Medien : Politik wird spannend

Auch im „Bericht aus Berlin“ und bei „Berlin direkt“

Matthias Kalle

Edmund Stoiber hat Arnold Schwarzenegger besucht. Es ist nicht ganz klar, warum er das tat. Schwarzenegger, den Deutschen als Schauspieler bekannt, ist Gouverneur von Kalifornien und am Tag, nach dem er es wurde, zeigte die englische Tageszeitung „Guardian“ ein Foto von Schwarzenegger und titelte: „Ist das das Ende der Politik?“ Stoibers Antwort auf diese Frage wäre interessant, jetzt, nachdem er Schwarzenegger bei der Arbeit zugeschaut hat.

In Deutschland ist die Politik nicht am Ende – sie fängt gerade erst an, sie fängt an, spannend, interessant, wichtig zu werden, zumindest für die Fernsehschauer, die langsam ahnen: Das hat alles irgendwie mit mir zu tun. Und jetzt beginnt in Deutschland die Politik am Sonntag, genauer: um halb sieben, nach der „Sportschau“, mit dem „Bericht aus Berlin“ mit Thomas Roth, und damit das jeder mitbekam, schaltete der ARD in den Sonntagszeitungen Anzeigen, darauf das Gesicht von Roth und der Text: „Politik und ihre Folgen. Er sagt, was für Sie wichtig ist.“

Das ist natürlich Werbung, nur – es ist auch richtig, denn die Menschen, die sich jetzt wieder verstärkt für Politik interessieren, wollen vor allem wissen, wie sich Politik auf ihr Leben auswirkt. Und so kündigt Thomas Roth als Erstes eine Reportage an über einen Pastor in Berlin-Hellersdorf, der sich um Kinder kümmert, deren Eltern keine Arbeit und kein Geld haben. Danach kommt ein Bericht über den „Job-Gipfel“ am Donnerstag, mit Kurzinterviews mit Horst Köhler, Volker Kauder und Ronald Pofalla, alle von der CDU, weil nach dem Bericht Thomas Roth Gerhard Schröder interviewt, natürlich zum „Job-Gipfel". Schröder sagt: „Es könnte was gehen." Eine halbe Stunde später steht Angela Merkel im Hauptstadtstudio des ZDF, Peter Hahne interviewt sie in der Sendung „Berlin direkt“. Merkel sagt gefühlte acht Mal: „Bürokratieabbau“ und Hahne vergisst acht Mal zu fragen, wie sie sich das vorstellt.

Thomas Roth vergisst im „Bericht aus Berlin“ nie, den Zuschauer direkt anzusprechen. Politik, das ist sein Konzept, muss erfahrbar sein, spürbar, und es funktioniert auch, aber plötzlich ist die Sendung vorbei, es fehlen die Nachrichten, eingeklemmt zwischen „Sportschau“ und „Lindenstraße“ wirkt der „Bericht“ zu kurz. Dieses Problem hat „Berlin direkt“ nicht, vorher läuft „heute“, dafür haben sie Peter Hahne, der am Anfang seine Recherchen offenbart: „Der Wähler will Ergebnisse.“ Natürlich hat auch die ZDFSendung das Thema „Job-Gipfel“, deshalb ist Merkel im Studio, deshalb gibt es nachher einen Chat mit Ronald Pofalla. Thomas Roth sagte im Tagesspiegel: „Am Sonntagabend bekomme ich in Berlin Politiker eher als am späten Freitagabend.“ Sein Interview mit dem Kanzler wurde aufgezeichnet, der Kanzler saß in Hannover. Aber wahrscheinlich ist das dem Zuschauer völlig egal.

Nicht egal ist ihm aber, dass er versteht, wie Politik funktioniert, welche Auswirkungen sie auf sein Leben hat. Beide Magazine versuchen das deutlich zu machen, und die Entscheidung der ARD, den „Bericht aus Berlin“ auf den Sonntag zu legen, den wichtigsten Fernsehtag der Woche, ist richtig, denn Politik, von Medienmenschen jahrelang als „unsexy“ abgetan, wird das bestimmende Thema sein und möglicherweise der Garant für Quote.

Am späten Abend, auf irgendeinem Privatsender lief eine Werbung, in der es um die Korruption in Deutschland ging. Es war Werbung für das Männermagazin „Matador“. Ist das der Anfang von Politik?

Den „Bericht aus Berlin“ sahen 2,19 Millionen Zuschauer, „Berlin direkt“ 3,52 Millionen.

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