Politik digital : Geh doch lieber hin

Ein Internet-Video zur Wahlmüdigkeit regt auf – und erzählt sich weiter.

Markus Ehrenberg
Jan Hofer
Umstrittenes Video: Jan Hofer.Foto: AP

Mit dem Ironieverständnis ist das so eine Sache. Die einfachste Form besteht darin, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint, zu Hochzeiten der anspruchsvolleren Fernsehunterhaltung lässig vorgetragen von Hans-Joachim Kulenkampff, Friedrich Nowottny oder auch Friedrich Küppersbusch. Letzterer müsste also wissen, was er mit seinem neuesten Projekt anrichtet, beziehungsweise angerichtet hat: dem Wahl-Video „Geh nicht hin!“, das, von der Küppersbusch-Firma Probono produziert, vor zehn Tagen auf Youtube online gegangen ist und für viel Aufsehen gesorgt hat. Auf dem 70-sekündigen Video fordern rund 30 Prominente wie Sarah Kuttner, Detlev Buck, Anne-Sophie Mutter, Sandra Maischberger, Sascha Lobo oder „Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer offenbar dazu auf, bei der Bundestagswahl am 27. September nicht wählen zu gehen.

Der „Tagesschau“-Sprecher! Will nicht wählen gehen!! Ein Aufschrei in der Medienrepublik. Wir sind doch eh alle schon so politikverdrossen. Und das Video dann auch noch die Kopie einer Aktion gegen Wahlmüdigkeit der US-Demokraten um Barack Obama. Dass das nur ein Teil der Wahrheit und möglicherweise ironisch gemeint ist, beeilten sich die Macher – Küppersbusch/Probono und Politik-digital.de – am Dienstag auf einer übervollen Pressekonferenz in einem Berliner Szenecafé klarzustellen. Teil zwei des bereits über 130 000 Mal angeklickten und bei Youtube heftig diskutierten „Geh nicht hin!“–Videos wurde vorgestellt, mit denselben Beteiligten. Und klarer Aussage. Um es mit Jan Hofer kurz zu machen: Natürlich sollte gewählt werden. „Ich bin weder geltungsbedürftig noch bescheuert, hätte mich für etwas anderes auch gar nicht hergegeben.“ Er sei schon etwas erstaunt über die Reaktionen auf das Video, Teil eins. Offensichtlich seien es doch die Parteien, die es nicht schaffen, die Leute zur Wahl zu bringen. „Diese Kampagne soll aufrütteln, eine legitime Angelegenheit.“

Stefan Gehrke, Geschäftsführer von Politik-digital.de, wünscht sich „eine Diskussion auf allen Ebenen, in allen Schichten“. Küppersbusch verwies auf die schlechte Wahlbeteiligung bei den letzten Urnengängen, 43 Prozent bei der Europawahl. „Alle fragen immer: Was ist mit dem Wähler? Wir fragen: Was ist los mit der Wahl?“ Gut, mit dem viralen Marketing bei diesem Spot sei anfangs vielleicht etwas schiefgelaufen. Aber die Leute sollten am 27. September nichts aus Versehen tun, und wenn das Internetvideo, das auf immerhin zwölf TV-Sendern gelaufen ist, für Irritationen, Abwehr und auch Nachdenklichkeit gesorgt habe, sei vieles erreicht.

Leicht ungläubiges Staunen bei den Journalisten, so richtig ironieresistent wollte sich im Nachhinein wohl auch keiner zeigen. Es gebe halt jede Menge Idioten, die Ironie nicht verstehen, meinte Sänger Patrice. Was lernen wir daraus: Ein Video dauert mindestens drei Minuten, schon mal gar, wenn es von Friedrich Küppersbusch ist und das Thema Politikverdrossenheit behandelt. Schauspieler Ralf Richter bringt im Video die ganze Wahrheit auf den Punkt: „Man muss ja nicht die Bekloppten wählen.“

www.gehnichthin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar