Politik Online : Begegnung der indirekten Art

Kommt der Bürger nicht zum Politiker, dann geht der Politiker zu Youtube. "Fricke & Solms" versuchen im Auftrag der FDP Politik lustig zu machen. Wie "Hauser & Kienzle" einst beim ZDF.

Antje Sirleschtov
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"Fricke & Solms" sind bei der FDP das, was "Hauser & Kienzle" beim ZDF waren -Screenshot:Tsp

„Heut schon Zeitung gelesen, Fricke?“– „Nee, Solms, wieso?“ Regelmäßigen Youtube-Besuchern wird das Duo bekannt vorkommen: Hermann-Otto Solms, Vizepräsident des Bundestages und einer der erfahrensten FDP-Abgeordneten, und der liberale Neuling im Parlament, Otto Fricke, versuchen sich seit einiger Zeit als Videoschauspieler im Internet. Möglichst locker und informativ liberale Botschaften in das Paralleluniversum streuen, das ist ihr Ziel. Dafür wollen sie, nach dem frech-spritzigen „Kienzle & Hauser“-Vorbild weiland im ZDF, die Youtube-Marke „Fricke & Solms“ etablieren. Mal palavern die beiden Politiker über den Staatshaushalt, mal werfen sie sich Argumente dafür zu, wie „Frau Merkel und Co. den kleinen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen“. Und was am Ende eines jeden Videos kommt, ist klar: Wenn die Wähler der FDP ihre Stimme geben, wird natürlich alles besser.

Mit Macht bricht die Politik derzeit ins World Wide Web ein. Ob mit wöchentlichen Videobotschaften der Bundeskanzlerin, die in einem dem Amt angemessenen, seriösen Ton vorgetragen werden, mit dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, der locker vor dem Standbild Willy Brandts posiert, oder eben mit Fricke & Solms: Langsam dämmert es auch den deutschen Parteien, wie breit gefächert, beim Alter und auch bei der sozialen Schichtung, die Bevölkerung mittlerweile im Netz vertreten ist. Diesen Massentourismus am Computer wollen sie sich nun zunutze machen und damit neue Wählerpotenziale heben.

Alles ist denkbar, seitdem die ersten Parteistrategen beim großen Bruder Amerika in die politischen Internetküchen hineingeschaut haben. Geschlossene Debattenforen für Mitglieder, professionell gesteuerte Diskussionsplattformen für jedermann, Mitgliederwerbung bis hin zum Wahlkampf online. Selbst über gesteuerte Politik in den Kunstwelten des Web 2.0 wie dem virtuellen „Second Life“ wird schon intensiv diskutiert.

Die Liberalen: Pioniere im Netz

Pionier unter den deutschen Parteien ist zweifellos die FDP. Bereits im Bundestagswahlkampf 2005 rief sie die Besucher ihrer Webseite my.fdp dazu auf, das Wahlprogramm der Liberalen mitzuschreiben. 1400 Beiträge sammelten Westerwelles Truppen damals und stellten ein „Wechsellexikon“ mit 521 eng beschriebenen Din-A4-Seiten zusammen. Das wurde dann zwar zu einem für das richtige Politikleben tauglichen Wahlprogramm noch einmal umgearbeitet und hat der FDP bekanntlich auch nicht zur Regierungsbeteiligung verholfen. Allerdings „wissen wir jetzt ziemlich genau, was unsere Interessenten unter FDP verstehen“, sagt einer der Erfinder des Cyber-Wahlprogrammes.

Seither professionalisieren die Liberalen ihren politischen Auftritt im Netz nach der Versuch-und-Irrtum-Methode. Liberal-TV im Netz hat nicht so gut funktioniert, stellen sie fest. Und die optische wie inhaltliche Gleichschaltung ihrer Homepages zur Erhöhung der Wiedererkennbarkeit hat bei manchem liberalen Bundestagsabgeordneten zu Protest geführt. Mit Debattenforen – ob offen oder Mitgliedern vorbehalten – und Youtube-Videos funktioniert es jetzt jedoch zunehmend besser. 2,3 Millionen Aufrufe wurden für das interaktive „Portal Liberal“ allein in den vergangenen vier Wochen registriert. Im Monatsschnitt 2007 waren es 1,7 Millionen. Und immerhin noch die Hälfte bei der klassischen FDP-Bundespartei-Seite. Glaubt man den Zahlen der Partei, vernetzen sich täglich 200 FDP-Mitglieder, gewinnt man schon 30 Prozent der Neumitglieder über das Netz, wurden auf my.fdp letztes Jahr hundert Mitgliedsanträge ausgefüllt.

Mit meine.SPD.net und Kurt Becks Youtube-Botschaften sind in diesem Herbst auch die Sozialdemokraten auf breiter Front eingestiegen. Parallel zu Mitgliedertreffen in Hinterzimmern und Werbeveranstaltungen in Stadthallen flimmern die Sozialdemokraten nun live auf die Bildschirme und rufen die Leute an der Tastatur zur Debatte auf. Wer bis zum 1. Mai 2008 zum Thema „Gute Arbeit“ ein eigenes Youtube-Video einstellt, kann bei der SPD bis zu 3000 Euro gewinnen. Braucht man einen Tag dafür, beträgt der Mindestlohn 375 Euro pro Stunde.

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