Medien : Pleitgens Pech und Pannen

Barbara Nolte

Es war ein ehrenwerter, wenngleich auch ein wenig merkwürdiger Versuch öffentlich-rechtlicher Selbstreinigung. Da lud sich WDR-Intendant Fritz Pleitgen den Mann ins Studio ein, der ihm bestimmt ein paar schlaflose Nächte beschert hat: Volker Lilienthal, Journalist bei epd, der mit seinen Recherchen zur Schleichwerbung die ARD in eine mittelschwere Krise stürzte.

Außerdem ließ Pleitgen die Giftschränke öffnen, und so konnte man sich die mit Schleichwerbung verseuchten Szenen endlich ansehen. So hatte die gestrige Selbstkritik-Sendung eine unfreiwillige Komik: Jan Josef Liefers, der als Gerichtsmediziner Boerne laut ausruft – wie in einer 70er-Jahre-Werbung: „Und jetzt brauche ich etwas Erfrischendes: Wie wär’s mit Weißbier!“ Oder wie der Klempner Töppers aus „Marienhof“ schwärmt: „Teppichboden bedeutet weniger Staub, sieht tadellos aus und erleichtert unserem Nachwuchs die ersten Gehversuche.“ Was muss sich der Schauspieler gedacht haben, als er diesen absurden Satz lernen musste? Er konnte ja nicht wissen, dass die Arbeitsgemeinschaft Textiler Bodenbelag ihn ins Drehbuch schrieb.

Fritz Pleitgen präsentierte sich gestern nicht als Gegner Lilienthals, sondern als dessen Verbündeter. Er habe von allem nichts gewusst und wolle ein Programm ohne Schleichwerbung. Pleitgen wirkte sehr glaubwürdig, hatte aber auch ein wenig Glück. Einerseits, dass Lilienthal keine neuen Beispiele mitgebracht hatte. Andererseits, dass die Zuschauer, die Fragen stellen durften, ebenfalls fast nur auf die bekannten Fälle eingingen. Pleitgen konnte das Problem auf die Fiktionsabteilungen einengen und konsequente Säuberung versprechen. Die Bavaria, sagte er, bekomme einen neuen Aufsichtsrat.

Die Service- oder Unterhaltungssendungen im WDR-Fernsehen und in den sechs Radio-Wellen, in denen es bestimmt auch Product- oder Themenplacement gibt oder gab – sie blieben außen vor. Werbung und Programm sind mittlerweile in den öffentlich-rechtlichen Anstalten so eng verwoben, dass sich das Problem so schnell nicht lösen lässt.

Am bedrohlichsten war für Pleitgen die vermeintlich harmloseste Frage: „Die Schleichwerbung stört mich gar nicht“, sagte eine Zuschauerin. „Könnte man sie nicht erlauben und das so eingenommene Geld für die Senkung der Gebühren verwenden?“ Was ist, wenn nicht nur Frau Hüpertz aus Aachen auf die Idee gekommen ist, sondern ein paar Ministerpräsidenten? Wenn Pleitgen und die anderen Intendanten Pech haben, könnte der Schleichwerbe-Skandal in eine Grundsatzdebatte über das öffentlich-rechtliche System übergehen. Den paar Millionen, die die ARD über Jahre durch Schleichwerbung einnahm, stehen Milliarden an Rundfunkgebühren gegenüber. Die Gebühren sind das Pfund, das die ARD um jeden Preis retten muss.

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