Porträt : Tom Sawyer und die Haflinger

Alles im Griff, gerne auch als Busfahrer – eine Begegnung mit einem der vielseitigsten deutschen Schauspieler: Jörg Schüttauf.

Katja Hübner
„Ich wollte eigentlich immer nur ich sein“. Jörg Schüttauf. Foto: dpa
„Ich wollte eigentlich immer nur ich sein“. Jörg Schüttauf. Foto: dpaFoto: dpa

An dem Tag, an dem Jörg Schüttauf vor 30 Jahren in der Nationalen Volksarmee als Soldat vereidigt wurde, trug er zu große Schuhe. Seine Füße schmerzten beim Marschieren, ein großer Zeh wurde dick. Am Abend schwoll der Zeh immer mehr an und färbte sich lila. Jörg Schüttauf musste auf die Krankenstation, er hatte eine Blutvergiftung. „Ich war ein ganz schlechter Soldat“, erinnert er sich, und man merkt an seinem leichten Grinsen, dass er das nie bereut hat. Am nächsten Montag ist Schüttauf im ZDF-Film „Kongo“ (20 Uhr 15) zu sehen. Darin spielt er einen Hauptmann der Bundeswehr, der im vom Bürgerkrieg gezeichneten Ostkongo im Einsatz ist. Jörg Schüttauf sagt: „Ich habe jemanden gespielt, der ich selbst nie sein wollte“ – zackiger Ton, schneller Schritt, laut und fies, nicht gerade sympathisch.

Der Schauspieler steht im Garten seines Hauses und stemmt die Fäuste in die Hüften. „Soll ich vielleicht mal einen Kaffee kochen?“, fragt er. Er trägt ein dunkelblaues, langärmeliges Hemd, Jeans und Turnschuhe. Er ist klein und drahtig, 48 Jahre jung. Als Teenager hat er Körperkulturistik betrieben, in der DDR der Ausdruck für Bodybuilding. Seinen Oberarmen sieht man die Kraft an. „Ich bin der Haflinger des deutschen Films“, sagt er über sich, „blonde Mähne, arbeitsam, genügsam und kompakt.“ Wer die robusten Freizeitpferde kennt, weiß, dass sie leistungsfähige Tiere sind, vielseitig einsetzbar. Jörg Schüttauf hat fünf Jahre lang in der ZDF-Serie den „Fahnder“ gespielt. Acht Jahre lang gab er Fritz Dellwo, den „Tatort“-Kommissar aus Frankfurt. Gerade hat er für RTL vor der Kamera gestanden und jetzt drei Wochen frei. Eigentlich könnte er sich ruhig mal anlehnen, auf dem blauen Stuhl, auf dem er sitzt. Als das Telefon klingelt, springt er auf. Es scheint, als könne Jörg Schüttauf nur in der Bewegung spüren, dass er da ist. Heute früh war er schon joggen, zwischendurch segeln, nachmittags will er noch Badminton spielen.

Jörg Schüttauf redet viel und schnell, als versuche er, zusammen mit seinen Worten davonzulaufen. Manchmal nimmt er andere Rollen ein. Dann verfällt er in den sächsischen Dialekt, mit dem er in Chemnitz aufgewachsen ist, zieht die Augenbrauen hoch und formt seinen Mund zu einem „oh“. Seine klaren, blauen Augen gucken verschmitzt. Er habe, sagt er, auch keinen Grund zur Traurigkeit. Die Anekdoten purzeln nur so aus ihm heraus. Wie jene über die Studenten, die mit ihrem Paddelboot vor seinem Grundstück gekentert waren. Er rief ihnen zu: „Sie können dort stehen.“ Die Studenten aber, die ihn als Kommissar Fritz Dellwo aus dem „Tatort“ erkannt hatten, hörten stattdessen: „Bleiben Sie stehen!“ und schwammen voller Hektik weiter. Man weiß nicht, ob alles der Wahrheit entspricht, was Jörg Schüttauf erzählt, aber er weiß genau, wie man sein Publikum unterhält.

Dieses Talent hat seine Lehrerin in Karl-Marx-Stadt schon früh erkannt. Als er sechs Jahre alt war, schickte sie ihn ans Pioniertheater. Dort spielte er Rumpelstilzchen, Prinzen und den Nussknacker. Als er zwölf war, sah er im Städtischen Theater in seiner Heimatstadt Peter Steins Inszenierung der „Sommergäste“, ein Gastspiel mit Westberliner Darstellern. Vor ihm saßen bekannte DDR-Schauspieler wie Rolf Hoppe und Gojko Mitic, die er aus den Indianerfilmen kannte. „Das war wie ein Rockkonzert“, erinnert er sich, „die Leute haben gejubelt und Zugabe gerufen. Die gab es dann auch, einzelne Szenen wurden noch einmal gespielt. Ich bin aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Da habe ich dann gedacht, das will ich auch.“

Er studierte an der Theaterhochschule in Leipzig, als der Regisseur Peter Kahane ihn Mitte der 80er Jahre für den Kinofilm „Ete und Ali“ besetzte. Darin spielte er einen schüchternen Soldaten, der aus der Armee entlassen wird und erfährt, dass seine Frau ihn betrügt. Einen jungen Mann, der mit sanftem Ausdruck komisch berühren kann. Mit Peter Kahane hat er später noch zwei Filme gedreht. Hin und wieder treffen sie sich im Brauhaus Templin und denken über eine Fortsetzung von „Ete und Ali“ nach. Was ist aus Ete nach 30 Jahren geworden?

„Ich wollte eigentlich immer nur ich sein“, sagt Jörg Schüttauf. In seinem Gesicht verschwimmen all die verschiedenen Charaktere, die er gespielt hat. Der Penner, der Mörder, der Liebhaber, der Familienvater, der Loser, der Kommissar, der Poet. „Ich bin der Prolet, ich kann kein Dichter sein“, hatte er zu dem Regisseur Egon Günther gesagt, als der ihn 1992 für den TV-Film „Lenz“ besetzen wollte. Bis dahin war Jörg Schüttauf vor allem lautstark auf der Bühne des Hans-Otto-Theaters in Potsdam in Erscheinung getreten – als Matrose, Boxer oder Revisor. Für die Rolle des unglücklichen Dichters bekam er 1993 den Adolf-Grimme-Preis, er spielte den Goethe-Freund in all seiner Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass, Genie und Wahnsinn. Der Preis steht heute mit noch drei Grimme-Preisen und dem Deutschen Fernsehpreis in einem Glasschrank in seinem Badezimmer. Dabei war es eher ein Zufall, dass Jörg Schüttauf beim Film landete. Eigentlich wollte ihn 1990 das Deutsche Theater engagieren, der Vertrag lag schon seit Jahren bereit. Vier Monate nach dem Mauerfall rief er dort an, aber die Dame am Telefon hatte noch nie seinen Namen gehört. „Als was wollen Sie denn hier arbeiten?“, fragte sie ihn. Jörg Schüttauf nutzte die Verwirrung und machte sich selbstständig.

Die Serie „Der Fahnder“ und auch der „Tatort“ haben ihn wohl am meisten bekannt gemacht, aber es sind nicht die Rollen, an denen er am meisten hängt. Mittlerweile nervt es ihn, als Kommissar immer dieselben Fragen zu stellen, wo man wann, wie und wo gewesen sei. Die Figur des Martin Schulz aus dem Kinofilm „Berlin is in Germany“ liegt ihm eher am Herzen, der Ex-Häftling aus der DDR, der sich im wiedervereinigten Deutschland zurechtfinden muss. Oder die des Peter Knöpfler aus dem Hochstaplerfilm „So glücklich war ich noch nie“, des naiven und liebevollen Bruders von Devid Striesow. Es sind Figuren, bei denen Muskeln keine Rolle spielen, aber Gefühle.

Schüttauf ist seit mehr als 20 Jahren mit seiner Freundin Martina zusammen. Am Ufer ihres Grundstücks wächst eine Trauerweide, sie ist ungefähr genau so alt wie der Schauspieler selbst. Neben dem Baum führt der Steg ins Wasser. Dort liegt ein kleines Segelboot mit dem Namen Ulf auf der einen und dem Namen Flu auf der anderen Seite. Das heißt Ulf rückwärts – Jörg Schüttauf hat es über Kopf geschrieben. „Ich liebe das Gefühl, das man beim Segeln bekommt, wenn man kurz vorm Kentern ist. Die zehn Sekunden, die man auf einer Seite herausgelehnt den Wind von vorn spürt, und das Gefühl, zu merken, dass man alles im Griff hat.“ Im letzten Jahr hat er den Halt verloren. Fast neun Meter weit ist er nach einem Motorradunfall durch die Luft geflogen. Als er auf der Straße landete, gingen ihm fast die Lichter aus. Er dachte noch: „Das muss ich mir merken, das kann ich noch mal für einen Film gebrauchen.“ Vor Jahren hat er sich einen VW-Bus gekauft. Einen T4 mit eingebauter Dusche. Mit ihm reist er zu den Dreharbeiten. Jörg Schüttauf wirkt wie eine ältere Ausgabe von Tom Sawyer. Wenn er nicht Schauspieler geworden wäre, sagt er, dann wäre er jetzt ein Busfahrer. Es würde immer vorwärtsgehen.

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