Medien : Politik trifft Provinz

„Allein unter Bauern“ ist mehr Heimatkomödie als Alltagssatire

Thomas Gehringer

Siehe da, was ein angehender Außenminister im Aktenkoffer mit sich herumträgt: Joschka Fischers Buch „Mein langer Lauf zu mir selbst“ liegt obenauf, das ist klar. Etwas weiter darunter findet sich ein Asterix-Heft, man braucht ja etwas zur Zerstreuung. Aber eine Rolle Klopapier? Der Besitzer des Koffers, Johannes Waller (Christoph M. Ohrt), ist derart selbstgefällig, dass dieses Utensil sicher nicht als Notfallausrüstung gedacht sein wird, falls seine Karriere mal nicht steil bergauf gehen sollte. Doch genau das passiert dem Politiker: Eine Affäre mit der falschen Frau, und Waller hat in Berlin all seinen Kredit verspielt. Beim Versuch, der Kanzlerin hinterherzureisen und zu retten, was nicht mehr zu retten ist, strandet er mit seinem Auto in der Gartenlaube der hübschen, alleinerziehenden Ärztin Barbara Heinen (Julia Koschitz) und ihrer Tochter Toni (Paula Schramm) im brandenburgischen Kaff Kudrow. Fortan steht Wallers (Fernsehserien-)Leben unter dem Motto: „Allein unter Bauern“. Statt in Fettnäpfchen auf diplomatischem Parkett, tapst der verhinderte Außenminister nun in Kuhfladen. Wie gut, dass er das Klopapier dabeihat.

Den komischen Aufprall eines Menschen aus dem Berliner Politikbetrieb mitten im Alltag der stinknormalen deutschen Provinz hat sich Autor Marc Terjung ausgedacht. Zuletzt hatte er Sat 1 mit der originellen Anwaltsserie „Edel & Starck“ einen schönen Erfolg beschert. Da ist der Mut auf beiden Seiten wohl gewachsen, denn eine Politikerkomödie, noch dazu in Serie, ist nicht unbedingt ein erfolgversprechendes Unternehmen. Das liegt daran, dass eben ein Politiker im Zentrum steht; die sind nicht sonderlich beliebt und noch dazu sowieso ständig im Fernsehen.

Im Falle Wallers darf sich das Publikum erst einmal ganz der Schadenfreude hingeben. Darsteller Christoph M. Ohrt gibt dem Affen ordentlich Zucker und betont in seinem Spiel überdeutlich alle miesen Politikereigenschaften: Waller ist ein egozentrischer Kerl, der sich vor jeder Kamera spreizt, arrogant, wehleidig, nur an seiner Karriere interessiert, ein miserabler Zuhörer und ein ebenso miserabler Redner, der mit Plattitüden um sich wirft.

Das ist nahe an der Karikatur, und das muss auch so sein, denn sonst käme man womöglich auf die Idee, die Serie einem Realitäts-Check zu unterziehen. In einer absurden Komödie muss man sich jedoch nicht an Arbeitsverträge und Gemeindeordnungen halten, also nimmt der eigentlich bei der EU in Brüssel angestellte Waller kurzerhand den freien Bürgermeisterposten in Kudrow an. Gleich seine erste Initiative, ein Schulbus, ist barer Unsinn. Leider hat er vergessen, sich zu erkundigen, ob der überhaupt nötig ist. Das ergibt eine nette Szene, in der die Dorfbewohner gelassen und abgeklärt der sinnlosen Wahlrede des prominenten Politikers lauschen – merke: Die Wähler wundern sich ja über gar nichts mehr. Seltsam nur, dass sie ihn trotzdem zum Bürgermeister wählen, aber ist das nicht im wahren Leben genauso?

Autor Terjung lässt hier neben eher schlichten Kuhfladen-Pointen durchaus auch doppelbödigen Humor aufblitzen. Aber das Dorf wirkt eine Spur zu schmuck und blank poliert, als dass hier nennenswerte Bewährungsproben für Waller zu erwarten wären. Die ersten beiden Folgen deuten eher auf eine Heimatkömodie mit milden politischen Seitenhieben hin als auf eine bissige Alltagssatire. Auch fehlt im Gegensatz zu „Edel & Starck“ ein ebenbürtiges weibliches Pendant zu Ohrt. Julia Koschitz alias Barbara Heinen kann sehr hübsch verwundert aus den großen Augen auf den komischen Fremden blicken, aber die Figur bleibt doch blass. Der Wortwitz von „Edel & Starck“ ist irgendwo auf der Strecke zwischen Prenzlauer Berg und Kudrow verloren gegangen.

„Allein unter Bauern“, 20 Uhr 15, Sat 1

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