PLÄDOyer : Warum Radio? Darum!

Wie ein Medium durch die Zeiten kommt.

Hans-Jürgen Krug
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Radio ist ein allgegenwärtiges Medium. Fast jeder Deutsche hat einen Radioapparat, ein Autoradio oder einen mobilen Empfänger; die meisten haben sogar mehrere. Und die Geräte werden auch intensiv genutzt. 198 Minuten hört ein durchschnittlicher Nutzer heute täglich Radio, mehr als drei Stunden also.

Doch Hörfunk ist in Deutschland seit den Anfängen 1923 ein regionales Medium. Die ersten Programme wurden über die knisternde Mittelwelle ausgestrahlt, erst seit den 50er Jahren erlaubte die neue Ultrakurzwelle (UKW) öffentlich-rechtliche Angebote in besserer Qualität. Da die Ultrakurzwellen nur geringe Reichweiten hatten, entwickelten sich in Berlin, Hamburg, München oder Saarbrücken eigenständige Radiolandschaften. Noch heute wird in Brandenburg oder Berlin sehr unterschiedlich gehört. In den ländlicheren Regionen erzielen Antenne Brandenburg und BB Radio Marktanteile von über 20 Prozent, in Berlin gelingt das keiner Welle mehr. Rund zwölf Prozent genügen hier zur Marktführerschaft; die meisten der über 25 Berliner UKW-Stationen erreichen jeweils weniger als fünf Prozent der Hörer.

Berlin gilt seit der Einführung des dualen Systems 1987 als der härteste Radiomarkt in Deutschland – mit einigen Besonderheiten. Der 2003 neu gegründete öffentlich-rechtliche RBB erreichte zuletzt rund 40 Prozent des hauptstädtischen Radiopublikums. Die Mehrheit hört Privatradio (bundesweit führt die ARD), die Hördauer liegt bei nur noch 171 Minuten täglich (2000: 209 Minuten). Auf keinem anderen Markt sind so viele Programme wieder verschwunden – Hundert,6, FAZ 93,6 Berlin, Radio Multikulti – oder sind wie JazzRadio und Radio Paradiso in der Gefahr, zu verschwinden. Krisenstimmung, Titanic-Gefühle gehören zur Berliner Radiolandschaft.

Doch der Hörfunk ist ein erstaunlich stabiles und vor allem flexibles Medium. Er etablierte sich nach 1923 als erstes, weitgehend gebührenfinanziertes elektronisches Massenmedium neben der Presse, behauptete sich seit den 60er Jahren als rein akustisches Medium neben dem so zugkräftigen Fernsehen und weitete seit Ende der 80er Jahre im dualen System seine Angebote erheblich aus. Die Hörer aber blieben ihrem „Heimatsender“ treu. Auch heute hört ein Durchschnittshörer nur 1,5 Programme täglich, ihm scheint sein „least objectionable program“ (Paul L. Klein), sein am wenigsten störendes Programm, zu genügen. Doch die Heimatsender wechseln inzwischen.

Zwischen 1950 und 1960 war der Abend mit seinen Kultur- und Unterhaltungsangeboten die bevorzugte Radiozeit. Als dann das Fernsehen den Abend eroberte, erfand sich das Radio neu. Morgen- und Mittagsmagazine wurden eingeführt, Autofahrer- und Servicewellen gegründet, nützliche Nachrichten („News to Use“) bevorzugt und der Nebenbei-Charakter der Angebote verstärkt. „Morningshows“ wurden in den 80er Jahren die wichtigsten Sendungen. Heute richtet sich das Tagesbegleitmedium Radio vor allem an die Nebenbeihörer, die Hördauer sinkt seit 2000.

Die Programme, die Machart, der Sound des Radios haben sich in den letzten fast 90 Jahren radikal verändert. Aus den „Kästchensendungen“ des Weimarer Hörfunks wurden Magazine, aus einzelnen Magazinen „Magazinprogramme“ – und dann wurden seit den 90er Jahren alle Wellen nach und nach formatiert. Jetzt wurde erstmals das gesamte Programm als Einheit geplant und – mithilfe von Computern – präzise gestaltet. „Tagesuhren“ legten fest, was wann und wie gesendet wurde, wie rhythmisch der Morgen und wie entspannend der Nachmittag werden sollten. Modernes Radio betreibt vor allem „Mood Management“, Stimmungsmanagment. Die privaten Programme richten sich dabei vor allem an die – werberelevante – Zielgruppe der 19- bis 49-Jährigen und setzten vor allem auf das AC-Format. AC steht für Adult Contemporary, die Hits der 60er, 70er, 80er oder 90er Jahre und „das Beste von heute“. Und auch die öffentlich-rechtlichen Sender ordnen ihre Angebote zielgruppen-, musik- und stimmungsorientiert. Einzig der Deutschlandfunk hat sich dieser Formatierung bisher weitgehend enthalten.

Die Grenzen zwischen Fernsehen und Radio werden durchlässiger. Beide Medien werden – etwa im RBB – inzwischen einheitlich geführt. Der traditionelle, eigenständige Radiojournalismus erhält Konkurrenz durch trimedial kompetente Kollegen. Und noch ein radikaler Wandel steht dem Radio bevor. In fünf Jahren soll in Deutschland die erfolgreiche Ultrakurzwelle abgeschaltet und auch der Radioempfang digitalisiert sein. Noch hören rund 90 Prozent der Hörer UKW-Radio, was danach kommen wird, ist noch immer unklar: digitales Radio (DAB), IP-Radio (Internet) oder andere Formen (iPad). Wie die Hörer auf den Systemwechsel reagieren werden, ist offen. Zumindest die geschätzt 300 Millionen reinen UKW-Empfänger werden nutzlos werden.

Hans-Jürgen Krug hat in der UTB-Taschenbuchreihe „Profile“ gerade den Band „Radio“ veröffentlicht.

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