Porträt : Ein deutscher Dirigent

Berlin, Wien, Venedig: Arte porträtiert Ingo Metzmacher. Sein Herz schlägt für die musikalische Moderne

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Anti-Maestro. Der Betrieb will Stars, aber Ingo Metzmacher will keiner sein. Foto: Arte
Anti-Maestro. Der Betrieb will Stars, aber Ingo Metzmacher will keiner sein. Foto: ArteFoto: © Anja Frers

Der Titel ist natürlich Provokation. Kaum ein Dirigent der mittleren Generation dürfte dem Verdacht des Tümlichen oder Tümelnden ferner stehen als Ingo Metzmacher. Aber wer sagt denn, dass „das Deutsche“ per se so sei und nur so? Metzmacher in Rom: Konzert mit Kurt Weills „Sieben Todsünden“, gesungen von der Rock-Röhre Marianne Faithfull. In Wien: Gastspiel mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester. In Venedig: Recherche im Luigi-Nono-Archiv. Und Kammermusik im Berliner Tacheles. Metzmacher geht es nicht um „akustische Kuscheldecken“, sondern um die Botschaftlichkeit der Musik, und das vermittelt Sigrun Matthiesens Porträt auf eindringliche Weise. Metzmachers Uneitelkeit, das Unprätentiöse des gebürtigen Hannoveraners mit dem starken Kinn und dem Matrosenschritt, das ist schon sehr bestrickend.

Bei Schönberg und Schreker fühlt er sich zu Hause, vor Hans Pfitzner, dem NS-Sympathisanten und groß Verfemten, kennt er keine Angst – seine Liebe aber gilt dem Avantgardisten, Kommunisten und Belcantisten Luigi Nono. „Was mir wichtig ist im Leben und in der Musik, das hat mit hier zu tun“, sagt Metzmacher in Venedig und wird von dem Gedanken so ergriffen, dass ihm die Tränen kommen. Peinlich? Nein, nur ehrlich.

Ingo Metzmacher ist ein Spätberufener, mit 30 steht er zum ersten Mal vor einem professionellen Orchester, da bekleiden andere bereits Chefpositionen. Schuld daran ist auch der Schatten seines Vaters, des Cellisten Rudolf Metzmacher, der einen Musikbegriff verkörpert, gegen den sich der Sohn zunächst zur Wehr setzt: mit einer Unterbrechung des Studiums und frühen „Krise“. Die musikalische Moderne bietet ihm schließlich Halt, lässt ihn sich selbst finden. Schön, wie Metzmacher in seinem Elternhaus auf dem Sofa sitzt und erzählt. Von der Klavierlehrerin, die einen rassigen Sportwagen fuhr; und vom Fußball, der vor aller Musik „sein Liebstes“ gewesen sei. Dass der Tod des Vaters bei allem Schmerz und Verlust auch eine Befreiung bedeutete, Luft, darin ist er sich mit Mutter Lore wohl einig.

Hamburg, Amsterdam, Berlin heißen die Karrierestationen. Wobei der 53-Jährige sicher gerne länger an der Spree geblieben wäre. Geldrangeleien ließen ihn 2010 beim Deutschen Symphonie-Orchester kündigen. Eine Wunde? In der Kunst, sagt Metzmacher, gehe es darum, sich die Verletzungen anzuschauen, nicht zu verdrängen. Vielleicht gilt das ja auch fürs Leben. Christine Lemke-Matwey

„Ingo Metzmacher – Ein deutscher Dirigent“, Arte, Montag, 23 Uhr 15

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