Pocher versus Raab : Das Sternchen und der Star

Das ist die Bilanz dieser Fernsehsaison: Oliver Pocher ist der große Verlierer und Stefan Raab der große Gewinner. Pocher scheitert mit seiner Late-Night-Show bei Sat 1, Raab triumphiert als Innovator.

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Stefan Raab war in Oslo, um mit Lena Meyer-Landrut den „Europe Song Contest“ zu gewinnen. Oliver Pocher war in Oberhausen, aber er hat sich dort keinen Musikpreis Comet abgeholt. Er hat den „Star für Oslo“ nur parodiert. Zwei Fernsehschaffende, ein Unterschied: Raab ist der Gewinner dieser Fernsehsaison, Pocher ist der Verlierer. Am Freitag sind sie beide in die Sommerpause gegangen. Raab erreicht mit 2,71 Millionen Zuschauern bei der „TV total Autoball WM 2010“ einen neuen Rekord, Pocher schrammt mit 550 000 Zuschauern bei der „Oliver Pocher Show“ knapp am Tiefpunkt vorbei.

Hat Oliver Pocher etwas mit Stefan Raab zu tun? Mehr, als beiden lieb sein kann. Beide sind in dieser Fernsehsaison ein Risiko eingegangen, anders als ein Günther Jauch oder ein Harald Schmidt oder ein Thomas Gottschalk, die ihre Erfolge jeweils ein Jahr verlängert haben: Routine bis zum Stillstand, Fernseharbeit in der Energieform des Vorruhestands.

Pocher und der Privatsender Sat 1 hatten sich was ganz Feines ausgedacht. Nachdem Schmidt seinen Sherpa entsorgt hatte, sollte Pocher, 32 und offenbar erwachsen geworden, die Showtreppe fix nach oben klettern. Late Night, das konnte er zwei Jahre bei Schmidt gelernt haben, Late Night als „Oliver Pocher Show“, immer am Freitag, immer um 22 Uhr 15, immer bei Sat 1, Start war am 2. Oktober 2009. Produziert von der „Pocher Entertainment GmbH“ und Spiegel TV.

Late Night ist verflixt schwer. Es gibt diesen grundlegenden Satz vom legendären US-Host Johnny Carson: „Late Night is a show about the guy behind the desk.“ Eine „Oliver Pocher Show“ ist damit eine Show mit OP, von OP, auf jeden Fall bigger than Olli. Zentripetaler kann ein Fernsehformat nicht sein. Der Mann in der Mitte muss alles können, Stand-up, Zwischenscherze, Gespräche, Einspielfilme, ja Schauspiel, Sprachwitz, Standing, Show, Geistreiches dürfen schon dabei sein. Pocher beherrscht nur wenige Elemente, und er beherrscht jene wenigen Elemente perfekt, die er schon bei „Rent a pocher“ beherrschte: Leute verarschen, sich selber zur Flitzpiepe machen, Gags verarbeiten. Als Comedian spielt Pocher in der Mario-Barth-Schwergewichtsklasse. Keiner hat die Fußballer Oliver Kahn und Kevin Kuranyi so bis zur Kenntlichkeit entkleidet, Britney Spears kann nicht bizarrer sein als OP in Stöckelschuhen, BH und Strapsen (die Lena-Nummer in Oberhausen ist eine fantastische Fortsetzung). Er macht Comedy mit Kollateralschäden. Pocher ist ein Promi-, ein Menschenschinder und zugleich ein Masochist.

Von welchem autoritativen Standpunkt aber soll das Jüngelchen Politiker und Politik satirisch unterwandern? Giftig, zotig, das ist nicht Pochers Problem, das Problem ist Pocher selbst. Er ist nicht ernst und schon gar nicht wichtig zu nehmen. Dass bei der „Oliver Pocher Show“ Gäste auftauchen, ist für den Gastgeber die größte Pein. Also kaspert er sich groß, raspelt die Gäste klein, Pocher reitet das Missverständnis, ein Late-Night-Gespräch sei für den Gastgeber und seine Witzischkeiten da. Mit der „Show“ ist Pocher ins Ungefähre geraten. Die Late-Night-Aficionados müssen ihn verachten, die eingefleischten Pocher-Fans, die sich beim Bühnenprogramm „Gefährliches Halbwissen“ einen abbrüllen, sind irritiert. Pocher macht die falsche Sendung am falschen Tag im falschen Fernsehprogramm. 800 000 Zuschauer im Schnitt seit Oktober 2009, 8,1 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe 14 bis 49 sind am unteren Rand der Erwartungen, der Sat-1-Schnitt liegt bei elf Prozent.

Noch in der laufenden Staffel knicken Pocher und Sender den Late-Night-Versuch. Aktuell kommt die „Oliver Pocher Show“ als Comedyshow daher, alle Schritte, die Pocher nach vorne gegangen war, ist er wieder zurückgelaufen. Der Start ist auf 23 Uhr 15 verlegt, der Schreibtisch herausgeschoben, die Showtreppe abgebaut, die Showband entlassen, die Gäste werden auf der Couch gequält. Oliver Pocher ist wieder das böse Kind. Im Einspielfilm verrät er den Kinobesuchern das Ende des Films, er nagelt das iPad, das er gerade einem Studiogast geschenkt hat, an die Wand, er überrumpelt Menschen in aller Öffentlichkeit mit großer Unverschämtheit. Der Quote hat die Systemumstellung nichts genutzt. Bei den „Pocheristen“ muss sich noch herumsprechen, dass Pocher wieder der Olli vom Privat-TV ist.

Hat irgendetwas davon mit Stefan Raab zu tun? Der heute 43-jährige Raab kommt wie Pocher über Viva ins Fernsehgeschäft. Pocher wird von Hans Meiser 1999 für den Musiksender entdeckt, Raab bereits 1993. Raab ist laut, prollig, gnadenlos wischt er seinen Rotz am Ärmel jener unschuldigen Menschen ab, die es ins Fernsehen verschlagen hat. Schnell wird Raab mit „Vivasion“ einer der neuen Helden des Kommerzfernsehens. „Anfangs habe ich auch ein bisschen auf die Kacke gehauen“, beschreibt er seinen Willen zum Aufstieg. Das fällt den Leuten von ProSieben auf, das gefällt ihnen. Erst holen sie Raab, dann holen sie Pocher. Das Prinzip ist identisch: gnadenlos. Raab macht seinen Reim auf Schröder („Ho mir ma ne Flasche Bier“), die Maschendrahtzaun-Regina-Zindler aus Sachsen, auf Lisa Loch und auf eine Türkin, die gerade die Schultüte ihrer Tochter in der Hand hält: „Unfassbar, oder? Die Dealer tarnen sich immer besser.“ Pocher beleidigt Mariah Carey, empfiehlt einer Frau eine Schönheitsoperation und parodiert bei „Schmidt & Pocher“ den von Tom Cruise gespielten Hitler-Attentäter Stauffenberg. All das geht bei Pocher wie Raab ins Auge: Entschuldigungen werden fällig, Schmerzensgelder obendrein. Während Pocher seine Popularität in Comedian-Programmen und WM-Sausen kapitalisiert, schafft sich Raab eine Basis, von der aus er die Eroberung von Pro Sieben, der Zuschauer und seine Resozialisierung zum Good Guy startet: „TV total“. Bisschen Late Night, bisschen Musik, bisschen Tralala, bisschen Verarsche mit doofen TV. „TV total“, seit 1999 bei Pro Sieben, ist der werktägliche Sandmann für das Publikum des Privat-TV – und Probebühne, Experimentierstation, Marketing-Plattform vor 800 000 treuen Zuschauern. In nuce zeigt „TV total“, was der ausgebildete Metzger, abgebrochene Jura-Student, exzellente Musiker mit eigenem Musikverlag spätestens mit Mitte 30 werden will: Raab, der Innovator. „Als mein Vater in Köln-Sülz seine Metzgerei eröffnen wollte, gab’s schon fünf oder sechs in der Straße. Papa Raab wusste: Macht er die beste Wurst, wird sein Laden funktionieren“, sagt Raab dem „Spiegel“. Er ist der Fixstern der Produktionsfirma Brainpool („Pastewka“, „Ladykracher“), an der er mit 12,5 Prozent beteiligt ist.

Die Zustimmung des Publikums wächst und wächst. Einer, der etwas und sich riskiert, weil er selbst an jedem ausgerufenen TV-Wettbewerb teilnimmt. Nicht der Nutznießer fremder, sondern der Aussteller eigener Schwächen: „TV Total Turmspringen“, Stockcar-Rennen, Wok-WM, schließlich „Schlag den Raab“, das abendfüllende Gladiatoren-Spiel zwischen Raab und Widerpart. Der sehr respektable Marktanteil von 25 Prozent muss hier nicht der Endpunkt sein.

Raabs große Liebe ist der Song Contest, mal als Bundesvision, mal als Eurovision. Im Frühjahr 2010 rettet er mit ProSieben und für die ARD den „ESC“, will Talent casten, wo Dieter Bohlen, die RTL-Antithese, Kandidaten ausbeutet. Bei Jurypräsident Raab steht die Musik im Zentrum, nicht der Skandal. Mit quasi heiligem Ernst sucht der Künstler Kandidaten, Pop-Künstler – und er findet Lena. Der zweifache Vater und Lena-Übervater ist in der Mitte der Familie angekommen. Krawall war früher, großer Respekt ist heute, da Lena den „ESC 2010“ für Deutschland gewonnen hat. Bei Raab werden erste Anzeichen von Größenwahn erkennbar.

Hat das irgendetwas mit Oliver Pocher zu tun? Stefan Raab bearbeitet mittlerweile sein eigenes Spielfeld bei Pro Sieben, Pocher nur einen Mittelkreis bei Sat 1. Raab wird auch 2011 den Vorentscheid zum „Eurovision Song Contest“ gestalten, mit der Variante, dass für die erneut antretende Lena der Song gecastet wird. Pocher hat Vertrag bei Sat 1 bis 2012. „Ich freue mich auf das zweite Jahr der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Sat 1“, sagt Pocher dem Mediendienst DWDL. Der Sender freut sich auch, doch so verhalten, dass die Pocher-Show bei 23 Uhr 15 bleibt und nicht wieder um eine Stunde vorrückt. Parallel suchen Sat 1 und Pocher nach neuen Ideen.

Raab hat Ideen, vielleicht hat er eine für Pocher, vielleicht reicht er eine rüber, die Wege sind kurz, Raab und Pocher produzieren in Köln. Der Erfolg bleibt auf jeden Fall in der ProSieben-Sat-1-Familie.

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