Porträt : Die kühle Kunst der Präzision

Caren Miosga hat 50 Mal die „Tagesthemen“ moderiert und präsentiert sich als höflicher Gast im Wohnzimmer. Dabei besticht vor allem ihre sprachliche Präzision.

Bernd Gäbler
Miosga
Keine Fisimatenten. Caren Miosga führt stets seriös durch das Nachrichten-Journal im Ersten. -Foto: ARD

Unseretwegen musste die Sekretärin genau nachzählen, sonst wäre Caren Miosga selbst das Jubiläum womöglich verborgen geblieben. Heute moderiert sie ihre 50. Ausgabe der ARD-„Tagesthemen“. Wie ein Neuling wirkte sie nie.

Selbstbewusst war schon der Auftakt. „Gleich zwei Personalien in unserer heutigen Sendung: Ich bin die Neue bei den ,Tagesthemen‘, und Thomas Enders wird neuer Chef bei Airbus. Nur über Letzteres wollen wir heute natürlich reden.“ Dann kam ein frisches Interview mit dem Topmanager. Die einfache Frage „Haben Sie in Zukunft mehr oder weniger zu sagen?“ brachte ihn leicht aus dem Tritt. Nach zwei komplexen Themen – Airbus und Stammzellen – kam am Ende ein allzu leichtes über Urlaub auf der Alm. Vom „bergigen Weg zu sich selbst über die Kuh“ sprach die Moderatorin da dezent ironisch. Sie erklärte alles verständlich und hielt die disparate Sendung zusammen. Am Ende war Caren Miosga zu früh erleichtert, so dass sie den Namen des „Nachtmagazin“-Kollegen Ingo Zamperoni etwas verstolperte, was sie lächelnd auffing – ein souveräner Einstand.

Im Folgenden hielt sie sicher diese Form. Seit 17 Jahren arbeitet Caren Miosga als Journalistin. Als Moderatorin des Medienmagazins „Zapp“ und von Kultursendungen hat sie es gelernt, auch komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären, ohne sie zu banalisieren. Sie vermag etwas Ordnung in die Welt zu bringen, aber das Interpretationsmonopol nicht manipulativ auszunutzen. Dabei ist sie konzentriert und freundlich, ohne mit einem „Habt mich doch lieb“- Blick um die Gunst der Zuschauer zu buhlen. Sie ist präsent, aber platzt nicht ins Wohnzimmer hinein. Sie macht ein Angebot. Sie bleibt ein höflicher Gast.

In den ARD-„Tagesthemen“ differiert das Niveau der Beiträge stark. Die „bunten Stücke“ zu Almurlaub oder Fischeis sind oft eher kindisch. Über die Innenpolitik wird mit starkem Hang zur Parteipolitologie berichtet; verglichen mit der BBC ist der Horizont immer noch national eingegrenzt. Zur Krise der Sachsen LB werden tagelang nur offizielle Verlautbarungen nachgebetet, umso heftiger echauffiert sich der Kommentator hinterher. Dafür kann die Moderatorin nichts. Gelegentlich wirken die Sendungen sehr vollgestopft. Zwei Nachrichtenblöcke, Börse, ein Interview, ein Kommentar, der nur gelegentlich aufhorchen lässt, die Übergabe zum Wetter und der Hinweis auf das „Nachtmagazin“ – viel Raum zur Entfaltung bleibt da nicht. Claus Kleber kann das „heute-journal“ im ZDF narrativer gestalten.

Aber auch Caren Miosga dient nicht nur bescheiden, sondern gestaltet. Ihr wichtigstes Mittel dabei ist sprachliche Sorgfalt. Floskeln wie „die Konjunktur brummt“ oder „Merkel, unterwegs in heikler Mission“ unterlaufen auch ihr, aber nur sehr selten. Sie achtet auf die Sprache und verachtet Jargon. Sie moduliert gut, auch wenn sie gelegentlich „Ärde“ sagt, wenn es um ein Erdbeben geht.

Vor allem geht es ihr um Verständlichkeit. Daran arbeitet sie. Da heißt es dann schon einmal: „Die russische Außenpolitik kann man in diesen Tagen mit den Worten umschreiben: Das Imperium schlägt zurück.“ Das erläutert sie dann. „Soll es die Wehrpflicht auch in Zukunft geben: ja oder nein? Darüber hat die SPD jahrelang gestritten und sich dazu durchgerungen, diese Frage heute mit einem entschiedenen ,Jein’ zu beantworten.“ So leitet sie einen entsprechenden Beitrag ein. Nicht dass sie die Einzige ist, die auf so etwas kommt, aber andere tun es eben allzu selten.

Selbst der Deutschlandfunk meldet schon mal, Putin gedenke als Spitzenkandidat der Partei „Einiges Deutschland“ anzutreten; „heute“ verwechselt Tschechien und Tschetschenien, „heute-journal“ lässt Singular und Plural munter durcheinanderpurzeln, wenn zum Beispiel gerade ein Drittel der „Wahlberechtigten“ – ja was nun, etwas tut oder tun? – egal, benutzt wird einfach beides; vom speziellen Deutsch in Frühstücksfernsehen oder Videotexten ganz zu schweigen.

In diesen Zeiten sticht die Sprache von Caren Miosga heraus. Dabei geht es ihr nicht darum, mit möglichst originellen Formulierungen zu glänzen, gar Staunen hervorzurufen, sondern um kühle Präzision und treffenden Ausdruck. Ihr Bestreben gilt der Kunst, mit gewöhnlichen Worten Ungewöhnliches zu sagen. Das ist bemerkenswert in einer Fernsehlandschaft, in der alle nach Popularität gieren und jede News angeblich unmittelbar „to use“ sein muss.

Über ausdrucksstarke Augenbrauen, eine gelegentlich steile Stirnfalte gar, große Augen mit wachem Blick, aber zu häufigem Zwinkern wurde schon geschrieben. Als Resonanz darauf lautet eine Klage: Sobald es um Fernsehfrauen geht, würden Kritiker unsachlich, ja persönlich werden. Kein Wunder, wenn beide Seiten ihren Job mit Haut und Haaren machen. Aber es gibt über simple Geschmacksnoten hinausgehende Kriterien. Das Wichtigste für ihren Job ist zweifellos, ob die Zuschauer hinterher informierter sind. Die Zwischenbilanz zur 50. Sendung ist positiv. Caren Miosga hat keine Lücke entstehen lassen. Sie wirkt verbindlich und klug. Für einige hat sie vielleicht zu wenig Starqualitäten. Sie hält sich auch bedeckt und erliegt zum Glück nicht – wie manche Ansagerin – den Verführungen des Boulevards. Aber so bekannt, dass sie nicht mehr Carmen Misoga oder gar Karen Moskau genannt wird, ist sie mittlerweile schon. Vielleicht ist sie kein Quotenknaller, sie ist nicht laut, sie zündet keine Effekte, aber das Informationsprogramm bereichert sie nachhaltig.

„Tagesthemen“, 22 Uhr 15, ARD

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