Medien : Permanente WerbebotschaftPro

Von Bernd Gäbler

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Es ist, als spreche man zu Automaten. Auf jede qualitative Kritik bekommt man als Antwort Reichweiten, Quoten, Akzeptanzstudien, am Ende die positiven Voten der Bildzeitungsleser um die Ohren gehauen. Unseren öffentlichrechtlichen Programmbürokraten und Verwertungsstrategen ist Streit um die „Sportschau“ nur lästig. Sie begreifen nichts. Jetzt lautet ihr Populismus: Gefühlskalte Kopfballspezialisten wollen dem Volk die Fußball-Emotionen rauben. So ein Quatsch. Was Fans und fußballverrückte Akademiker tatsächlich verbindet: beide kombinieren überbordende Identifikation und Distanz schaffende Ironie. Fußball ist todernst, Fußball ist ein Heidenspaß.

Dass Geld fließt, das geworben wird, kritisiert keiner. Den banalen Populismus gegen „die Millionarios“ teilen die akademischen „Sportschau“-Kritiker nicht. Aber mit Recht stört sie – stört uns –, dass der Gestus der Werbung die Sendung prägt. Zum Schaden des Fußballs, zum Schaden des Journalismus.

„Freuen Sie sich drauf!“, „Bleiben Sie am Ball !“ – man zähle einmal mit, wie oft wir im Laufe einer einzigen Sendung so angeschrien werden. Es wimmelt von Programmhinweisen, Teasern, Soundbites. Auch die Redaktion scheint da ihre Kraft und ihr Können hineinzustecken. Es gibt eine prächtig blinkende Oberfläche. Eigenständige journalistische Erkenntnisse über die Lage in den Vereinen gibt es nicht. Es wird nachgebetet, kolportiert, bestenfalls „weitergedreht“, wie „Bild“ auf den Spieltag einstimmt („Riesenwirbel um…“). Der ständige Druck auf das Tolle, das noch kommen werde, verhindert Analysen. Man erfährt schlicht nicht mehr, warum Mannschaft A gegen Mannschaft B eigentlich gewonnen hat.

„Noch nicht auf Betriebstemperatur“, „nicht aggressiv genug in den Zweikämpfen“, „Brauchen ein Erfolgserlebnis“, „Es ging hin und her“, „zu schlecht in der Chancenverwertung“, „auf die Euphoriebremse treten“ – Phrasen und Stanzen blockieren die Wahrnehmung, ersticken genaues Beobachten. Jeder Dichter und jeder Leser weiß, dass Sprache mehr ist als das Aneinanderreihen von Wörtern. Jeder Spieler, jeder Fan weiß, dass ein Spiel mehr ist als die Reihung von Torszenen, Fouls, strittigen Schiedsrichterentscheidungen und tobenden Trainern an der Seitenlinie. So aber verfährt die „Sportschau“: Sie präsentiert Eventreihen statt Kontext.

Das so einfache und doch wunderlich komplexe Spiel aber will durchschaut werden. Ein 0:0 kann ein lausiges Mittelfeldgestocher gewesen sein oder großartiges Rasenschach. Als Zuschauer hätte ich gerne hinreichende Sicherheit, das zu erfahren. Steffen Simon gibt sie mir nicht. Wenn man im Stadion war, erkennt man leider das Spiel in der „Sportschau“-Zusammenfassung allzu oft kaum wieder. Der Anspruch ist nicht vermessen: Die „Sportschau“ soll unterhalten und informieren. Sie soll keine Selbstinszenierung der Liga sein, sondern ein journalistisches Produkt. Stattdessen infantilisiert sie mit dem lauten Gestus einer permanent zu penetrierenden Werbebotschaft.

Der Autor ist Mitglied der „Deutschen Akademie für Fußballkultur“ und Mitunterzeichner des Offenen Briefes an die „Sportschau“-Verantwortlichen.

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