"Polizeiruf 110" in Rostock : Karriere, Koks, Korruption

„Polizeiruf 110“: Mafia und Zoll treffen im Rostocker Hafen aufeinander. Und zwischen den Fahndern kriselt es

Daniel Lücking
Kurz vor dem Zugriff. Das Rostocker Fahnderduo Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) jagt Drogenkuriere.
Kurz vor dem Zugriff. Das Rostocker Fahnderduo Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) jagt...Foto: NDR/Christine Schroeder

„Ich hol die Polizei!“, jammert der Dealer. „Ich BIN die Polizei!“, kontert Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) auf der Toilette der Disko, kurz bevor er dem Dealer die Kokainpäckchen in den Hals stopft, um ihn zur Preisgabe seiner Quelle zu bewegen. In ihrem 14. „Polizeiruf: Im Schatten“ bringen drei Morde das Ermittlerteam Alexander Bukow und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) mit ihren Kollegen Anton Pöschel (Andreas Guenther) und Volker Thiesler (Josef Heynert) ins Drogenmilieu von Rostock. Der Hafen ist Umschlagplatz, und die kalabrische Mafia ’Ndrangheta wäscht ihre Gewinne aus dem Drogenhandel über ein Netzwerk aus unauffälligen Firmen. Doch schnell wird klar, dass im Schatten nicht nur Mafiosi ihr Unwesen treiben und morden. Die Verstrickungen der Kollegen der Zollfahndung, deren Einsatzleiter erschossen wird, fordern das Ermittlerteam.

Das Drehbuch für den „Polizeiruf“ kommt erneut von Florian Oeller, der auch schon „Fischerkrieg“ und „Sturm im Kopf“ schrieb. „Rostocks Hafen ist einer meiner Lieblingsorte“, sagt Oeller. Aus dem Buch „ZeroZeroZero. Wie Kokain die Welt beherrscht“ des italienischen Journalisten Roberto Saviano erfuhr Oeller von der Schattenseite Rostocks. Die Mafiaorganisation ’Ndrangheta soll weltweit mit 53 Milliarden Euro mehr Geld als Deutsche Bank und McDonald’s zusammen bewegen.

Deutschland ist perfekt für die Mafia

Und nicht nur Rostock ist nach den Recherchen von Saviano Teil dieses Geschäfts. „Man denkt immer, Deutschland wäre so ein weißes Blatt, was Mafiakader angeht. Aber hier sieht man, dass das überhaupt nicht stimmt. Deutschland ist in seiner Klarheit und Bürokratie im Gegenteil offenbar perfekt für die Mafia“, sagt Anneke Kim Sarnau. Als Profilerin Katrin König kennt sie die Mafia-Strukturen in ihrer Stadt seit Jahren. Sie schreckt auch vor einer Konfrontation mit dem Clanchef nicht zurück. Ihr Anspruch an die Polizeiarbeit ist hoch und so ist es kaum verwunderlich, dass sie sich unwohl fühlt, als sich die Zollbeamtin Jana Zander (Elisabeth Baulitz) in die Ermittlungen einmischt. Beruflich und privat war Zanders Verbindung zum erschossenen Einsatzleiter sehr eng.

So spannend wie das Thema dieses „Polizeiruf“, ist auch das Verhältnis von Bukow und König, zwischen denen es ordentlich knistert, als sie sich wieder ein Stück näherkommen. Dabei läuft Bukows Privatleben weiterhin chaotisch. Nach der Trennung von seiner Frau wird die Beziehung zu seinen Söhnen immer schwieriger. Die beiden Teenies zeigen ihm die kalte Schulter. All das drängt die eigentliche Handlung aber nicht in den Hintergrund.

In der zweiten Ermittlerreihe im Team kämpft der ehrgeizige Anton Pöschel gegen sich selbst und steht sich damit auch selbst im Weg. Darsteller Andreas Guenther hat großen Gefallen an seiner manchmal recht bemitleidenswerten Rolle: „Wenn ich das spiele, geht mir das Herz auf. Das ist so menschlich, dieses Scheitern, Hinfallen und sich Wiederaufrappeln. Der Kampf mit sich selber und mit dem Leben.“

Ganz anders gefordert ist Volker Thiesler. Nach seiner Affäre mit Bukows Frau Vivian ist das Verhältnis zwischen Thiesler und seinem Teamkollegen weiterhin distanziert, aber professionell. Doch „dass die beiden zusammen einen trinken gehen und dann ist alles wieder gut“, sieht Schauspieler Heynert für seine Rolle nicht. „Das wäre ja auch nicht spannend.“ Heynert dreht gerne in Rostock, denn hier sind die Komparsen echte Polizisten. „Für sie ist das ihr ,Polizeiruf’. Sie sagen uns, was von dem, was wir da tun, realistisch ist und was nicht. Das ist auch für uns Schauspieler ein Gewinn."

Herausforderung für den Regisseur

Für Regisseur Philipp Leinemann war „Im Schatten“ eine Herausforderung, da er erstmals einen Film drehte, ohne das Buch dafür geschrieben zu haben. „Ich musste mich viel intensiver vorbereiten, und habe immer wieder das Buch durchgearbeitet“, sagt Leinemann. Geholfen haben ihm dabei auch die Recherchen zu seinen vergangenen Projekten. „Ich habe ja gerade den Film ,Die Informantin’ gemacht, in dem es um schwarze Schafe bei der Polizei ging, und bin dadurch sehr familiär mit Dienststellen und Behörden.“

Dieser „Polizeiruf“ überzeugt. Die Mischung aus Drogenhandel und Korruption passt in die kalte Stimmung der Hafengegend, und die Balance zwischen dem Thema und den persönlichen Geschichten der Protagonisten stimmt. Die Schauspieler wirken dadurch nicht so überdreht wie die Ermittler zuletzt im Dortmunder „Tatort“.

„Polizeiruf 110: Im Schatten“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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