisches im Nachtprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender. Über WM-Nörgler sollte man sich ohnehin seit einem Jahr nicht mehr ärgern, weil es langweiliger kaum noch geht.

Matthias Kalle

ist Chefredakteur des Hauptstadtmagazins „Zitty“.

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