Polizeiruf 110 aus Magdeburg : Wo Raucher länger leben

Im MDR-„Polizeiruf“ halten sich die Diebe für schlauer als die Kommissare. Leider wird im Krimi aus Magdeburg an zuviel Manieriertheiten und Klischees fest gehalten.

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Wo sind die Smartphones?
Wo sind die Smartphones?Foto: MDR

Im "Polizeiruf 110" aus Magdeburg Da wird eifrig gegen den Strich gebürstet. Während das Rauchen allenthalben gegeißelt wird, bescheinigt dieser Krimi em Nikotin-Laster sogar eine gesundheitsförderliche Wirkung. Indirekt jedenfalls. Die Folge „Eine mörderische Idee“ des MDR beginnt mit einem Bombenanschlag auf einen Supermarkt. Nur wenn sich die Handelskette bereit erklärt, künftig auf die Verwendung von Genmais – die Bombenleger sprechen von der „neuen gelben Gefahr“ – zu verzichten, wird nicht nach jeder Stunde eine Bombe in einer weiteren Filiale gezündet, lautet die Drohung. Die Reinigungskraft, die im ersten Supermarkt gerade der Arbeit nachging, überlebte den Anschlag nur deshalb, weil sich der Mitarbeiter für eine Zigarettenpause vor das Gebäude begeben hatte.

Weniger Glück hatte zur gleichen Zeit ein Wachmann im Magdeburger Containerhafen. Zuerst fällt die Videoüberwachung aus, dann weist ein Alarmsignal auf einen Einbruch hin. Der Security-Mann ruft bei der Polizei an, doch die ist wegen der Bombendrohung im Ausnahmezustand und vertröstet den Wachmann auf später. Doch da liegt er schon tot in der Elbe. Hätte er während des Alarms vor seiner Wachbaracke eine Zigarette geraucht, statt die Zeitung zu lesen, wäre das seiner Gesundheit zuträglicher gewesen.

Abhörsichere Smartphones im Visier

Die Magdeburger Polizei muss nun jedenfalls zwei Verbrechen aufklären. Kommissar Jochen Drexler (Sylvester Groth) übernimmt die Supermarktbombe, seine Kollegin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) sucht den Wachmann-Mörder, der bei seinem Raubzug Smartphones im Wert von drei Millionen Euro erbeutet hat. In beiden Fällen sind die Verbrecher mit hoher krimineller Energie und technischem Sachverstand zu Werke gegangen. Eine Spur führt dabei zur Magdeburger Uni, wo gerade an abhörsicheren Smartphones geforscht wird.

Statt in die Zukunft hätte der MDR an diesem Tag sicherlich auch in die Vergangenheit – zum Fall der Mauer – blicken können. Der „Polizeiruf“ gehört ja bekanntlich zu den wenigen TV-Errungenschaften aus der ehemaligen DDR, die es noch gibt. Der MDR hat der Versuchung widerstanden, dem öffentlich-rechtlichen Mauer-Programm noch einen Nachwende-„Polizeiruf“ hinzuzufügen.

Vielen gilt der „Polizeiruf“ wegen seiner unprätentiösen Art ohnehin als der bessere „Tatort“. Das trifft auf diese Folge sicherlich zu, in der sich die Ermittler nicht auf Geistesblitze oder Intuition, sondern auf die bewährte Methode des gewissenhaften Faktensammelns verlassen. Dabei sind sie durchaus in der Lage, eins und eins zusammenzuzählen, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass zwei Verbrechen dieser Art wohl kaum zufällig nahezu zur gleichen Zeit stattfinden. Die große „Moral von der Geschicht“ sucht man dafür allerdings vergebens.

Ballerspiele im Polizeiruf?

Einige Manieriertheiten haben sich aber auch in den MDR-„Polizeiruf“ aus Magdeburg eingeschlichen. Sylvester Groth muss beinahe den ganzen Film mit bis nach oben zugeknöpftem schwarzem Trenchcoat herumlaufen. Und Claudia Michelsen wirkt auch im dritten Fall noch immer nicht besonders entspannt auf ihrem Dienstmotorrad. Einmal ganz davon abgesehen, dass es zwar als cool gelten mag, seinen Helm locker auf dem Spiegel abzulegen, bevor man ein Gebäude betritt. Die Wahrscheinlichkeit, wieder mit Helm loszufahren, dürfte auch in Magdeburg nicht groß sein.

Auch sonst ist Stephan Rick, der das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, in dem insgesamt sehr sehenswerten ARD-Krimi das eine oder andere Klischee unterlaufen. Da sitzen zum Beispiel drei Informatikstudenten mit einem Doktoranden zusammen und machen was? Spielen Ballerspiele, in denen entweder Schüsse oder die Schreie zu hören sind. Dagegen punktet der „Polizeiruf“ beim Casting. Als schmieriger Spediteur kann Oliver Korittke ein weiteres Mal zeigen, dass er als treudummer Münsteraner Steuerprüfer im ZDF-Samstagskrimi „Wilsberg“ auf Dauer mit angezogener Handbremse spielt. Und Tonio Arango liefert mit Nerd-Brille einen alerten IT-Professor, an dem viele echte Studenten ihre Freude haben dürften. Auch ohne Zigarette.

„Polizeiruf 110: Eine mörderische Idee“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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