Porträt : Der Spaßmacher

Ob „Rossini“ oder „Nachtschicht“ – ein bisschen Komik hilft immer. Armin Rohde ist der bärbeißigste deutsche Schauspieler. Eine Begegnung.

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Was könnte im nächsten Moment passieren? Am Montag ist Armin Rohde in der 11. Folge der ZDF-Reihe „Nachtschicht“ zu sehen, unter der Regie von Lars Becker. Rohde spielt den Kommissar Bo Erichsen, unberechenbar und selbst nicht immer ganz gesetzestreu. Foto: ZDF
Was könnte im nächsten Moment passieren? Am Montag ist Armin Rohde in der 11. Folge der ZDF-Reihe „Nachtschicht“ zu sehen, unter...

Mit aufgerissenen Augen steht er da und starrt auf die Banane in seiner rechten Hand. Er blickt kurz in den Raum und mit einer Dramatik in seinem Gesicht, als stünde er nicht mitten in einem Interview, sondern vor einem großen Publikum. Armin Rohde erklärt die Strategie eines Clowns: „Ich halte eine Banane in der Hand, aber ich weiß eigentlich nicht, was das für ein Ding ist oder was man damit macht. Reibt man sich damit ein oder explodiert das womöglich?“ So steht er eine Weile da, steif und ratlos. Dann schiebt er plötzlich sein linkes Bein nach hinten, als könnte diese Entscheidung sein Problem lösen. Eben noch völlig hilflos, wirkt er auf einmal ganz entspannt. Wer ihn so sieht, muss lachen. Das ist die ganze Wissenschaft, der überraschende Wechsel in einen anderen menschlichen Zustand, das Geheimnis der Komik. Armin Rohde liebt es, ein Clown zu sein, und in gewisser Weise steckt dieser Clown in allen seinen Rollen.

Er ist 57 Jahre alt, er trägt lange, dunkelblond gelockte Haare, Hut und Bart, er ist einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Er hat in den Kinoproduktionen „Der bewegte Mann“, „Rossini“, „Lola rennt“ und „Das Leben ist eine Baustelle“ mitgewirkt, im Fernsehen trat er im „Tatort“, „Schattenmann“ und im „Wunder von Lengede“ auf. Heute und morgen Abend ist er in der 11. Folge der ZDF-Reihe „Nachtschicht“ zu sehen. Er spielt den Kommissar Bo Erichsen, unberechenbar und selbst nicht immer ganz gesetzestreu. Gleich zu Beginn des neuen Falls „Geld regiert die Welt“ ist Erichsen zu Besuch in einem Bordell. Schon ziemlich besoffen, verlangt er vom Barkeeper den nächsten Drink. Als ihm der verweigert wird, zückt Erichsen seine Dienstwaffe. Was folgt, ist einer dieser Rohde-Momente: Bevor Erichsen abdrücken kann, kippt er vom Barhocker, fällt auf den Boden. „Früher habe ich mir jahrelang einen Kopf darüber gemacht, wie ich einen Spielcharakter entwickle“, sagt Armin Rohde. „Mittlerweile denke ich, dass man überhaupt keine Rolle spielen kann, sondern nur Situationen. Diesen nähere ich mich nicht mit Vorwissen, sondern mit einer gewissen Unschuld. Was könnte im nächsten Moment passieren?“

1955 wurde er in Gladbeck geboren, als ältestes von vier Geschwistern. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter Fabrikarbeiterin. In Wuppertal wuchs er auf. Als 19-Jähriger besuchte er das Tanztheater von Pina Bausch. Ihr Strawinsky-Abend „Le sacre du printemps“ brachte ihn zur Schauspielerei. „Als das Licht ausging und ich die ersten Töne hörte, war ich wie elektrisiert. Ich war atemlos, bekam am ganzen Körper rote Flecken.“ 20-mal besuchte er die Vorstellung, heimlich beobachtete er die Proben. Er wollte auch ein Zauberer sein.

Armin Rohde erzählt die Geschichte mit einer Leidenschaft, als hätte er sie gerade erst erlebt. Als würde er immer noch dieses Gefühl in sich tragen, das sein Herz entflammte. Armin Rohde ist ein Vollblutschauspieler, ein Bärbeißer und Bäumeausreißer. Wenn man ihn anschaut, mit seinen mindestens 15 Kilogramm Übergewicht, könnte man glauben, er habe sich seinen Beruf regelrecht einverleibt. „Die Rollen sind wie meine Kinder“, sagt der kinderlose Rohde, „ich gebe ihnen meine ganze Energie. Was andere Leute in ihre Kinder investieren, Liebe, Aufmerksamkeit, der Umgang mit der Welt – das alles fließt in meine Rollen ein.“ Nicht selten hatte er am Anfang seiner Filmkarriere am letzten Drehtag Tränen in den Augen – es fiel ihm schwer, sich von seinen Rollen zu verabschieden.

Eine Tanzkarriere schloss der kräftige Rohde damals für sich aus. Wie er Schauspieler werden würde, konnte ihm zu Hause niemand sagen. So setzte er sich in Wuppertaler Cafés und hoffte darauf, entdeckt zu werden. Er zündete sich eine Zigarette nach der anderen an. Er dachte: ‚Ich bin doch interessant, es muss doch eigentlich jeder sehen, dass ich woanders hingehöre.’ Ein Freund brachte ihm Prospekte von Schauspielschulen mit, in denen er Spannendes für sich entdeckte: Pantomime, Fechten, Darstellendes Spiel. Armin Rohde bewarb sich und wurde in Essen an der Folkwangschule angenommen. Dort belegte er parallel zum Studium eine Clownsausbildung bei dem Franzosen Pierre Byland, einem langjährigen Mitarbeiter von der Pariser Eliteschule für pantomimische Artistik. In den Kursen lernte er, dass ein Clown nicht nur ein „dummer August“ ist. „Wenn ein Clown durch eine Tür kommt, ahnt das Publikum, dass er jetzt versuchen wird, komisch zu sein. Aber der Clown weiß, dass das Publikum das ahnt, und das macht es nicht gerade leicht.“ Clownerie, meint Rohde, helfe in Situationen, die man nicht lösen kann, in denen man nicht weiß, wie es weitergeht. Und trotzdem unternimmt man alles, damit es weitergeht, irgendwie.

Armin Rohde redet gern und viel, er braucht keine Fragen, um Antworten zu geben. Er erzählt über Dreharbeiten, lobt Kollegen, spricht über Geschichte. Ihn interessiert alles, was mit Schauspiel zu tun hat. Er analysiert alte Filme, vergleicht Techniken, Mimik, Darstellung. So hat er beobachtet, wie sich nach den Weltkriegen die Spielweise im Film veränderte, das Lachen hatte seine Unschuld verloren. Bis vor kurzem bildete er selbst Schauspieler an der Folkwangschule in Essen aus: „Ich bin fasziniert davon, Tradition weiterzugeben und sie dabei den Erfordernissen der neuen Zeit anzupassen“, sagt er. Vor vier Jahren begann er eine Studienanleitung für Schauspielstudenten zu schreiben, daraus wurde eine Autobiografie: „Größenwahn und Lampenfieber: Die Wahrheit über Schauspieler“. Armin Rohde schwärmt für seinen Beruf. Seine Begeisterung ist nicht einfach nur bloßes Bauchgefühl, sie kommt ganz ohne Eitelkeit und Gesten der Selbstverliebtheit aus. Sein „Größenwahn“ ist sympathisch.Einen Clown hat er nur ein einziges Mal gespielt, 1988 am Bochumer Schauspielhaus, in dem Stück „Germania Tod in Berlin“ von Heiner Müller. Allerdings mit so großem Erfolg, dass er danach von zwei renommierten Zirkusunternehmen Angebote bekam. Er lehnte ab, weil er lieber Theater und Film machen wollte. „Trotzdem wende ich die Clownstechnik jederzeit an“, sagt Rohde. „Auch in dem Sinne, dass ich entspannt bleibe, wenn es schwierig wird. Das macht mich glaubwürdig. Clownerie ist die halbe Miete in allen meinen Rollen.“ 2003 war er zu Gast auf der Couch bei „Wetten dass..?“. Er verlor seine Wette und musste als „Flitzer“ durchs Studio rennen. Im Dauerlauf, nackt unter einer Kochschürze - wem, wenn nicht einem Clown, hätte man das zumuten können?

Der österreichische Regisseur Max Reinhardt hat einmal gesagt: „Ein Schauspieler ist ein Mensch, dem es gelungen ist, die Kindheit in die Tasche zu stecken und sie bis an sein Lebensende darin aufzubewahren.“ Armin Rohde gefällt dieses Zitat, er selbst bezeichnet sich als „großes Kind“. „Das Sams“, „Der Räuber Hotzenplotz“, „Herr Bello“, „Freche Mädchen“, „Teufelskicker“ – in allen diesen deutschen Kinderfilmen hat er in den letzten Jahren mitgespielt. Ob als Bösewicht, tumber Tor, treuer Hundemensch – die Kinder lieben ihn in seinen Rollen, wie sie den Clown im Zirkus lieben. Klein, und auch nicht immer schön, doch im Rampenlicht wunderbar. Vermutlich ist er im Moment Deutschlands bekanntester Kinderfilmstar. Im Supermarkt wird er von Müttern angesprochen, die mit ihrem sechsjährigen Sohn an der Kasse stehen. Das Erzbistum Essen wollte ihm sogar die Auszeichnung „Schutzengel der Kinder“ verleihen. Er hat den Titel nicht angenommen. „Ich habe mich damit überfordert gefühlt“, erzählt er. „Schutzengel der Kinder, das sind für mich Leute, die in Kinderkrebskrankenhäusern arbeiten, sich beruflich oder in Ehrenämtern sozial engagieren. Das lässt mein Beruf leider so gut wie gar nicht zu.“ Er habe ja nichts weiter gemacht als Filme gedreht, sagt er. Er sei doch nur ein Spaßmacher.

„Nachtschicht“,

Montag, ZDF, 20 Uhr 15

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