Porträt : Mister Rhythmus

Mehr als nur die Playlist vom MP3-Player: Der Amerikaner BJ Barry holt bei Kiss FM die Generation Internet vors Radio

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„Heeey, what’s up?!“. BJ Barry, der in Frankreich geboren wurde und in den USA aufgewachsen ist, verrät weder sein Alter noch seinen richtigen Namen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
„Heeey, what’s up?!“. BJ Barry, der in Frankreich geboren wurde und in den USA aufgewachsen ist, verrät weder sein Alter noch...

Knapp unter dem linken Ellenbogen verläuft die Narbe, ohne die BJ Barry vielleicht nie beim Radio gelandet wäre. Er trägt sie, seitdem er sechs ist. Damals lebte er im Ghetto von Los Angeles, sein Vater arbeitete beim Militär und steckte ihm manchmal Taschengeld zu, etwa fünf Dollar. Das war nicht viel, aber genug für die Kinder aus der armen Nachbarschaft, um ihm das Geld mit einem Messer abzunehmen. Bald darauf entschied BJ Barry, selbst Anführer einer Clique zu werden – und klar, als solcher muss man Leute dazu bringen, dass sie auf einen hören. BJ Barry hat daraus seinen Beruf gemacht.

Beim Berliner Radiosender Kiss FM ist er Moderator, montags bis freitags von 14 bis 19 Uhr führt er durch seine „BJ Barry Show“. Ihm gelingt das, woran viele Fernseh- und Radiosender verzweifeln: Trotz Konkurrenz durch Facebook, Youtube und Twitter lockt er die junge Zielgruppe vors Radio. Um 11 Prozent hat Kiss FM nach der aktuellen Media-Analyse im Vergleich zur Analyse im März dieses Jahres zugelegt. Pro Stunde erreicht der Sender durchschnittlich 49 000 Hörer. Der Livestream, mit dem die aktuelle Sendung übers Internet angehört werden kann, wird pro Tag knapp 900 000 Mal abgerufen, die Website verzeichnet 8000 Visits. Ein Erfolg, an dem BJ Barry einen wesentlichen Anteil hat. Nach der Morgenschiene hat er die meisten Zuhörer.

„Welcome to the BJ Barry Show“, begrüßt er die Hörer, dazu noch ein „Heeeeeey, what’s up?“ und „Let’s Rock ’n’ Roll, kids“. BJ Barry moderiert durchgehend im deutsch-amerikanischen Sprachmix – nicht, weil er das cool findet, sondern er kann Deutsch einfach nicht besser. Geboren wurde er als Sohn einer Französin und eines Amerikaners in Südfrankreich, wann genau, verrät er nicht, auch seinen richtigen Namen sagt er nicht. „Wer ein Geheimnis hat, ist einfach spannender“, sagt BJ Barry.

Aufgewachsen ist er in den USA. 2001 kam er aus familiären Gründen nach Deutschland und hat hier seine Sprachschwäche zur Moderationsstärke gemacht – durch seinen Slang ist er in der oft gleichdudeligen Radiowelt unverwechselbar. Wer die Generation Internet vors Radio holen will, muss mehr bieten als deren MP3-Player, auf dem die Musik der Lieblingspopstars jederzeit und jederorts verfügbar ist. Barry spielt nicht nur die Musik, sondern er hört sich selber ein wenig an wie die US-Stars und bringt ein Gefühl der „Streets of New York“ in die Hauptstadt. Selbst ein Stau auf der Spreeschanze hört sich nach SoHo an, wenn er im deutsch-englischen Slang die Verkehrsnachrichten liest.

Barry zelebriert zudem die amerikanische Art des Radiomachens. Ihm geht es weniger um einen journalistischen Ansatz. Er will der Typ von nebenan sein. „Just listen“, einfach zuhören, was die Leute ihm erzählen, das sei sein Geheimnis, sagt BJ Barry. Viele ältere Berliner erinnert er an den deutsch-amerikanischen Moderator Rik DeLisle, der ab 1978 erst beim Soldatensender AFN und später dann bei Rias 2 zu hören war.

Jetzt soll BJ Barry Konkurrenz bekommen. Ab dem 23. August schickt der Sender 104.6 RTL Thomas Koschwitz zur gleichen Zeit auf Sendung wie den amerikanischen Radioprofi, der seit knapp zwei Jahren bei Kiss FM moderiert. Barry begann seine Karriere im Radio bereits als 19-Jähriger. Während seines Studiums der Medienwissenschaft in Mississippis Hauptstadt Jackson hatte er nebenbei als DJ in einem Club gejobbt und wurde hier fürs Radio entdeckt. Seinen Künstlernamen Barry fand er, als er im Telefonbuch stöberte. Das „BJ“ reimte er dazu, damit es rhythmisch klingt: „BJ Barry, das ist wie eins, zwei, drei, vier“, sagt er.

Nicht nur sein Name und die Songs, die er spielt, müssen für ihn Rhythmus haben, sondern seine Sendung insgesamt. Alle Programmelemente wie Musiktitel, Jingles und Werbung spielt er selber ein, so kann er die Show relativ spontan gestalten. Sekundengenaues Timing ist trotzdem wichtig, nie darf eine Pause entstehen. BJ Barry nutzt deshalb einen kleinen Trick. Er blendet ab und zu Applaus vom Band ein, so hat er zwei, drei Sekunden Zeit nachzudenken, auch, wenn ihm gerade mal wieder ein deutsches Wort fehlt.

„Happy birthday“ versteht jeder Hörer. Mehrere Glückwünsche spricht BJ Barry pro Tag live on air aus. Oft ist unter den Geburtstagskindern einer seiner rund 2800 Facebook-Freunde, die er regelmäßig mit Neuigkeiten versorgt. So verbindet er das neue Medium Facebook mit dem alten Medium Radio. Gleichzeitig baut er persönliche Nähe auf – und das weiß selbst die sich sonst so gerne in der virtuellen Welt bewegende Zielgruppe zu schätzen.

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