Medien : Peter Steins "Faust": Des Bildschirms Kern

Rüdiger Schaper

Fernsehen und Theater: Das ist eine schwierige, langwierige Beziehungskiste. Vor vielen Jahren, als Peter Stein noch die Berliner Schaubühne führte, gab es die Institution der "Aktuellen Inszenierung". Wichtige Stücke liefen in schöner Regelmäßigkeit über den Bildschirm. Aus finanziellen, aber auch ästhetischen Gründen kam man eines Tages von dieser ehrwürdigen Übung ab.

Theater im Fernsehen: Das passt nicht zusammen, ist weder Fisch noch Fleisch. Diese Ansicht ist aber auch längst wieder überholt. Die regelmäßigen 3-sat-Live-Übertragungen vom Berliner Theatertreffen sind zu einem Bestandteil (und bedeutenden Sponsor) des Bühnen-Festivals geworden, und die Einrichtung eines ZDF-Theaterkanals trägt nicht nur der immer stärkeren Spezialisierung im Fernsehangebot Rechnung, sondern auch der Tatsache, dass die Theatralisierung der Fernseh-Welt unaufhaltsam fortschreitet. Durchinszenierte Doku-Soaps wie "Big Brother" oder "Girlscamp" sprechen eine deutliche Sprache - alle wollen, alle spielen Drama. Christoph Schlingensief (und viele andere junge Theaterregisseure) holen eifrig TV-Terror auf die Bühne. Und schließlich: Lebt nicht auch Thomas Gottschalks "Wetten, dass ... ?", die erfolgreichste Sendung im deutschen Fernsehen überhaupt, von der Idee der irren Wette, gerade so, wie Goethes "Faust", wo Gott und Teufel um die arme Seele eines Menschen ringen?

Alle Bedenken gleich einmal beiseite geschoben: Keine Theater-Inszenierung der letzten Jahre eignet sich so hervorragend für das Fernsehen wie Peter Steins "Faust"-Marathon. Was Stein vorschwebte, was er mit wildem Eifer anstrebte, war, Goethes Verse zum Klingen zu bringen. Ohne jeden Abstrich, ohne inszenatorische Krücken und Clous. Das scheint sich im Medium Fernsehen durchaus zu realisieren. Eindringlicher und gegenwärtiger als in der Arena Treptow, wo die Bühnenfassung noch bis zum Sommer zu sehen ist.

Das Fernsehen als Hüter hoher Sprachkultur. Wenn das keine Neuigkeit ist! Wer Steins Theater-Gewaltmarsch am eigenen Leib erlebt hat, reibt sich nun die Augen, und die Ohren gehen einem auf. Denn das Fernsehen spielt seine elementaren Qualitäten aus. Man ist ganz einfach näher dran, und die Textverständlichkeit verbessert sich erheblich. Faust-Darsteller Bruno Ganz entfaltet das Drama des gebildeten, sich durch die Weltgeschichte zappenden Intellektuellen hier schon in seiner Mimik. Da hat es der Theaterbesucher sehr viel schwerer, er bleibt in der Distanz.

Sind es unsere Sehgewohnheiten - oder liegt das Geheimnis in Goethes Lebenswerk beschlossen, dass das Fernsehen den "Faust" plastisch enthüllt? Die "Faust"-Tragödie ist in ihrem Kern weniger Abenteuer-Story und Action-Drama als eine wildwuchernde Ideenwelt, ein gigantisches Frage- und Antwortspiel, ein Welt-Quiz. Die Fernsehadaption dringt da in weiten Teilen tiefer vor als die Bühnenfassung - ins Poetisch-Meditative nämlich. Mit dem Wegfall der Umbauten, der langen Fußmärsche durch die "Faust"-Halle, der wilden Sitzplatzsuche, den langen Pausen ist all der physische Ballast abgeworfen. "Faust" spielt nun wieder da, wo er seinen Ursprung hat: im Kopf. Steins puristische "Faust"-Idee, die zum bebilderten Hörspiel tendiert, scheint sich auf dem Bildschirm vom Ärgernis zum Ereignis zu wandeln (Die Regie im ersten Teil führt Peter Schönhofer, im zweiten Thomas Grimm.).

Mit dieser aufwändigsten Adaption einer Theaterinszenierung in der Geschichte des Fernsehens bricht die uralte Gelehrtendebatte wieder auf, ob Goethes "Faust", insbesondere der zweite Teil, überhaupt ein Theaterstück, ein spielbarer Text sei. Auch Peter Steins titanische Regieanstrengung hat diesem Jahrhunderte alten Streit wenig Neues hinzugefügt. Doch es gibt im ersten Teil eine Schlüsselszene, die eine Lösung andeutet. Stein lässt den Erdgeist (Hans Michael Rehberg) auch auf der Bühne als mächtige Video-Erscheinung auftreten - eine der eindrucksvollsten Szenen des Bühnenmarathons überhaupt. Offenbar liegt in der Vermischung der Medien, wie sich später auch in der Walpurgisnacht zeigt, der faustische Hund begraben.

Was Peter Stein nach Kräften und mit Traditionsmitteln zusammenzwang, das löst sich im 3 sat-"Faust" wieder in Bilder, Stimmen, Schemen und Überblendungen auf. Theater im TV wiegt immer "schwer", wirkt künstlich und meist etwas deplatziert. Hier tritt der umgekehrte Effekt ein: Die Figuren bekommen etwas Fließendes, Schwebendes, der ganze "Faust" lockert sich.

Über Jahrzehnte war der Hamburger "Faust" von und mit Gustaf Gründgens und Will Quadflieg das kanonisierte Anschauungsmaterial. Als Film, weniger als Theateroriginal, hat der Gründgens-"Faust" das Bild von Goethe geprägt. 3 sat und Peter Stein dürften nun an diese Stelle treten - für die nächsten dreißig, vierzig Jahre. Denn so wirkt der neue Fernseh-"Faust" auch jetzt bereits: zeitlos und ein bisschen angestaubt.

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