Politik-Inszenierung : Großes Schauspiel

Vorfahren der Kanzlerin, ernster Ton: Die Politik liefert Symbolhandlungen, das Fernsehen muss sie überwinden.

Klaus Radke

Willy Brandt war, das ist bekannt, einer der ersten Politiker in der Bundesrepublik Deutschland, die sich die beispiellose Suggestionskraft des audiovisuellen Mediums Fernsehen zunutze zu machen wussten. Ähnlich wie zuvor John F. Kennedy im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 1961 inszenierte Brandt seine Auftritte vor den Fernsehkameras sorgfältig. Vielleicht trug auch das dazu bei, dass wir seinen Appell an das deutsche Volk „mehr Demokratie (zu) wagen“ ernst nahmen. Aber es hat auch seine Schattenseiten, dass Politikerinnen und Politiker sich dem Medium Fernsehen stellen müssen.

Willy Brandts Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers, Helmut Schmidt, hat in einem seiner Gespräche mit der Journalistin Sandra Maischberger, die in dem 2002 erschienenen Buch „Hand aufs Herz“ abgedruckt sind, zur Bedeutung der modernen Medien für die Politik gesagt: „Die Medien haben die Politik wesentlich verändert. (…) Das Fernsehen ist ein Medium, das davon lebt, dass die Leute einschalten, dass sie sehen und hören wollen, was da im Fernsehen vorgeführt wird. Und das gilt genauso für die Politiker, die im Fernsehen auftreten: Sie wollen eingeschaltet werden. Das Fernsehen ist für die Politiker eine Verleitung nicht nur zur Oberflächlichkeit, sondern es macht sie auch sympathiesüchtig. Sie streben danach, sich dem Publikum sympathisch zu machen. Das ist eine der Schattenseiten der Demokratie. Demokratie heißt, die Politiker werden vom Volk gewählt; und wen das Volk nicht will, den wählt es nicht. Durch das Fernsehen ist die Versuchung zum Opportunismus sehr viel stärker geworden, als sie ohnehin ist.“

Heutzutage sind Fernsehkameras allgegenwärtig, wenn eine Politikerin oder ein Politiker von Rang in der Öffentlichkeit erscheint, und sei es nur für wenige Minuten. Viele politische Akteure überlassen da nichts mehr dem Zufall. Sie engagieren einen Medienberater und lassen sich von Fachleuten coachen. Eine Kollegin hat einmal ihr Rezept verraten, das sie jedem politischen Akteur empfiehlt, wenn er zum Beispiel aus einem Konferenzsaal heraustritt und sich einem Pulk von wartenden Journalistinnen und Journalisten gegenübersieht.

Damit man im Blitzlichtgewitter der Fotoapparate, im grellen Scheinwerferlicht und im Angesicht der Mikrofone und Fernsehkameras, die auf einen gerichtet sind, seine Botschaft in der üblichen „Tagesschau“-Länge von 1''30 los wird, braucht man nur drei Sätze zu sagen, die man sich am besten vorher überlegt hat. Im ersten Satz, so die Kollegin, solle man daran erinnern, wie alles begann, also wie sich das politische Problem ursprünglich dargestellt habe. Im zweiten Satz fasst man zusammen, was schon erreicht wurde, und zuletzt wird das Ziel benannt. Anschließend sei man gut beraten, entschlossen weiterzugehen.

Eine andere Situation, die nach einem gewissen Geschick bei der Selbstdarstellung verlangt, ist die Vorfahrt des politischen Personals in Autos – sie gehört seit Jahrzehnten zu den am häufigsten verwendeten Nachrichtenbildern überhaupt. In kleinen Einspielfilmen sehen wir, wie die politischen Akteure – je nach Bedeutung des Amtes, das sie innehaben, und je nach dem Charakter des Termins – mit oder ohne Akten unter dem Arm, eilig aussteigen und zunächst einem uns in der Regel Unbekannten zur Begrüßung die Hand schütteln. Anschließend gehen sie schnellen Schrittes auf ein Portal zu, winken bei entsprechenden Anlässen den umstehenden Menschen zu, auf jeden Fall aber grüßen sie im Vorbeigehen die wartenden Reporter mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Verlangsamen sie ihre Schritte, zeigen sie damit ihre Bereitschaft zu einem „Statement“ vor Kameras und Mikrofonen.

Sie wissen, dass sie nun möglicherweise über das Fernsehen zu Millionen von Menschen sprechen. Wichtig ist, dass eine Tonlage gewählt wird, die dem Anlass der Äußerung entspricht. Wird mit besonderem Nachdruck gesprochen, soll uns Zuschauern das bedeuten, dass hier ein entscheidungs- und handlungsstarker Akteur die Bühne betreten hat. Solche der emotionalen Wirkung des Fernsehens geschuldeten Verhaltensweisen fassen die Fachleute unter dem Begriff Symbolhandlung zusammen.

Fernsehjournalisten machen sich seit Jahren Gedanken darüber, wie sie mit diesen und ähnlichen Bildern umgehen sollen. „Das Problem mit den Bildern ist, dass sie so wahnsinnig überzeugend sind. Wir sind als Menschen sehr optisch orientiert. Bilder, die überall her sein können, die montiert, die bearbeitet, die gefälscht sein können, sind aber in ihrer glatten Oberfläche etwas, was uns als Menschen schnell gefangen nimmt und unser Urteil prägt“, sagt der Chefredakteur des Westdeutschen Rundfunks, Jörg Schönenborn.

„Das ist genau der schmale Grat, auf dem wir Journalisten uns ständig bewegen“, meint sein Kollege, RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. „Wissen, was ist in welcher Situation richtig, und auch verstehen, was kann es anrichten, wenn ich Bilder einsetze, die tatsächlich nicht für einen Sachverhalt stehen, sondern beim Zuschauer Gefühle und Denkmuster auslösen, die überhaupt nichts damit zu tun haben, was ich eigentlich übermitteln will.“

Entscheidend ist für die Auswahl eines Bildes dessen Aussage. Gegen Symbolbilder wäre an sich nichts einzuwenden, wenn sie nur nicht so oft das Gegenteil dessen signalisieren würden, was der Bericht eigentlich vermitteln will. Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, weiß das und verweist auf die in jüngster Zeit veränderte journalistische Praxis: „Ein vor dem Reichstag, vor dem Kanzleramt oder vor einem Ministerium vorfahrendes Auto wird heute sehr schnell für eine gute Grafik geopfert. Wir nehmen die Bilder mit der Limousine nur noch, wenn es gar nicht anders geht. Auch die Kameraschwenks über das Plenum, die es früher zu jedem im Deutschen Bundestag debattierten Thema gab, sind ja seltener geworden.“

Bei Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationskanal, der das politische Geschehen häufig in voller Länge live überträgt, gehören oft gerade jene Bilder zu den eindrucksvollsten, die dann entstehen, wenn die meisten anderen Kameras schon abgeschaltet wurden und damit der Inszenierungsdruck auf die politischen Akteure scheinbar nachgelassen hat. Man sieht in solchen Momenten manchmal „den Menschen hinter dem Politiker“. Und geradezu zu filmischen Dokumenten der Entwicklung unserer Mediengesellschaft geraten oft Aufnahmen wie jene am Rande eines EU-Gipfels, als ein Staatssekretär, nachdem er auf eine Frage der Phoenix-Reporterin formvollendet in 1''30 geantwortet hatte, auf die Bitte, sich für die Antwort doch wesentlich mehr Zeit zu nehmen, zuerst stutzte, dann nachdachte und nun erst langsam seinen gewohnten Sprachduktus wiederfand.

Wie die Logik der Massenmedien nicht nur die Logik der politischen Selbstdarstellung prägt, sondern wie sie auch menschliche Spuren hinterlässt, lässt sich anhand eines 1999 erschienenen Buches von Herlinde Koelbl mit dem Titel „Spuren der Macht“ gut nachempfinden. In einem der Gespräche mit der Fotografin sagte Angela Merkel: „Ich bin nicht mehr so, wie ich war.“

Klaus Radke leitet die Stabsstelle Strategie Fernsehen im Westdeutschen Rundfunk. Er war Gründungsbeauftragter und mehr als ein Jahrzehnt lang ARD-Programmgeschäftsführer von Phoenix. Dies ist ein gekürzter Nachdruck aus seinem gerade erschienenen Buch.

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