Porträt : Frau mit Aussicht

Berlin oder Wien? Theaterstar Caroline Peters spielt eine ungewöhnliche Fernsehkommissarin in der ungewöhnlichsten deutschen Krimiserie

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Weiblich, ledig, Ende 30, sucht. Die Kölner Kommissarin Sophie Haas (Caroline Peters) hat es auf die Polizeiwache in einem Eifel-Nest verschlagen. Dort hängen auch mal tote Physiker am Sternenteleskop, in der Hauptsache besteht die Arbeit der toughen Ermittlerin aber darin, ihr Privatleben vor allzu neugierigen Nachbarn und Kollegen zu schützen. Foto: WDR
Weiblich, ledig, Ende 30, sucht. Die Kölner Kommissarin Sophie Haas (Caroline Peters) hat es auf die Polizeiwache in einem...Foto: ARD/Frank Dicks

Stadt mit „H“? Es soll Fans der Krimiserie „Mord mit Aussicht“ geben, die im „Stadt, Land, Fluss“-Spiel bei dieser Frage sofort mal „Hengasch“ aufschreiben. Nicht München, Hamburg, Berlin, Köln oder sonstige finstere TV-Krimiorte, nein, Hengasch; jenes fiktive Provinznest in der Eifel, in das es die Kölner Kommissarin Sophie Haas verschlagen hat, immer dienstagabends im Ersten. Caroline Peters spielt diese extravagante Frau mit kriminalistischem Tatendrang. Was für ein Rollenwechsel, was für ein Umzug. Normalerweise dreht es sich in Peters’ Beruf eher um die Republik Venedig wie im „Othello“ oder gleich um die ganze Welt wie im „Faust“. Sie spielte im Verlauf ihrer Karriere an allen großen deutschsprachigen Bühnen. Nun Hengasch. Dort ist Caroline Peters gewissermaßen zur Fernsehkommissarin der Stunde geworden. Und wenn man bedenkt, dass Fernsehkommissare fast Halbgötter in Deutschland sind, ist es schon erstaunlich, dass man sich mit der Schauspielerin über ihre Karriere, über das Geheimnis guter Serien und über die Wohnortfrage „Wien oder Berlin?“ in einem schicken Berliner Restaurant in Mitte noch vollkommen unerkannt unterhalten kann.

Schwarzes Kleid, hellblaue Augen, großer Mund, breites Lächeln, die schwarze Sonnenbrille hochgeschoben ins blonde Haar, und ein Restaurantplatz draußen auf der Gartenterrasse. Unweigerlich fällt einem bei Caroline Peters die Abwandlung eines Satzes von Truffaut ein: Filme drehen bedeute, schöne Frauen ungewöhnliche Dinge machen zu lassen. Sie bestellt sich eine Apfelschorle. Dann rollt sie erst mal die Augen: Oh ja, das ist ein Thema, die Quoten! Bis zu fünf Millionen Zuschauer haben in den vergangenen Wochen bei „Mord mit Aussicht“ eingeschaltet, obwohl es sich bei dem Format um ein durchaus kompliziertes Gebilde handelt. Ungewöhnlich nicht nur in schauspielerischer Hinsicht. 2008 auf einem Sendeplatz am Montagabend mit den ersten sechs Folgen mehr schlecht als recht gestartet, hat die ARD zwei Jahre gewartet, bis Sommer 2010, um die restlichen sieben Folgen der ersten Staffel am Dienstagabend auszustrahlen. Die Kritiken waren schon vor zwei Jahren gut. Nun schossen auch die Quoten durch die Decke, trotz starker Fernsehkonkurrenz mit der Fußball-Weltmeisterschaft.

Das mache sie stolz, es habe sie aber schon auch ein bisschen verwundert. „Ich bin ja Theaterschauspielerin und mit diesen Quoten nicht so firm. Man muss mir das auch immer lang und breit erklären, was welche Rechenart wie bedeutet“, sagt Caroline Peters. Dass am Dienstagabend zum Beispiel wohl immer mehr Fernsehen geguckt werde als am Montagabend. „Hauptsächlich will ich, dass es gut wird, dass es mir und meinen Freunden gefällt. Dass ich dazu stehen kann und nicht sagen muss: Na prima, da habe ich gut Geld abgegriffen.“

Atem holen. Es soll ja auch Krimifans geben, die da noch keinen Gefallen gefunden haben. „Mord mit Aussicht“, das ist: eine dörfliche Dienststelle, in der es sich zwei Polizisten bequem gemacht haben, eine neue Chefin aus der Großstadt, deren Berufseifer und knallbunte Kleidung als eklatante Störung des Betriebsfriedens angesehen werden, auch von den restlichen Bewohnern in Hengasch, skurrile Fälle wie Physiker, die tot am Sternenteleskop hängen, oder unleidliche Folgen des übermäßigen Einsatzes von Potenzpillen beim Elektriker Poppelrath – in Zeiten öffentlich-rechtlichen Verblödungsfernsehens sollte ausdrücklich der Mut gelobt werden, den zum Beispiel der verantwortliche WDR-Redakteur Gebhard Henke beim Durchwinken der Bücher von Eifelianerin Marie Reiners gezeigt hat. Die Tonlage von „Mord mit Aussicht“ liegt irgendwo zwischen „Miss Marple“ und „Stromberg“. Nicht unbedingt der Stoff, den hartgesottene Krimifans, Lieblingsmarke „Tatort“ oder „CSI“, lieben.

Caroline Peters will Fernsehen machen für diejenigen, die kein Fernsehen mehr gucken. „Alle Leute, die jetzt zwischen 30 und 40 sind, sind doch aufgewachsen mit diesen tollen, intelligenten US-Serien wie ,Six Feet Under’ oder BBC-Formaten wie ,Extras’ mit Ricky Gervais.“ Irgendwie müsse man es schaffen, das dort Gelernte und Geliebte zu uns zu übertragen.

Ein hoher Anspruch, ein zu hoher wahrscheinlich, aber das Erstaunliche ist, mit welcher Einstellung und Leichtigkeit das Projekt „Mord mit Aussicht“ auf die Erfolgsspur gekommen ist. Anfangs hat Arne Feldhusen, einer der „Stromberg“-Macher, die Regie übernommen. „Das ist ein Humor, den ich besser verstehe“, sagt Caroline Peters, „dass da immer eine ganze Reihe von kleinen Sätzen und Handlungen kommen, bis die Pointe sitzt.“ Feldhusen arbeite sehr schauspielerzentriert und ein bisschen altmodisch. Die Hauptdarsteller, Bjarne Mädel, Meike Droste und Caroline Peters, kommen alle von der Bühne.

„Wir wollten ,Mord mit Aussicht’ genauso ernst nehmen wie eine Shakespeare-Produktion, haben immer viel Text aus dem Buch rausgenommen und gesagt: Das kann man spielen, das muss man nicht sagen.“ Caroline Peters überlegt, rückt die Sonnenbrille auf dem Kopf zurecht, stockt. Das klingt ja immer so einfach, dieser Satz: Man wolle anspruchsvolle Fernsehunterhaltung machen. Es sei schon so, den Ernst dafür bringen vielleicht nicht alle Fernsehproduktionen auf, schon gar nicht bei so etwas, das unter dem Generalverdacht „leichte Muse“ und „nur Unterhaltung“ steht. Sie sagt: „Ich habe keine Lust, Komik für etwas Minderwertiges zu halten.“

Mit Minderwertigem hat sich Caroline Peters nie lange aufgehalten. Jahrgang 1971, aufgewachsen in Köln, Schauspielschule Saarbrücken, erstes Theaterengagement 1995 an der Berliner Schaubühne, Theaterstationen in Hamburg, Zürich, an der Volksbühne Berlin, heute lebhaft in Berlin und Wien gleichermaßen. Mit dem Überraschungserfolg von „Mord mit Aussicht“ soll sich für die „Pollesch-Schauspielerin“, die für ihre Darstellung einer nymphomanen, tablettenabhängigen Kleptomanin im Fernsehfilm „Arnies Welt“ 2007 einen Grimme-Preis bekommen hat, an der Gewichtung von Fernsehen, Film und Theater erst mal nichts Grundlegendes ändern.

Vielleicht wird ihr ja ein neues Loblied geschrieben, wie es eine Hamburger Band um Schauspieler Marek Harloff und Ex-„Selig“-Sänger Jan Plewka bereits getan hat („Hier kommt Caroline Peters“). Vielleicht bewahrt sie sich auch etwas von dieser – und das kommt selten genug vor bei Schauspielerfernsehstars in der Öffentlichkeit und in den Medien – herzlichen Unverstelltheit und Direktheit, von der sich auch die Interviewer und Zuschauer einer grandiosen Folge der WDR-Sendung „Zimmer frei!“ im April überzeugen konnten, eine der besten Ausgaben der letzten Jahre.

Vielleicht kommt ja auch noch ein eigenes Filmprojekt dazu. Die Schauspielerin schreibt derzeit an einem Drehbuch, über dessen Inhalt sie nichts verraten will. Erst mal spielt sie diesen Sommer und Herbst in „Othello“ und „Faust 2“ am Wiener Burgtheater, wo sie seit sechs Jahren fest engagiert ist. Sie schwärmt: „Theater ist etwas ganz Wichtiges in meinem Leben. Da bin ich auch zu sehr Bildungsbürger.“

Der Fernseher läuft dann auch eher selten in ihrer Wohnung in Berlin-Mitte, die Caroline Peters trotz ihres ständigen Pendelns zwischen Wien und Berlin behalten will. „Ich hätte schon längst nach Wien umziehen können, aber ich hänge so wahnsinnig an Berlin.“ Und sie hat hier ja auch immer gespielt. Jetzt hat sie halt zwei Wohnungen. „Das hat aber auch Vorteile. Beide Städte gehen einem tendenziell ja auch auf die Nerven. Wenn das wieder so ist, geht man einfach schnell in die andere.“

Schaut sie sich ihren eigenen Krimi am Dienstagabend an? „Nein.“ Hin und wieder schaltet sie „Tatort“ ein, um zu sehen: Wer macht was. „Ich gucke Fernsehen, wenn ich total erschöpft bin.“ Dann zappt sie rum, guckt nichts richtig. „Eine schlechte Angewohnheit. Ich habe aber auch einen ganz schlechten Fernseher. Damit kriege ich mildernde Umstände.“

Bestimmt, vergeben, aber dann, bitte ARD, Frau Peters, noch mindestens eine weitere Staffel von „Mord mit Aussicht“. Warum nicht, sagt sie, sie habe inzwischen auch keine Angst mehr, in so einer Serie zu verschwinden. Spricht’s, lächelt ein unglaublich breites Lächeln und verschwindet im Restaurant.

„Mord mit Aussicht“, dienstags,

ARD, 20 Uhr 15

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