Polit-Talkshows : "Das Sofa ist ein Betriebsunfall"

Brauchen wir noch Talkshows? Friedrich Nowottny spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über "Anne Will“ und die Konkurrenz "Hart aber fair" und "Maybrit Illner".

Nowttny
Friedrich Nowottny -Foto: WDR

Herr Nowottny, wer hat diese Saison der politischen Talkshows gewonnen: Anne Will oder Frank Plasberg oder Maybrit Illner?

Von der Einschaltquote her vermute ich: Anne Will. Treffe ich die eine oder den anderen, dann höre ich immer, dass man vorne liege. Ich weiß dann immer nicht, was ich davon halten soll. Quotenfixierung ist mir fremd.

Zu „Anne Will“: Wurde die ARD für ihre Entscheidung belohnt, die „Tagesthemen“-Moderatorin für Sabine Christiansen auf den Talkstuhl zu schicken?

Ich kann mir vorstellen, dass es Anne Will unheimlich war, wie sehr sie vor dem Beginn der Nachfolgesendung für Sabine Christiansen in den Medien hochgejubelt wurde. Es kamen einem ja die Tränen der Rührung, wenn man sah, was für eine Journalistin ans Firmament gemalt wurde – die größte, die schönste, die beste, die schlagfertigste etc. Und dann kam die harte Wirklichkeit.

Beherrscht Anne Will ihr Handwerk oder müssen wir der Moderationskunst von Sabine Christiansen hinterhertrauern?

Die beiden Journalistinnen sind zwei völlig unterschiedliche Charaktere. Unterschiedlich im Temperament, unterschiedliche Ausstrahlung, die eine ist blond, die andere dunkel.

Sie wollen nicht vergleichen, Sie wollen unterscheiden.

Nein, ein Vergleich bringt doch nichts. Was soll ich denn vergleichen, die Hitzigkeit der Auseinandersetzung, die Fähigkeit einzugreifen, das Gespräch zu lenken? Talkshows sind Talkshows und damit von unzähligen Zufällen abhängig.

Was halten Sie vom „Betroffenheitssofa“, das bei „Anne Will“ herumsteht?

Gar nichts. Das Sofa ist ein redaktioneller Betriebsunfall, und die armen Menschen, die darauf Platz nehmen müssen, tun mir leid. Sie sind so außerhalb der Sendung, dass dann, wenn ihre Betroffenheit, manchmal auch Fachwissen, abgerufen wird, sich die Zuschauer entweder um eine weitere Flasche Bier im Keller bemühen oder abschalten. Mich stört das Betroffenheitssofa. Entweder gelingt der Sendung, das was sie diskutieren will, so darzustellen, dass es nicht noch eine Verstärkung durch die Menschen auf dem Sofa braucht, oder es gelingt eben nicht.

Ist Anne Will parteiisch? Der Berliner CDU-Politiker Friedbert Pflüger konnte ihr beim Thema Berliner Schuldenberg mangelhafte Fakten zugunsten des rot-roten Senates nachweisen.

Zunächst: Politiker sind für jede Gelegenheit dankbar, wenn sie Aufmerksamkeit für sich mobilisieren können. Herr Pflüger hat diese Gelegenheit genutzt. Zugleich steht außer Frage, dass redaktionell geschlampt wurde.

Frank Plasberg behauptet, er sei „hart, aber fair“. Stimmt das?

Der Titel ist nicht schlecht. Ob er immer der Wirklichkeit entspricht, das ist von Sendung zu Sendung unterschiedlich zu beurteilen.

Plasberg ist sehr stolz auf seinen Touchscreen mit den Einspielfilmen. Ist das ein Spielzeug oder der Motor für weitere Erkenntnisse?

Für mich ist es manchmal übertrieben, denn ich habe das Gefühl, dass Plasberg zu viel des Guten anbietet, was nur Verwirrung, nicht aber zur Aufklärung beiträgt. Und es weckt gelegentlich den Eindruck von Rechthaberei.

Sind das noch politische Talkshows oder nicht vielmehr Allerlei-Runden zu allerlei Themen?

Ich habe keine Themenlisten vor mir, sondern ich habe nur Erinnerungen an die Runden zum elenden Zustand von Deutschland. Alle haben im Grunde dieselben Themen aufgegriffen. Je nach Format wurde das Elend dann vertieft. Da gab es Hartz IV in allen Variationen. Einfallslos eben.

Maybrit Illner hat die eigene Talkshow zur Telekom-Affäre moderiert, obwohl sie mit Telekom-Chef René Obermann liiert ist. War das geschickt?

Ich habe die Sendung gesehen. Ich hätte mir eine größere Entspanntheit der Beteiligten der sogenannten Verbindung gegenüber gewünscht. Maybrit Illner und ihre Gäste hätten den Namen Obermann frei und offen aussprechen können. Warum denn nicht? Eine menschliche Beziehung ist das Menschlichste auf der Welt. Es war eine unnötig verkrampfte Veranstaltung. Außerdem: Die beiden sind ein ansehnliches Paar …

Herr Nowottny, Hand aufs Herz: Brauchen wir noch Talkshows?

Alle tun so, als sei die Talkshow eine Erfindung der letzten zehn, 15 Jahre. Die erste politische Talkshow gab es in der ARD Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, zur besten Sendezeit. Ich glaube, der Moderator hieß Kurt Wessel und war Chefredakteur einer Münchner Zeitung. Diese Talkshow ist jämmerlich eingegangen, die Leute interessierten sich nicht dafür. Nun erleben wir das Gegenteil. Die Zuschauer interessieren sich für Politik, obwohl a) beklagt wird, dass die Parteien Mitglieder verlieren, b) eine politische Frustration im großen Umfang stattfindet. Vielleicht suchen sie auch nur nach Orientierungshilfen in unserer überregulierten Welt.

Vom Herbst an geht es stark auf 2009, das Jahr der Bundestagswahl, zu. Wird das den Talkshows nutzen?

Meiner Erinnerung nach haben die Talkshows 2005 nicht nur ihre Souveränität präsentiert. Wahlkampfzeiten sind für alle, die Politik im Fernsehen machen, schwierige und komplizierte Zeiten. Da zeigen sich Souveränität – siehe Berliner Schuldenberg bei „Anne Will“ –, da zeigen sich Unabhängigkeit und Mut. Mut können dann alle Talkshows gebrauchen. Die Protagonisten haben zudem finanziell hervorragend ausgepolsterte Verträge, lese ich immer, da darf dieser Mut vor Politikerthronen schon erwartet werden. Sollte jemand fallen – aus was für Gründen auch immer: Er oder sie fiele weich.

Welche von den drei Talkshows ist zu viel?

Das kann und will, das muss ich nicht entscheiden. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Ich schalte Talkshows nach den angebotenen Themen ein – und hoffe auf den neuen Gesichtspunkt.

Also auch bei Friedrich Nowottny stirbt die Hoffnung ganz zuletzt?

Was bleibt mir als Gebührenzahler anderes übrig? Ich hoffe immer auf die bessere Erkenntnis meiner jungen, strahlenden Kolleginnen und Kollegen, die Chancen haben, die es zu meiner aktiven TV-Zeit so nicht gegeben hat. Leider.

Das Interview führte Joachim Huber.

Friedrich Nowottny moderierte bis 1985 den „Bericht aus Bonn“. Danach war er zehn Jahre lang Intendant des WDR. Heute arbeitet der 79-Jährige als freier Journalist.

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