Porträt : Nie mehr zweite Liga

In mehr als 80 Filmen hat Peter Lohmeyer mitgespielt, jedes Wochenende spielt er Fußball. Und dass er Fan von Schalke 04 ist – das gibt ihm Halt.

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Offensiv ist geil. Peter Lohmeyer mag es nicht, wenn beim Fußball zu oft nach hinten gespielt wird. Wegen seiner Liebe zu Schalke 04 wurde der Schauspieler auch schon als „Libuda des deutschen Films“ bezeichnet. Foto: Steffi Loos/dapd
Offensiv ist geil. Peter Lohmeyer mag es nicht, wenn beim Fußball zu oft nach hinten gespielt wird. Wegen seiner Liebe zu Schalke...Foto: dapd

Als neulich Schalke gegen Dortmund spielte, saß Peter Lohmeyer mit seinem Sohn im Stadion und trug sein königsblaues T-Shirt mit der Aufschrift 04. Ein Freund hat es extra für ihn entworfen, es ist ein Unikat und in keinem Fanshop zu erwerben. „Schalke“, sagt Peter Lohmeyer, „ist für mich ein Stück Heimat. Ein Halt.“ Beim Ruhrpott-Derby in Dortmund schossen Afellay und Höger jeweils ein Tor, Schalke siegte mit 2:1. Für Peter Lohmeyer war es ein großartiger Samstag.

Peter Lohmeyer hat sein Herz an Schalke verschenkt, als er sechs Jahre alt war, warum, das weiß er selber nicht mehr so genau, vielleicht war es einfach nur die Vereinsfarbe, die ihm gefallen hat: Blau. Bei dieser Farbe ist er geblieben. „Ein wirklicher Fan“, sagt er, „wechselt seinen Verein nicht.“ Aber dort, wo man zu den Gelben geht, in Dortmund, stand er zum ersten Mal auf der Bühne, in dem Stück „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“. Da war er sechzehn. Jetzt ist er 50. Er hat in über 80 Filmen gespielt und jedes Wochenende spielt er Fußball.

Wir treffen uns im „Speisezimmer“ in der Chausseestraße in Berlin, einem Ort der Inszenierung. Unverputzte Backsteinwände, alte Kronleuchter, modernes Interieur. Die langen Tafeln wirken wie eine Einladung zur Hochzeit, to go ist hier nicht, eher ein Cognac im anständigen Glas. Das „Speisezimmer“ gehört Sarah Wiener, sie ist seit vier Jahren die Ehefrau von Peter Lohmeyer. Der Schauspieler kommt mit seinem Rollkoffer in das Lokal hereingeschneit, als wäre das Speise- irgendwie auch sein Wohnzimmer. Zielgerichtet setzt er sich auf den Platz unter einem Fenster, durch das dünnes Sonnenlicht bricht. Er packt seine Frühstücksbrote aus, die er aus der Bäckerei seiner Frau nebenan mitgebracht hat, und fängt erst einmal zu essen an.

Lohmeyers Kopf ist prägnant, kantig, große Nase, millimeterkurzes Haar. Sein Name gehört zum Inventar des deutschen Fernseh- und Kinoabspanns: „Der Fahnder“, „Das Wunder von Bern“, „Vineta“, „Soul Kitchen“, „Die Straßen von Berlin“. Aber es gibt noch andere Momente, auf denen er sein Leben baut, die Wirklichkeit ist oft besser, als die Fiktion: Weltmeisterschaften, Champions League, vor allem aber Bundesliga. „Für mich gibt es immer diese furchtbare Zeit, die Sommer- und Winterpause, ganz schrecklich ist das. Da fehlen mir Spannung und Unterhaltung“, sagt Peter Lohmeyer. Das Feuilleton nannte ihn schon den „Libuda des deutschen Films“, nach dem gleichnamigen Schalker Spitzendribbler. Und der Kollege Joachim Król hat einmal über Lohmeyers Vereinstreue gesagt, er bewundere „seine Leidensfähigkeit“. In guten wie in schlechten Zeiten – Fußball ist ein Lexikon der Gefühle. Wut, Trauer, Freude. Und so ist Peter Lohmeyer ohne den Fußball als Schauspieler womöglich gar nicht zu verstehen.

1962 wurde er im Sauerland geboren. Sein Vater war Pfarrer, Peter Lohmeyer wuchs mit Werten und Wechseln auf. Zuerst wohnte er in Hagen, dann in Stuttgart und später in Dortmund. Er besuchte drei verschiedene Gymnasien. „Heimat“, sagt er, „ist etwas, was ich in dem Sinne nicht gekannt habe.“ Nach jedem Umzug ist er am Wochenende zunächst an seinen alten Wohnort zurückgefahren, mit der Bahn oder als Tramper, um seine Freunde wieder zu sehen, an denen er immer noch hing. Auch heute noch ist er manchmal neidisch auf andere, weil er keine Freunde „von ganz früher“ hat. Jedes Mal musste er sich in eine neue Klasse einfügen. Er war keiner, der allein und still in der Ecke sitzen wollte. In Hagen und Stuttgart spielte er im Schultheater mit, in Dortmund trat er im Kinder- und Jugendtheater auf. Er sagt: „Ich habe damals gelernt, wie man in einem Verband dabei sein kann, ohne sich anpassen oder Chef sein zu müssen.“

Peter Lohmeyer hat eine tiefe Stimme. Mittlerweile lebt er in Hamburg, aber man hört noch den Ruhrpott-Dialekt heraus. Den bezeichnet man auch als „Kumpelsprache“. Einiges, was Peter Lohmeyer sagt, klingt schnoddrig. Zugleich wirkt es aufrichtig: „Das Leben ist ja kein Ponyhof“ oder „kein Wünsch dir was“, antwortet er auf eine Frage. Oder aber er spricht von „Werbefuzzis“ und dass er „keinen Bock auf Stress“ hat. „Dumme Sau“, erzählt er, seien vielleicht die schlimmsten Wörter gewesen, die er einmal im Stadion gerufen hat, damit war dann der Schiedsrichter gemeint. „Ansonsten bin ich eigentlich keiner, der so rumbrüllt“, sagt Lohmeyer. „Aber ich bin auch nicht unbedingt leise, ich zügele mich nicht. Im Stadion gibt es keine Disziplin in der Lautstärke, das wäre ja Quatsch, wenn man dort die Fans nicht hören würde.“

Als er 18 war, zogen seine Eltern nach Bochum. Peter Lohmeyer wollte nicht noch einmal wechseln, er blieb allein in Dortmund und mietete eine eigene Wohnung. Er wurde selbstständig und davon müde. Nachts arbeitete er in der Kneipe, tagsüber ging er aufs Gymnasium. Als er merkte, dass er das Abitur nicht schafft, brach er ab und bewarb sich an der Schauspielschule in Bochum. Die Jahre dort betrachtet er rückblickend als „Megapraktikum“. Als er einen Stückvertrag bei Claus Peymann am Bochumer Schauspielhaus erhielt, gab er 1984 auch sein Studium auf. „Ich wusste ja, was ich machen wollte“, sagt er, „und deshalb hatte ich nie einen Grund, irgendwo unnötig zu bleiben.“ Er war an Theatern in Stuttgart, Wien, Düsseldorf und Berlin engagiert, parallel dazu trat er ab Mitte der 80er Jahre im Film („Tiger, Löwe, Panther“, „Der Spieler“) und im Fernsehen („Bella Block“, „Tatort“, „Die Männer vom K3“) auf. Für Peter Lohmeyer ist ein guter Fußballspieler einer, dessen Weg nach vorne geht. Nichts, sagt er, rege ihn mehr auf, als wenn einer immer nach hinten spielt.

Einer seiner Fußballhelden ist der ehemalige französische Nationalspieler und Stürmer Éric Cantona, der später Schauspieler wurde. So einen Weg hätte Peter Lohmeyer auch gern eingeschlagen, aber für ihn blieb der Fußball Hobby, Schauspiel wurde sein Beruf. 1998 bekam er den Deutschen Filmpreis für die beste Nebenrolle in dem Film „Zugvögel... Einmal nach Inari“. Darin spielte er Hauptkommissar Franck, der sich nach Finnland aufmacht, um Hannes Weber (Joachim Król) wegen Mordverdachts festzunehmen. Spröde, trocken und gleichzeitig voller Humor – Peter Lohmeyer hat in dieser Rolle nicht gelächelt und war doch zutiefst komisch.

Am Samstag war Peter Lohmeyer in dem ARD-Film „Blutadler“ zu sehen. Er spielte Kommissar Jan Fabel, der in Hamburg nach einem Frauenmörder sucht. „Blutadler“ ist nach „Wolfsfährte“ die zweite Literaturverfilmung des schottischen Krimiautors Craig Russell. Die Filme setzen, so wie die Bücher, eher auf Spannung als auf tiefe Personenbeschreibungen und das Privatleben der Beamten. „Sie sind härter und brutaler als andere Krimis“, meint Lohmeyer, „eher amerikanisches Format“. Jan Fabel ist ein konzentrierter Kommissar, der seinen Job liebt, und aufgrund seiner Fälle selten etwas zu lachen hat. Darin unterscheidet er sich von Hanno Harnisch, Lohmeyers LKA-Beamten im „Großstadtrevier“. Im November wird er nach vier Jahren erneut für die Hamburger Kultserie vor der Kamera stehen, im März wird die neue Staffel ausgestrahlt. Sechs Folgen lang vertritt er Jan Fedder, der seit 20 Jahren als Polizeikommissar das Revier leitet. „Hanno Harnisch ist ein leicht arroganter, manches Mal auch unzufriedener, Zeitgenosse, der sich gern mal über die Kollegen lustig macht“, sagt Peter Lohmeyer über ihn. Er freut sich darauf, dass er wieder in Hamburg drehen kann. In der Hansestadt hat er sich unlängst eine Wohnung gekauft, mit Blick auf die Elbe und ihren Containerhafen. Für einen 50-Jährigen, der nun auch graue Haare kriegt und etwas öfter mal seine Ruhe braucht, sei dies ein guter Rückzugsort, findet er. Seinen alten Traum von einem eigenen Fußballfeld hat Peter Lohmeyer aber trotzdem noch nicht aufgegeben. Echter Rasen, zwei Tore und Platz für mindestens zehn bis zwanzig Spieler.

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