Porträt : Mitgefühl für Merkel

Was macht die Kanzlerin in der Eurokrise? Stephan Lamby und Michael Wech haben sie zwei Jahre beobachtet. Und treffen dabei auf einen überraschend wohlwollenden Kritiker.

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Die Porträtierte irrt gelegentlich und ändert öfter ihre Meinung. Foto: WDR
Die Porträtierte irrt gelegentlich und ändert öfter ihre Meinung. Foto: WDRFoto: WDR/dapd/Michael Gottschalk

Beim ersten Mal fällt er noch gar nicht auf, der kleine Schriftzug unten rechts. Aber wenn auf dem Bildschirm zum zweiten oder dritten Mal diese unscharfen, etwas zu dunklen Aufnahmen auftauchen, die man mit etwas Fantasie als „Anzugträger gestenreich ins Gespräch vertieft“ deuten kann – beim zweiten oder dritten Mal also fällt der Schriftzug mit in den Blick: „Szenen nachgestellt“. Der Hinweis am Rande führt ins Zentrum des Problems. „Was macht Merkel?“ fragen die Dokumentarfilmer Stephan Lamby und Michael Wech und porträtieren in der ARD „Die Kanzlerin in der Euro-Krise“. Das ist ein anspruchsvolles Vorhaben. Die Frage ist schon mit Worten kaum zu beantworten. Aber was, wenn man es mit Bildern tun muss, die man gar nicht hat?

Die stärkste Szene im ganzen Film ist ein Auto, das nicht anhält, wo es sollte. In dem Auto – groß, schwarz, gepanzert, ein zweites von der Sorte mit Blaulicht hintendran – sitzt Angela Merkel. Es ist der 20. Oktober 2011, die Kanzlerin hat eigentlich einen Termin bei der Kultusministerkonferenz, aber in Brüssel geht es mal wieder hoch her und in den Koalitionsfraktionen auch. Es ist der Tag, an dem Merkel die Kultusminister versetzt und kurzerhand einen Euro-Gipfel verschieben lässt. Die Szene ist allerdings die einzig einprägsame. Ansonsten bekommt der Zuschauer optisch geboten, was er aus der „Tagesschau“ kennt: Limousinen vor Staatsflaggen, Politiker vor Mikrofonen, Griechen vor Angela-Hitler-Plakaten, nur diesmal alles untermalt mit einem dramatischen Krisensoundtrack. Ansonsten schließt sich immer, wenn es interessant werden könnte, die Tür des Brüsseler EU-Ratssaals vor der Kamera.

Was dahinter passiert, bleibt verborgen. Nachliefern soll es notgedrungen der prominente Interviewpartner. An solchen mangelt es nicht, von Wolfgang Schäuble und Euro-Gruppen-Chef Jean- Claude Juncker über den CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs bis zu einem Fondsmanager, der auf Staatspapiere spezialisiert ist. Merkel selbst erscheint nur bei amtlichen Auftritten – in Brüssel, in Athen, vor dem Bundestag.

Aus alledem zeichnen die Autoren das Bild einer Kanzlerin, die gelegentlich irrt, öfter ihre Meinung ändert, immer wieder Niederlagen einstecken muss, aber doch durch alle Wendungen hinweg zentralen Zielen treu bleibe: die deutsche Kasse zusammen- und den Euro am Leben erhalten, die Griechen t retten, aber nicht aus dem Sparzwang entlassen – und immer auf die Innenpolitik achten.

Die These ist nicht besonders originell, vermutlich ist sie sogar richtig. Allerdings liefern die Bilder dafür keinen Beleg. Die befragten Promis – viele selber Mitspieler in dem längst nicht abgeschlossenen Spiel – sind als Zeugen auch nur bedingt tauglich. Lamby und Wech scheinen das Ungenügen selbst zu empfinden. Sie spendieren ihrer Dokumentation einen prägnanten Kommentar. Die Gewissheiten, die die Stimme aus dem Off verkündet („eine raffinierte Strategie“), bleiben oft bloße Behauptung. Zwei Jahre deutscher Euro-Politik in 45 Filmminuten deuten zu wollen, ist ein anspruchsvolles Vorhaben. Trotzdem lohnt sich für politisch Interessierte das späte Aufbleiben. Einer, der im Film nach Merkels Rettungspolitik befragt wird, ist Peer Steinbrück. Der erweist sich als überraschend verständnisvoller Kritiker der Kanzlerin. Sei es, dass er einen ihrer Kurswechsel mit dem lakonischen Satz „Das ist eben Politik“ kommentiert, sei es, dass er „absolutes Mitgefühl“ für Entscheidungsdruck im Sekundentakt äußert – Steinbrück zeigt durchweg professionellen Respekt für die Frau, der er als SPD-Kanzlerkandidat von Amts wegen den Job streitig zu machen hat. Vielleicht weiß der Zuschauer hinterher nicht besser als vorher, was er von Merkel in der Euro-Krise halten soll. Über Steinbrück hat er einiges gelernt.Robert Birnbaum

„Was macht Merkel“, ARD, 22 Uhr 45

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