Peking : Schöne Bilder zu bösen Spielen?

Nicht nur für die Sportler sind die Olympischen Spiele in Peking ein Politikum. Genauso spannend ist, wie die TV-Journalisten die Herausforderung bewältigen werden

Bernd Gäbler

In der NDR-Talkshow hat er es zugegeben. Selbst dem robusten Waldi („Ich lasse mir das Duzen nicht verbieten“) Hartmann wird ganz mulmig, wenn er an Peking denkt. Ist es wohl passend, wenn er nach einem Wettkampf-Tag zur fröhlichen Gaudi in seinen „Olympia-Club“ lädt? Auch wenn am Tag selbst gerade der erste Sportler suspendiert wurde, weil er während der Siegerehrung ein Tibet-Fähnchen geschwenkt hatte? Wie soll Reinhold Beckmann die Eröffnungsfeier kommentieren, wenn sie doch vor allem eine Propagandaschau des diktatorischen Regimes ist? Wird man das der Feier ansehen? Muss er es erklären? Soll er Landeskundliches zu Tanz und Musik einfach weglassen und stattdessen nur aufzählen, wer das Spektakel boykottiert?

Und dann noch der Sport selber! Die Chinesen werden Goldmedaillen abräumen wie nie zuvor. Dazu einen nationalen Freudentaumel organisieren. Da ist skeptische journalistische Distanz angemessen. Passen dann aber Daumendrücken und großer Jubel, wenn beispielsweise eine „unserer“ Schwimmerinnen eine verdächtig breitschultrige Chinesin abhängt? In Peking werden sich Doping und Dopingfahnder ein makabres Wettrüsten liefern, und rundum tobt auch noch die Politik.

Was wird da aus dem Sport? Es wäre doch furchtbar aufgesetzt, mitten im 10 000-Meter-Lauf etwas über Menschenrechte zu erzählen oder jedem Sportler in der „mixed zone“ nach Sieg oder Niederlage gleich eine persönliche Meinung zur Autonomie Tibets, den Hinrichtungen in China oder gar zur Lage der Uiguren abzuverlangen. Aber peinlich wäre es erst recht, dies alles auszusparen.

Wird Michael Steinbrecher da lieber den Kumpel der Athleten geben oder sich moralisch empören? Ist es angemessen, wenn Kirstin Otto ungerührt einen Rekord nach dem anderen vermeldet? Oder erwarten uns gar als Zusatz zum Sport sportpolitische Kommentare von ZDFSportchef Dieter Gruschwitz?

Schon haben die ersten Athleten Sorge, mehr mit Mikrofonen als mit Gegnern kämpfen zu müssen. Sie wissen nicht, was sie dürfen. Manche sind nicht so unpolitisch, wie es die Funktionäre gerne hätten. Andere wollen einfach Höchstleistungen bringen, ohne deshalb als ignorante Deppen dazustehen. Die Sportler sind unsicher. Die Sportjournalisten nicht minder.

Mit der Vergabe der Olympischen Spiele nach Peking hat das IOC den Sport dramatisch in ein Knäuel von Politik und wirtschaftlichen Interessen verwickelt. Da ist es bigott, gleichzeitig ganz unschuldig einen reinen Sport, frei von äußeren Einflüssen zu fordern. Sportreporter, die allein der Sport interessiert, die ihn wieder herauslösen wollten aus seinen Verstrickungen, machten sich zu Handlangern.

Was aber ist die westliche Politik? Sie stellt sich dar als eine wilde Mischung von Appeasement, Wandel durch Annäherung und kampagnenartiger menschenrechtlicher Selbstbestätigung. Der einzelne Sportler hängt ziemlich ohnmächtig dazwischen wie eine Marionette, an deren Fäden nun alle ziehen. Jetzt auch noch bekenntnissüchtige Journalisten.

Recht unterwürfig gegenüber den chinesischen Machthabern wirkt die Wirtschaft, die doch den Wandel bewirken soll. Vor rund zwei Wochen war in der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ ein launiges Filmchen zu sehen, das Felix Magath, den Trainer des VfL Wolfsburg als joggenden Fackelträger in Griechenland zeigte. Es fiel kein kritisches Wort. Erst vierzehn Tage später anlässlich einer Automobilausstellung in China wurde kritisch gefragt, ob es richtig sei, dass VW Sponsor des olympischen Fackellaufs ist. VW hatte auch Magath nach Griechenland eingeflogen. Die Sportredaktion hatte nicht gefragt. Könnte das damit zusammenhängen, dass VW auch das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF unterstützt?

Die mittlerweile berüchtigten chinesischen Spezialkräfte, die so genannten „Fackelschützer“, treten in Trainingsanzügen von Adidas auf. Gibt es einen Sportreporter, der da nachgefragt hat? Wird das auf den chinesischen Markt schielende Sponsoring überhaupt thematisiert werden?

Und unsere Sportfunktionäre? Werden sie in den Sportsendungen wieder hauptsächlich als sachliche Auskunftei vorkommen oder wagt man es, sie auch konfrontativ zu befragen? Wird NDR-Sportchef Axel Balkausky, der doch gerade erst vom privaten DSF ins Öffentlich-Rechtliche wechselte, seine Leute dazu anhalten? Kann Schwimm-Experte und HR-Sportchef Ralf Scholt das, wenn er doch schon vor Rudolf Scharping einknickte und bereit war, das journalistische Recht auf Informantenschutz über Bord zu werfen?

Fast überflutet sind die Sportredaktionen inzwischen von ehemaligen Sportlern, die nun als „Experten“ dienen. Dem Journalismus tut das nicht immer gut. Was muss so ein Experte – sagen wir – für die technischen Disziplinen der Leichtathletik überhaupt wissen von chinesischer Politik? Das Allgemeinwissen dürfte kaum hinausgehen über das Klischee: Tibeter beten und Chinesen schießen. Für die Berichterstattung aus Peking brauchen ARD und ZDF neben ihren Korrespondenten und den Sportreportern unbedingt einen Pool zusätzlicher Reporter.

Statt Boykott kann nur größte Transparenz das Ziel sein. Wie zu jedem sportlichen Großereignis müsste es Erkundungen des Landes geben – nur bitte diesmal jenseits der Klischees und nur ja nicht launig-bunt aufbereitet. Dennoch ist Dokumentation die Aufgabe, nicht Aktion. Eigene Kameras sind wichtig, eigene Inszenierungen abwegig. Manch ein Sportler könnte durch die Kameras verführt werden, Politik mehr zum Eigennutz als zum Nutzen der Tibeter einzusetzen. Werden unsere Sportberichterstatter dafür genügend Fingerspitzengefühl haben?

Die klugen deutschen Fechterinnen zum Beispiel vertreten diametral entgegengesetzte Meinungen. Die engagierte, als „beratungsresistent“ geltende Imke Duplitzer will demonstrativ der Eröffnungsfeier fernbleiben, während ihre Mannschaftskameradin Britta Heidemann, studierte Sinologin, die sich in China fast heimisch fühlt, alles vermeiden will, was die Gastgeber vor den Kopf stoßen könnte. Die Sportlerinnen müssen Obacht geben, dass dieser Pluralismus nicht zur heftigen Polarisierung medial missbraucht wird.

Für die Sportjournalisten gibt es keine dem Paragraphen 51 der Olympischen Charta analoge „guide line“ für korrektes Verhalten. In Peking wird es – wie selten zuvor – auf ihr Wissen, ihren politischen Verstand, aber auch auf Taktgefühl und das Gespür für falsche Inszenierungen ankommen.

Am 5. Mai wollen die öffentlich-rechtlichen Sender Konzeptionelles zu ihrer Olympia-Berichterstattung vortragen. Wir dürfen gespannt sein. Aber entscheidend ist natürlich die Praxis. Und da gilt: auch wenn das Gros der Live-Berichte hierzulande tief nachts stattfindet – kein Bild, kein Wort wird verschwinden im Dunkel der Nacht.

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