"Pioniere des Erdöls" : Eine Arte-Doku über die Glücksritter im Heidesand

Was passierte, als 1859 im Bauerndorf Wietze der Ölrausch ausbrach

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Noch heute sind in Wietze Spuren der Erdölbohrungen zu finden
Noch heute sind in Wietze Spuren der Erdölbohrungen zu findenFoto: NDR

„Der schwarze Tod geht durch das Land“, dichtete der Sänger der Lüneburger Heide Hermann Löns (1866–1914), als das Erdölfieber die romantische Landschaft erheblich störte. In Wietze, einem Bauerndorf bei Celle im damaligen Königreich Hannover, war man im Juni 1859 auf eine Erdöllagerstätte gestoßen. Tom Fischer, der Autor des knapp einstündigen Dokumentarfilms „Pioniere des Erdöls“, hat sich in Wietze umgeschaut und in den Archiven gegraben.

Die Bauern erkannten damals die Gunst der Stunde und waren klug genug, sich ihren Grund und Boden von keinem herbeigeeilten Kapitalisten abkaufen zu lassen, sondern den bald einsetzenden Geldsegen selbst aufzufangen. Als 1899 noch ein zweites, größeres Ölfeld erschlossen wurde, strömten Glückssucher aus aller Herren Länder herbei. Ein dichter Wald von Bohrtürmen wuchs in den Himmel und mit ihm der Ort in die Weite. Bahnanschluss, ein eigener kleiner Hafen und Elektrizität erzeugten ein Flair von Modernität. Abends erstrahlten die Lichter der Restaurants. Zugleich war es ein Stück Wildwest, wo man seine Streitigkeiten gern mit Fäusten, Messern und sogar mit Pistolen ausfocht.

Davon können die alten Männer am Stammtisch in Wietze noch jenes Lied singen, das sie von ihren Großvätern gehört haben: Einem Sturm gleich war die neue Zeit mit ihrem Rohstoffhunger über das beschauliche Dorf gekommen, hatte Reichtum in manche Taschen gespült und war doch nach wenige Jahrzehnten wie ein Spuk verflogen. 1910 hatte die Förderung an diesem Ort noch achtzig Prozent des deutschen Bedarfs gedeckt. Bald aber versiegten die Vorkommen, und als die Inflation kam, verfiel auch das schnell erworbene Vermögen. Kleine Mengen Erdöl wurden bis 1963 im Stollenabbau gefördert.

Die Entdeckung des flüssigen Goldes ist einem Förster zu verdanken, der gar nicht aus dieser Gegend stammte. Sohn und Enkel sollte die Gewinnsucht in den Hochmut treiben. Letzterer warf die Sache hin, als nicht mehr alles nach seinem Kopf ging. Wir begegnen Männern voller Unruhe und Wagemut, stets korrekt mit Anzug und Krawatte, selbst wenn sie nach ihren Arbeitern schauen.

Der Film führt in ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Gründerzeit ein: mit Statements von Zeitzeugen und nachgestellten Szenen, wo Dokumente nicht reichten. Nach den Folgen für die Umwelt wird indes nicht gefragt, auch für das Wietze von heute blieb kein Raum. Dafür weist Fischer auf die Entdeckung hin, die dem Ort einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde sicherte: Nicht auf den Erdölfeldern von Texas, sondern im niedersächsischen Wietze fand 1859 die erste erfolgreiche Bohrung nach Erdöl statt – mit drei Monaten Vorsprung. Hans-Jörg Rother

„Pioniere des Erdöls“, Arte, Freitag, 17 Uhr 30

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