Medien : Phantom Mimi Blaise

Kommissar Ehrlicher sucht eine Bestsellerautorin

Barbara Sichtermann

Wer steckt hinter Sariel, der farbenblinden Kultfigur aus einem Bestseller-Roman? Wer hat sich den dunklen Helden ausgedacht? Der Name der Autorin ist Mimi Blaise, aber niemand hat die Dame je gesehen, nicht einmal ihr Verleger. Doch dann wird eine Frau ermordet, die sich kurz zuvor als die Erfolgsautorin ausgegeben hatte. War der Mörder hinter den Rechten her, den Tantiemen, dem Erlös aus dem Verkauf von Gimmicks? War er ein Fan, der verhindern wollte, dass die Autorin Sariel sterben lässt? Ein undurchsichtiger Fall, der von vorn beginnt, als sich herausstellt, dass das Opfer keinesfalls mit der Schriftstellerin identisch ist. Der Mörder hat die Falsche erwischt. Und falls er seine Tötungsabsicht weiter verfolgt, wird er jetzt mit der Polizei um die Wette das Phantom Mimi Blaise jagen.

„Racheengel“ ist ein ziemlich verwickelter „Tatort“, ein Fall, der unlösbar schiene, wäre da nicht der Kommissar Ehrlicher (Peter Sodann) mit dem milden Gesicht und der tröstlichen Stimme, mit der Ausstrahlung des Menschenkenners, dem man vertrauen kann, selbst als Verbrecher. Dieser Polizist lässt sich nicht bluffen. Der braucht einen Verdächtigen nur eine Weile anzuschauen, ohne viel Bewegung, vielleicht mit der Spur eines Lächelns, und schon packt der aus. Und wäre da nicht sein getreuer Partner Kain (Bernd Michael Lade), der sich zwar hin und wieder bluffen lässt, dafür aber schneller rennen kann als Ehrlicher ...

Die beiden tauchen ein in ein Milieu, das ihnen fremder nicht sein könnte, in die Szene des literarischen Hypes um den schwarzen Engel Sariel, in den Jahrmarkt der Eitelkeiten auf der Leipziger Buchmesse, das Getute um verhehlte Identitäten und fiktive Gestalten, und sie stapfen durch diesen wunderlichen Kosmos mit ihrer stinknormalen Bodenständigkeit als sympathische Kontraste. Als sich dann eine Kollegin anbietet, den Lockvogel zu spielen, kriegt die Sache richtig Strom.

Dies ist nun Peter Sodanns vorletzter „Tatort“. Einen soll’s noch mit Ehrlicher geben, dann tritt der alte Bulle ab, und man fragt sich natürlich, wie es weitergehen soll. Wie auch immer, Peter Sodann, der wegen seiner überzeugenden Darstellung des „Tatort“-Ermittlers von der sächsischen Polizei zum „Ehrenkommissar“ ernannt worden ist, wird arg fehlen. Man wird die schöne Ruhe, ja Unerschütterlichkeit, aus der heraus er die Lage interpretiert und seine Schlüsse zieht, nicht mehr wiederfinden. Auch Leipzig wird als „Tatort“ kälter, citymäßiger und globalisierter erscheinen, so wie die westdeutschen Städte. Sodann/Ehrlicher hat sie ja mitverkörpert, die Geschichte dieser Stadt während der letzten fünfzig Jahre, und wenn er geht, endet eine Ära.

Die Regie von Hannu Salonen hat diesen mit viel Phantasie ersonnenen Krimi (Buch: Mario Giordano, Andreas Schlüter) in klare, sprechende Bilder übersetzt, so dass der Zuschauer einigermaßen durch all die Spiegelfechtereien hindurchfindet. Gegen die überdramatisierende Musik von Karim Sebastian Elias konnte er sich offenbar nicht zur Wehr setzen. Sie soll wohl den „Sariel“-Strang der Handlung akustisch unterstreichen, überdröhnt aber leider auch bisweilen die feine Lakonie des den Film tragenden Polizistenpaares.

„Tatort“, Montag, 20 Uhr 15, ARD

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