Medien : Pornografisierte Gesellschaft

Caroline Fetscher

Menschen bei Maischberger: Früher, härter, unromantischer – Sex ohne Liebe? ARD, Dienstag. Am Dienstagabend um Viertel vor elf ging es in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ um ein alle Jahre wieder diskutiertes Thema, das einmal „die Verrohung der Jugend“ hieß und hier unter dem Rubrum „Früher, härter, unromantischer: Sex ohne Liebe?“ als Frage daherkam, auf die wir eine Antwort wohl wissen – aber eben noch genauer wissen wollen.

Die Menschen waren natürlich gar nicht bei Maischberger, mehrere Moderatoren vertreten Sandra Maischberger seit Beginn ihrer Babypause vor sechs Wochen. Diesmal kam Alice Schwarzer zum Zuge. Und diesmal, nur diesmal, war es ein Ereignis – eines, das respektable 1,7 Millionen Zuschauer (11 Prozent Marktanteil) anzog. Warum gibt es eigentlich keine regelmäßige Alice-Schwarzer-Talkshow? Wie die Moderatorin hier, charmant, gut vorbereitet, bei Bedarf sanft ironisch, ihre Gäste dirigierte, das macht ihr so rasch niemand nach. Sogar mit dem Deutschrapper und Pornoproduzenten Manuel Romeike aka „Orgi“ blieb die Moderatorin weise und humorvoll – was angesichts eines Orgi gar nicht einfach ist. Orgi dichtet über Mädchen unter dem Titel „Du nichts – ich Mann“ Dinge wie „du siehst aus wie Scheiße“ oder „blase, bis du kotzt“. Er sollte eine Chance zur Einsicht bekommen. Abgeklärt, freundlich erkundigte sich die Moderatorin: „Ist Ihnen so was eigentlich nicht peinlich?“ Orgi nun mochte rein gar nichts einsehen. Vielmehr fand er, was er mache sei „Kunst“ und „halt auch so ’n bisschen Partystimmung“. Den Zweck aber – auf das Publikum einzuwirken – hat Alice Schwarzer erfüllt.

Von der Schauspielerin Gaby Dohm war zu erfahren, dass sie Sexszenen mit Sechzigjährigen, die spießige Pyjamas tragen unsympathisch findet. Eingeladen hatte Schwarzer auch eine scheue, junge Frau, die mit dreizehn Mutter geworden war, sowie eine andere, die von einem halben Dutzend Männer vergewaltigt worden war. Dass viele Mädchen unter dem Druck einer pornografisierten Gesellschaft, kaum noch ihren Gefühlen trauen und nicht mehr wissen, wann sie „Nein“ sagen dürfen oder müssen, berichtete besorgt die Essener Ärztin Esther Schoonbrood. Pornografie werde zur Leitkultur der Unterschicht, pflichtete der alarmierte Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung bei, Professor Jakob Pastötter. Mit seiner Erkenntnis – wer nicht gelernt habe, über Gefühle zu sprechen, dem werden sie entgleiten – prägte er den Satz des Abends: „Soziale Verwahrlosung kann ich auf einen Nenner bringen: Das ist Sprachlosigkeit.“ An diesem Abend wurde offen gesprochen, mit Alice Schwarzer als Muse.

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