Pop und Print : Fast Forward

In Zeiten von Spotify & Co. müssen sich Musikzeitschriften neu erfinden. "Electronic Beats" versucht's mit Hilfe der Telekom.

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Abschied und Neubeginn. Die „De:Bug“ erscheint mit ihrer April-Ausgabe nach 16 Jahren zum letzten Mal. Das Telekom-Magazin „Electronic Beats“ gibt’s künftig am Kiosk. Fotos: Promo
Abschied und Neubeginn. Die „De:Bug“ erscheint mit ihrer April-Ausgabe nach 16 Jahren zum letzten Mal. Das Telekom-Magazin...

Kaum jemand hält es für eine gute Idee, es heutzutage noch mit einer Musikzeitschrift zu probieren. Gerade hat der Verlag der in Berlin ansässigen und auf elektronische Musik spezialisierten „De:Bug“ Insolvenz angemeldet. Nach 16 Jahren gehen für das sehr nischige, aber als Szenezeitschrift doch etablierte Magazin mit der April-Ausgabe die Lichter aus. Es ging rein wirtschaftlich nicht mehr und die Erschöpfung, so sagt es Mitherausgeber Anton Waldt, sei am Ende einfach zu groß gewesen, um es noch ein wenig weiter zu versuchen.

Zu wenig Verkäufe, nicht genügend Abos, kaum noch Anzeigen, das Ende der „De:Bug“ lässt sich tatsächlich so einfach erklären. Bleibt die Frage nach der tieferen Ursache für das Scheitern einer Musikzeitschrift, von der man nach all den Jahren ihrer Existenz dachte, sie sei relativ krisenfest. Viel ist ja über den Bedeutungsverlust von Musikmagazinen diskutiert worden. Mit ihren Einschätzungen und Analysen sind sie bei einem ein- oder zweimonatigen Erscheinungsrhythmus im Wettlauf mit der digitalen Welt immer zu spät dran. Bis ein Musikinteressierter in der „Spex“, im „Rolling Stone“ oder im „Musikexpress“ über eine bestimmte neue Platte liest, hat er von dieser längst aus seinen sozialen Netzwerken, auf diversen Musikblogs oder in der täglich aktualisierten und mit monatlich über eine Millionen Besuchen enorm einflussreichen und durchaus kritischen Musik-Website Pitchfork mitbekommen und beim Hören auf Spotify oder Soundcloud selbst entschieden, was er vom neuen Werk zu halten hat.

Die Krise der Musikzeitschriften schlägt sich nicht bloß bei der „De:Bug“ nieder. Die verkauften Auflagen des „Musikexpress“ und des „Rolling Stone“ haben sich in den letzten 15 Jahren halbiert und bei etwas mehr als 50 000 Exemplaren eingependelt. Die „Spex“ wird gerade mal etwas mehr als 12 000 Mal verkauft, das war zwar auch in ihren besten Zeiten nicht viel mehr, sie erscheint inzwischen allerdings nur noch alle zwei Monate. Auch in einem Land wie England, in dem Musikzeitschriften immer eine noch größere Bedeutung als hierzulande hatten, geht es für einschlägige Titel wie „Q“, „Mojo“ oder „NME“ kontinuierlich bergab.

Ausgerechnet in diesem Musikzeitschriftenmarkt, der keine echte Zukunft zu haben scheint, will nun „Electronic Beats“ mitmischen, ein vom Burda-Verlag herausgegebenes Musikmagazin unter der Schirmherrschaft der Telekom. Den Titel gibt es schon länger, er ist Teil der Marketingkampagne „Electronic Beats“ der Telekommunikationsfirma, die mit der Produktion und dem Sponsoring von Filmen, Apps und der Veranstaltung von Konzerten etwas fürs eigene Image tun möchte. Corporate Publishing nennt man ein derartiges Konzept einer Firmenpublikation.

Ursprünglich erschien „Electronic Beats“ als Gratisblatt, das die von der Telekom gesponsorten Konzerte bewarb. Dann wurde vor drei Jahren eine neue inhaltliche Ausrichtung beschlossen, Max Dax, Ex-Chefredakteur der „Spex“, übernahm den Chefposten und mit der aktuellen Nummer wird neben der weiterhin kostenlosen englischsprachigen Ausgabe auch eine deutschsprachige Ausgabe des Magazins vierteljährlich am Zeitungskiosk zu kaufen sein.

Das Interessante ist, dass ausgerechnet diese Musikmagazin gewordene Werbemaßnahme eines Großkonzerns dem Konzept Musikzeitschrift neuen Sinn zu verleihen vermag. „Antizyklisch“ sei die Herangehensweise, sagt Max Dax. Der Schnelligkeit des Internets setzt er eine selbstbewusste Entschleunigung entgegen. Für 4,50 Euro ist es ein Magazin, das sich inhaltliche und gestalterische Freiheiten nimmt, das auf das längst obsolet gewordene, aber von klassischen Musikmagazinen immer noch als Kerngeschäft betrachtete Rezensieren von Platten verzichtet, dafür mit Themen und Akzenten zu überraschen weiß, wie die anderen das gar nicht mal mehr zu versuchen scheinen.

Die anderen müssen diesen Monat Jan Delay aufs Cover holen, so wie der „Rolling Stone“ oder das Kostenlos-Blatt „Intro“. Oder sie müssen wenigstens groß über seine neue Platte berichten, einen wahnsinnig unwichtigen Versuch des näselnden Rappers, sich als Rocker zu präsentieren. Jan Delay ist aber erfolgreich genug, um seine Plattenfirma im großen Stil Anzeigen für ihn schalten zu lassen, und von irgendwas müssen die Musikmagazine ja leben.

Auch „Electronic Beats“ unterliegt Zwängen, das Gespräch mit Giorgio Morodor musste jetzt offensichtlich rein ins Blatt, weil der Disco-Großmeister einen Vertrag mit der Telekom hat, allerdings hat Morodor natürlich immer noch mehr zu erzählen als Jan Delay. Ansonsten aber bekommt man Querköpfigkeiten und überraschende Drehs geboten. Marshall Allen, der Leiter des sagenumwobenen Sun-Ra-Arkestras, wird in Philadelphia besucht und auf 18 Seiten ausgiebig befragt. Boy George preist Bob Dylan, Hans-Joachim Irmler von der Krautrockband Faust schreibt über die Krautrockband Can. Man liest sich fest in diesem Magazin, den „Rolling Stone“ oder die „Spex“ blättert man bestenfalls noch durch.

Manches wirkt etwas gespreizt und wichtigtuerisch bei „Electronic Beats“, so, als müsste man unbedingt beweisen, dass man auch wirklich mehr ist als dieses Magazin der Telekom. „Conversations On Essential Issues“ steht großspurig im Untertitel auch der deutschsprachigen Ausgabe, die Gesprächspartner in den Interviews werden im Impressum als „Autoren“ aufgeführt und im Editorial kommt der hyperaktive Kunstkurator Hans Ulrich Obrist zu Wort. Chefredakteur Dax spricht von „Nachhaltigkeit“ und einer „Zeitlosigkeit“, die er mit dem Magazin anstrebe. „Die anderen Zeitschriften auf dem Musikmarkt performen unter ihren Möglichkeiten. Sie trauen sich nicht, ihren Lesern etwas zuzumuten“, findet Dax. Damit spricht er natürlich über die direkten Konkurrenten am Kiosk. Recht hat er trotzdem.

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