Medien : Pervertierte Heilkunst

Dreiteilige ZDF-Dokumentation über „Ärzte unterm Hakenkreuz“

„Die Amerikaner werden nicht wagen[mich aufz]

„Die Amerikaner werden nicht wagen, mich aufzuhängen“, notierte Karl Brandt in sein Tagebuch, und vor Gericht erklärte er sich für „nicht schuldig“. Beim Ärzte-Prozess in Nürnberg 1946/47 war er als ranghöchster Mediziner im NS-Staat der Angeklagte Nummer 1. Doch wer war Karl Brandt? Zur Symbolfigur einer in Hitler-Deutschland pervertierten Heilkunst wurde Josef Mengele, der die Menschen an der Rampe von Auschwitz in den Tod schickte und Zwillinge in grausamen Experimenten quälte. Aber der niemals gefasste Mengele war kein einzelnes Monster unter lauter harmlos-unpolitischen Kollegen: „Keine andere Berufsgruppe war so früh so aktiv dabei“, urteilen die ZDF-Autoren Ulrich Knödler und Christian Feyerabend über die „Ärzte unterm Hakenkreuz“. Drei Viertel traten Nazi-Organisationen bei. Und die auch in anderen Ländern betriebene Rassenforschung ging mit der NS-Ideologie eine unheilvolle Verbindung ein.

Ein Thema wie geschaffen für Guido Knopp, sollte man meinen. Doch nicht die übliche Konfektionsware der Mainzer Zeitgeschichtler gibt es hier zu sehen, sondern das Bemühen der ZDF-Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft um ein „differenziertes, facettenreiches Bild“, so Redaktionsleiter Hans Helmut Hillrichs. Tatsächlich folgt der Dreiteiler nicht der Knoppschen Einheitsästhetik und (meist) auch nicht seinem pathetisch- überhöhten Tonfall, der keine Fragen zulässt. So werden Beispiele für eine „auf vielen Gebieten fortschrittliche NS-Medizin“ aufgezählt: Erstmals wurde das Rauchen mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht. Und in groß angelegten Röntgenreihen wurde der Tuberkulose der Kampf angesagt – freilich folgte aus Ärztekreisen der Vorschlag, infizierte Polen und Juden „auszumerzen“. Denn der „gesunde Volkskörper“ war nun das Maß aller Dinge. Es wurde aussortiert, zwangssterilisiert, getötet.

Ziemlich überflüssig wirken die eingebauten inszenierten Szenen, doch das Publikum wird durch Zeitsprünge und Exkurse stärker gefordert, als das sonst im ZDF üblich ist. Den roten Faden bildet der Nürnberger Prozess gegen Karl Brandt, den Begleitarzt Hitlers und Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen. Und weil die einzelnen Folgen eng miteinander verbunden sind, werden sie an drei Tagen hintereinander ausgestrahlt;Johannes B. Kerner hat also in dieser Woche frei und kann sich auf die 500. Ausgabe seiner Show am 20. April vorbereiten.

Erstmals konnten für die Dokumentation die Tagebücher des Karl Brandt ausgewertet werden. Er war seit Januar 1932 NSDAP-Mitglied und zählte durch seine Verlobte, eine prominente Sportlerin, zu Hitlers engem Bekanntenkreis. Die Autoren sehen erstaunliche Parallelen zu Hitlers Lieblingsarchitekt: Wie Albert Speer verschloss Brandt die Augen vor den antisemitischen Gewalttaten. Und wie Speer taugt Brandt nicht als Abziehbild eines Nazi-Mordbuben. „Er ist glaubwürdig, integer und stellt sich dem Gericht“, resümiert ZDF-Redakteur Reinold Hartmann nach der Lektüre der Brandt-Tagebücher. Allerdings: „Einsicht kann man nicht konstatieren“, erklärt Knödler. Noch vor dem Gericht in Nürnberg verteidigt Brandt die Euthanasie-Morde, an denen er beteiligt war. Am 2. Juni 1948 wurde Karl Brandt hingerichtet. Auch in diesem Punkt hatte er sich also geirrt. Thomas Gehringer

„Ärzte unterm Hakenkreuz“, 23 Uhr, ZDF. Der zweite Teil folgt am Mittwoch um 22 Uhr 45; der dritte am Donnerstag um 23 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben