Polit-Talk : Und es ist Sommer …

Immer wenn’s heiß wird, laden ARD/ZDF/RTL Spitzenpolitiker zu großen Interviews an schöne Orte. Warum eigentlich?

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Medienrituale. 2009 saß Oskar Lafontaine für die ARD am Lüdershaus.
Medienrituale. 2009 saß Oskar Lafontaine für die ARD am Lüdershaus.Foto: ARD

Wie gerne Sigmar Gabriel Weizenbier trinkt, das ist nicht überliefert. Bei den zig Interviews, die der SPD-Chef das Jahr über den Medien gibt, steht selten ein solches in der Nähe. Auch neulich nicht, am 1. Juli, als sich RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel mit Gabriel zum Interview traf. Dabei hätte dieser Treffpunkt ein Bierchen hergegeben. Am schönen Berliner Café am Neuen See läutete der Kölner Privatsender für dieses Jahr ein Ritual ein, das seit Jahrzehnten zum Fernseh-Juli und -August gehört wie die ewigen Wiederholungen: das große Sommerinterview. Pünktlich zur langen parlamentarischen Pause, wenn alles in die Ferien blickt, halten ARD, ZDF und RTL Gabriel, Merkel & Co. mit ihrem Sendereigen vom Urlaub ab, um abseits der Tageshektik entspannt mal Tacheles zu reden.

Oder zumindest so zu tun. Manchmal fahren die Interviewer sogar mit Kameratross in die Urlaubsorte hinterher, wie bei Joschka Fischers Tête-à-Tête mit ZDF-Mann Peter Hahne 2005 in der Toskana. Oder wie bei der Mutter aller Sommerinterviews, den alljährlichen Besuchen bei Kanzler Kohl am Wolfgangsee in Österreich, der „Idylle des Ferientraumes am See“, wie es Georg Seeßlen genannt hat. Entspannter ging’s nicht. Schlichte Botschaft des Kohl-Sommerinterviews, so Seeßlen, war die gute Laune des Herrschers: Im Sommerinterview verzieh der Kanzler dem Volk die Insubordinationen und den Medien die Impertinenz.

Mit Kohl stieg RTL 1996 in die Tradition der Sommerinterviews ein. Kritik, diese Art der Gesprächsführung in einer für den Politiker möglichst entspannten Umgebung wie Urlaubs-, Heimat- oder Lieblingsort trage beim Zuschauer auch nicht sehr viel mehr zum Erkenntnisgewinn bei, kontert RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel: „Für uns als Sender mit starken Informationsprogrammen ist es ganz selbstverständlich, kurz vor oder während der parlamentarischen Sommerpause Interviews mit den Chefs der im Bundestag vertretenen Parteien zu führen, die nach Möglichkeit in einem sommerlichen Umfeld und damit in einer entspannteren Atmosphäre stattfinden.“

Dabeisein ist alles. Und schön ausgewogen. Nach Angela Merkel, die gleich nach Gabriel am 2. Juli dran war, treffen sich von Ende Juli bis Mitte August noch Horst Seehofer (CSU, auf der Walhalla Regensburg), Klaus Ernst (Linkspartei, beim Bergsteigen in Tirol) sowie Guido Westerwelle (FDP) und Jürgen Trittin (Grüne) mit RTL-„Nachtjournal“-Moderator Christof Lang.

Ausgestrahlt werden diese Interviews nach Mitternacht unter dem Titel „RTL Nachtjournal Spezial“. Da haben es Ulrich Deppendorf und Rainald Becker im „Bericht aus Berlin“ zeitlich besser, auch wenn die ARD-Moderatoren auf dasselbe Politikerpersonal zurückgreifen wie RTL und ZDF. Für die Linkspartei eröffnet allerdings nicht Klaus Ernst, sondern Parteigenosse Gregor Gysi am Sonntag die Reihe der Sommerinterviews im Ersten. Eine Woche später folgt Grünen-Chefin Claudia Roth. Immerhin, mit dem Vorwurf, Sommerinterviews seien Gebührenverschwendung, muss sich die ARD nicht mehr auseinandersetzen. Seit 2009 verzichtet das Erste auf Ausflüge in die Republik und lädt auf die Freitreppe am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, mit Blick auf den Spreebogen. „Ein Grund war auch, nicht durch schöne Urlaubsbilder, die im Übrigen einen hohen technischen Aufwand erfordern, vom Inhalt der Gespräche abzulenken“, sagt Deppendorf. „Dass wir für die Interviews nicht mehr durch Deutschland reisen, hat zudem finanzielle Gründe: Wir sparen Kosten in der Produktion.“ Und wenn man sich diese Art der Sommerinterviews bei den Kollegen anschaue, wie sie zum Beispiel das ZDF mache, könne man nur feststellen, dass die Umgebung manchmal doch sehr auf Ferienidylle ausgerichtet sei.

Das ficht die Mainzer nicht an. Am Sonntag trifft sich Bettina Schausten für „Berlin direkt“ mit Grünen-Chef Cem Özdemir in dessen Heimatort Bad Urach nahe Stuttgart. Am 25. Juli ist Thomas Walde mit Klaus Ernst in Tirol an der Reihe, der ja wiederum, nicht vergessen, ein paar Tage später im „RTL-Sommerinterview“ beim Bergsteigen Herrn Lang Rede und Antwort stehen muss.

Klaus Ernst sommerfrisch hier, Klaus Ernst sommerfrisch da, RTL, ARD, ZDF – man kann da durcheinanderkommen. Zudem sich die Themen ähneln dürften, selbst wenn sich das ZDF vornimmt, im 20. Jahr der Deutschen Einheit „auch“, so Schausten, „über die Bedeutung von Herkunft und Wurzeln zu sprechen, über die Bindung eines Bundespolitikers zum ,normalen‘ Leben und darüber, was ein Land in Krisenzeiten zusammenhält“. Zusammengehalten werden die Sommerinterviews auch von den Absprachen unter den Veranstaltern. Welcher Politiker kommt wann wohin? „Die Sender laden ein mit einem Terminvorschlag“, sagt Schausten. Vorher werde zwischen ARD und ZDF nur grob der zeitliche Rahmen abgesprochen. Jeweils sechs Termine für zwei Sender, das brauche Zeit, bis sich die Termine gerüttelt haben.

Verdachtsmomente, dass sich die Politiker bei diesem Medienritual die ihnen genehmen öffentlich-rechtlichen Journalisten zum Sommerinterview aussuchen, wie es bei manchem Plausch am Wolfgangsee oder beim Gespräch zwischen Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber und Peter Hahne im Sommer 2007 auf der Oberahornalm den Anschein hatte, bleiben – Verdachtsmomente. Da gebe es keine tiefsinnigen Verteilungsmuster, sagt Schausten. Jeder könne jeden interviewen, und nächstes Jahr werde neu verteilt.

SPD-Chef Sigmar Gabriel muss oder darf diesen Sommer noch zweimal ran. Am 8. August in Berlin vorm Lüders- Haus und eine Woche später in Goslar. So richtig locker wäre es, wenn ihm das ZDF dabei auch mal ein Weizenbier hinstellt. Und gar nicht impertinent.

Sommerinterviews: „Bericht aus Berlin“, ARD, 18 Uhr 30, mit Gregor Gysi; „Berlin direkt“, ZDF, 19 Uhr 10, mit Cem Özdemir, beide am Sonntag.

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