"Polizeiruf 110" aus Brandenburg : Tief im Osten

Der RBB-„Polizeiruf 110“ mit Maria Simon und Lucas Gregorowicz zeigt sehr viel Brandenburger Tristesse. Und das selbst mit dem Titel "Muttertag".

von
Kommen sich näher. Kommissar Raczek (Lucas Gregorowicz) und Kollegin Lenski (Maria Simon) inspizieren den Tatort nahe der deutsch-polnischen Grenze.
Kommen sich näher. Kommissar Raczek (Lucas Gregorowicz) und Kollegin Lenski (Maria Simon) inspizieren den Tatort nahe der...Foto: RBB/Oliver Feist

Kaum Handy-Empfang, maximal zwei Busse am Tag, trottelige Polizisten, keine Jobs, eine Dorfkneipe mit immer den gleichen Gästen – willkommen in der Wüste Brandenburg. Über diesen RBB-Krimi wird der Tourismusverband eines der größten deutschen Bundesländer nicht erfreut sein. Was hatten wir beim „Polizeiruf 110“ mit dem gemütlichen Horst Krause jahrelang für Spaß, am Stadtrand von Berlin, meistens im Sonnenschein. Gemütlich sind Maria Simon und Lucas Gregorowicz, die Darsteller des neuen deutsch-polnischen Ermittlerteams im „Polizeiruf“, nicht. Sie bescheren uns mit „Muttertag“ eine düstere Studie um Mutterliebe und Schuld, um Eifersucht und das öde Leben in der Provinz.

Immerhin, einen schöneren Fundort für einen Toten wird’s im TV-Krimi kaum geben. Ein märchenhafter Wald bei Stettin: Dort liegt die Leiche eines Mannes, er wurde erschlagen. Zeugen berichten von einem Auto mit deutschem Kennzeichen am Tatort. Ein Fall für das deutsch-polnische Ermittlerteam. Ihr dritter Einsatz im Brandenburger „Polizeiruf 110“ führt die Ermittler Adam Raczek (Gregorowicz) und Olga Lenski (Simon) weg von Grenzkriminalität wie Autodiebstahl und illegale Einwanderung und tief in brandenburgische Tristesse.

So trist, dass da – und das ist unüblich für „Tatort“ und „Polizeiruf“ – Ortsnamen erfunden werden. Wo liegt eigentlich Wüsterow? Das Dorf gibt es nicht. Autorin Anika Wangard hat es sich bei aller Drastik der Geschichte und Milieusicherheit nicht nehmen lassen, eine Dorfkulisse nahe der polnischen Grenze zu erfinden (die Kenner als Groß-Ziethen an der Grenze zur Uckermark ausmachen werden). Dort lebt die junge Sabrina Uhl, die mit dem erschlagenen polnischen Tischler ein Verhältnis gehabt haben soll. Sabrinas Mutter meldet die Frau kurz nach der Entdeckung der Leiche im Wald als vermisst. Raczek und Lenski machen sich auf nach Wüsterow. Dort landet das ständig streitende Ermittlerpaar auf Dienstreise unfreiwillig im Doppelbett. Wo Olga Lenski einfällt, wie lange sie schon keinen Sex mehr gehabt hat.

Ein merkwürdiger Krimi zum Muttertag. Wenn es das Ansinnen des Rundfunks Berlin-Brandenburg war, mit diesem „Polizeiruf“ zur deutsch-polnischen Verständigung beizutragen, geht es nun einen Schritt zurück. „Der Pole klaut hier alles“, heißt es an einer Stelle. Es menschelt stattdessen zum einen bei der langsamen Annäherung des Ermittlerteams, zum anderen bei dem universellen Thema Mutterliebe und der gleich in mehrfacher Hinsicht aufgeworfenen Frage, wozu diese denn in der Lage ist. Ermittlerin Olga Lenski als Alleinerziehende, die ihr Kleinkind mit zum Tatort und ins Revier nehmen muss, die Mutter der vermissten Sabrina als Hoffende, Klagende, vor allem aber Heidi Schoppe (Ulrike Krumbiegel), deren Sohn Enrico (Anton Spieker) ein guter Freund von Sabrina ist – und möglicherweise mehr als das.

Als Mutter Schoppe eine grausige Entdeckung macht und erkennen muss, dass ihr arbeitsloser Sohn vielleicht doch nicht ganz der Loser ist, der Unschuldige, den alle gern zum Sündenbock machen, wird die verzweifelte Frau zur Schlüsselfigur, mäandert zwischen Wahrheitsfindung und bedingungsloser Mutterliebe. Gut möglich, dass sich Ulrike Krumbiegel mit diesem Mutter-Sohn-Drama einen Grimme-Preis erspielt hat. Anders als Maria Simon, die mit der Rolle der Ermittlerin Lenski immer leicht unterfordert wirkt, auch in der neuen Ermittler-Konstellation.

Bleibt die gar nicht mehr so schöne Mark Brandenburg. Wo Regisseur Eoin Moore seine Kamera rund um „Wüsterow“/Groß Ziethen auch hinhält: Pflasterstraßen, Matsch, keine Sonne, Tiere, Blut. Karges Leben der Bewohner, prekäre Beschäftigungen, existenzielle Not von fast Faulkner’schem Ausmaß. Das alles gedreht im trüben November, wenn Touristen und finanzkräftige Berliner ihre Sommerfrische längst verlassen haben. Wird Zeit, dass die sich diesen guten Krimi anschauen. Wenn im krummen Märchenwald die Leichen liegen.

„Polizeiruf 110: Muttertag“,

Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

Autor

16 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben