Phoenix-Dokumentation : Der Skandal vor der Krise

„Der Enron-Bankrott“ ist ein Lehrstück über den Casino-Kapitalismus. Es hätte ein Warnschuss sein können, doch niemand hörte zu.

Thomas Gehringer

In den Jahren 2000 und 2001 litt Kalifornien trotz ausreichender Kapazitäten unter rätselhaften Stromausfällen. Energiekonzerne wie der US-Riese Enron fuhren ihre Kraftwerke und damit die Stromversorgung herunter und trieben dadurch die Preise auf dem deregulierten Strommarkt in atemberaubende Höhen. Ein böses Spiel, unter dem die Verbraucher zu leiden hatten. Zu den Bildern von Menschen in stecken gebliebenen Aufzügen und von Verkehrsunfällen an Kreuzungen mit ausgefallenen Ampeln hört der Zuschauer Mitschnitte aus zynischen Telefongesprächen. Enron-Mitarbeiter belustigen sich über die selbst herbeigeführten Zustände in Kalifornien, die ihrer Firma einen so schönen Profit bescherten. Jetzt würde noch ein Erdbeben fehlen, sagt einer. Sollen die doch die Kerzen auspacken, sagt ein anderer.

Die kalifornische Stromkrise ist nur eine Episode in dem US-Dokumentarfilm „Der Enron-Bankrott“, den Phoenix in Originalfassung mit Untertiteln ausstrahlt. Die künstliche Preistreiberei hatte den Konzern nicht mehr retten können: Am 2. Dezember 2001 ging die siebtgrößte Firma der USA bankrott. Die Pleite schockte das Land kurz nach den Terrorattacken des 11. September erneut und galt bis vor einem Jahr als größter Finanzskandal in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Doch der 2005 produzierte und für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominierte Wirtschaftskrimi ist keineswegs durch die jüngsten Ereignisse überholt. Er wirkt nun, nachdem windige Finanzkonstruktionen an den Börsen eine globale Krise ausgelöst haben, wie ein folgenlos gebliebener Warnruf.

Enron war eine riesige Luftnummer, bei der die Verluste durch Betrügereien und buchhalterische Tricks in Bilanzgewinne und während des New-Economy-Booms in gewaltige Kurssprünge an den Börsen verwandelt wurden. Das Unternehmen galt in den USA als innovatives Vorzeigeprojekt. Konzernchef Ken Lay war als Finanzminister beim neu gewählten Präsidenten George W. Bush im Gespräch. Film-Autor Alex Gibney erzählt nicht nur eine Skandalchronik, sondern sucht nach den Ursachen der Gier – in der Persönlichkeit von Top-Managern wie Geschäftsführer Jeffrey Skilling und in einer aggressiven Unternehmenskultur, die bisweilen an Sekten erinnert.

„Der Enron-Bankrott“ – ein kurzweiliger Mix aus Interviews, entlarvenden Ton- und Film-Dokumenten – ist ein Lehrstück aus dem Casino-Kapitalismus, bei dem jedoch nicht nur die Manager am Pranger stehen, sondern auch alle, die die Augen zumachten, solange sie mitverdienen konnten: Analysten, Wirtschaftsprüfer, Anwälte, Banker. „Jeder saß mit im Boot“, sagt Sherron Watkins, die ehemalige Vize-Präsidentin von Enron, die am Ende vor dem US-Kongress als Kronzeugin gegen ihre Vorstandskollegen aussagte. „Und es kann wieder passieren.“ Ist es dann ja auch, beängstigend schnell. Thomas Gehringer

„Der Enron-Bankrott“, 22 Uhr 30, Phoenix

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