Medien : Peter Sodann im Gespräch: "Wir müssen demütig sein"

Warum sind Sie damals eingesperrt worden?

Peter Sodann ist dem Fernsehpublikum vor allem als "Tatort"-Kommissar Bruno Ehrlicher bekannt. Als Kabarettist vom Leipziger "Rat der Spötter" saß der gebürtige Meißener zu Beginn der sechziger Jahre in DDR-Untersuchungshaft und wurde wegen "staatsgefährdender Hetze" zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jahre später durfte er wieder als Schauspieler arbeiten, etwa bei Helene Weigel am Berliner Ensemble und in zahlreichen Defa-Filmen. 1980 begann der vierfache Vater in Halle/Saale das "neue theater" aufzubauen, wo er bis heute als Intendant die Fäden zieht.

Warum sind Sie damals eingesperrt worden?

Ich kann mich nur noch an einzelne Szenen unseres Kabaretts erinnern. Eine ging so: "Leute, was macht ihr da?" "Wir reißen die Ziegelei ab." "Aber wir brauchen die Ziegel doch." "Darum reißen wir sie ja ab." Unser Programm hieß: "Wo der Hund begraben liegt." Tagelang wurden wir vernommen und gefragt, wo denn nun der Hund begraben liegt. Das konnten wir natürlich nicht sagen. Die neun Monate Untersuchungshaft, davon sechs in Einzelhaft, das war meine eigentliche Universität. Auch später war ich im Grunde ständig in Untersuchungshaft: Es war immer jemand von der Stasi um mich herum. Aber das hat mich nicht gestört, man kann sich sein Leben danach einrichten.

Wollten Sie niemals aus der DDR fliehen?

Das hatte ich nie im Sinn. Ich wollte den Kommunismus aufbauen, und das ist auch heute noch meine Idee.

Sie sind immer noch Kommunist?

Wenn man so will, ja. Aber gemeint ist nicht der Kommunismus, den die Sozialistische Einheitspartei wollte. Wir haben uns damals "betende Kommunisten" genannt.

Was meinten Sie damit?

Die Kommunisten wollen das Gottesreich auf Erden, aber das funktioniert nicht. Es gibt Dinge auf der Welt, die wir nicht können, weil wir eben nicht Gott sind. Also müssen wir auch demütig sein.

Sind Sie religiös?

Ich würde mich als religiös bezeichnen, aber nicht als gottesgläubig.

Haben Sie bis zuletzt gehofft, die DDR reformieren zu können?

Nein, das ging nicht mehr. Mit der Einrichtung von Intershops und Raststätten, an denen nur Westler halten durften, wussten wir, dass es nun vorbei ist. Dass ich im tiefen Kapitalismus ende, war natürlich nicht der Gedanke (lacht). Aber Sie sehen, es geht doch nicht schlecht.

Beschäftigt man sich im Osten noch zu sehr mit der Vergangenheit?

Ich möchte die DDR nicht wiederhaben, aber ich möchte sie auch nicht missen, weil es ja mein Leben war und ich dabei viel gelernt habe. Ostalgie ist Schwachsinn, ich halte das für eine Verwirrung des Geistes. Ich glaube, dass 16 Millionen ehemalige DDR-Bürger noch allerhand einbringen werden. 40 Jahre DDR sind nicht spurlos vorüber gegangen, aber 40 Jahre Schwarzwald-Uhr auch nicht am Wessi. Das neue Deutschland hat sich noch nicht durchgesetzt.

Da spricht der Kommunist?

Eher der Anhänger der Französischen Revolution. Diderot (franz. Schriftsteller, 1713-1784) sagte einmal: Wenn es in einem Land Menschen gibt, die Angst haben, Kinder in die Welt zu setzen, dann ist das Land nicht in Ordnung. Wenn ich dieses Land betrachte, in dem ich mit Freuden lebe, würde ich sagen: Dieses Land ist nicht in Ordnung.

Was bedeutet es für Sie, in diesem Land "Tatort"-Kommissar zu sein?

Im "Tatort" hat man immer noch die Möglichkeit, so nebenbei ein paar Dinge zu äußern, die zur Befriedung zwischen Ost und West beitragen könnten. Und dann freut man sich, dass viele Menschen einen freundlich grüßen, auch mal mit einer Bitte kommen. Das reicht bis zu der Bitte, einem die Rente auszurechnen. Manchmal verwechseln die Leute alles, weil sie ja ihre Erfahrungen nicht mehr aus dem alltäglichen Leben nehmen, sondern aus dem Fernsehen - was keine gute Einrichtung ist.

Was macht einen "Tatort" zu einem guten "Tatort"?

Er muss eine gesellschaftskritische Grundlage haben. Damit meine ich nicht, dass darin eine Bank überfallen werden muss.

Haben Sie in der DDR "Tatort" geschaut?

Nee, überhaupt nicht. Ich bin ja aus Meißen, Dresden, dem Tal der Ahnungslosen. Als Schauspieler war ich in der Stadt mit den drei Os - Korl-Morx-Stodt. Und da konnte man Westfernsehen nicht sehen, außer mit dem "Russentöter", so nannte man das Gerät, was man selber bastelte, um die Streifen auf dem Fernsehschirm einzudämmen.

Sie spielen jetzt selbst eine bekannte Fernsehfigur. Fühlen Sie sich wohl in dem Umfeld?

Nein. Ich weiß nicht, was in uns gefahren ist. Von Schmidt bis Raab - das sind alles Produzenten einer Lachgesellschaft, in der die Menschen nur Schaufensterpuppen sind.

Was mögen Sie am Fernsehen?

Der Lenin hat mal gesagt, von allen agitatorischen Künsten ist mir die Filmkunst am liebsten. Das ist schon ein Wahnsinn, dass man auf dem Bildschirm Millionen Menschen ansprechen kann. Außerdem eröffnet das Fernsehen die Möglichkeit, irgendwohin zu schauen, wo ich sonst niemals hinschauen könnte.

Sie spielen den Stasi-Chef Erich Mielke im "Deutschlandspiel", einem ZDF-Dokudrama, das im Oktober ausgestrahlt wird.

Das ist für mich ein historisches Schicksal. Vor der Wende hat Christoph Hein "Der Tangospieler" geschrieben. Der Roman handelte von unserem Kabarett "Rat der Spötter". Bei der Verfilmung später wurde mir die Rolle des Stasi-Mannes angeboten, der mich damals verhaftet hat. Den habe ich natürlich gerne gespielt. Jahre später schrieb Erich Loest die "Nikolaikirche". Dabei habe ich den Stasi-Mann gespielt, der mich damals vernommen hat. Und jetzt habe ich den gespielt, der die Oberaufsicht hatte.

Ist das eine Erleichterung, wenn man diese Leute mal darstellen kann?

Ach nee, aber es ist schon interessant.

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