Porträt über Gero von Boehm : Der Röntgenbildner

Menschen beobachten, Menschen beschreiben: Eine Begegnung mit dem Fernsehpublizisten Gero von Boehm.

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Die Toten und die Lebenden, die Prominenten und die weniger Prominenten, sie sind bei Gero von Boehm bestens aufgehoben. Und Geheimnisse auch.
Die Toten und die Lebenden, die Prominenten und die weniger Prominenten, sie sind bei Gero von Boehm bestens aufgehoben. Und...Foto: imago

Gero von Boehm ist ein Mensch, dem man gern Geheimnisse anvertraut. Das gilt sogar dann, wenn man eigentlich zu Besuch gekommen ist in seine geräumige Charlottenburger Wohnung, um ihn zu interviewen. Über ihn zu schreiben ist gar nicht so einfach, denn die Latte hängt hoch. Auf seine eigenen Fernsehporträts bereitet er sich nämlich immer akribisch vor. Besonders die erste Frage ist ihm wichtig. Damit will er den Porträtierten überraschen. Den Schauspieler Ulrich Tukur etwa fragte er: „Wenn Ihr Leben ein Film wäre, was wäre der Titel?“ Statt einfach zu fragen, wann sein neues Buch „Nahaufnahmen“ denn nun erschienen ist, wäre also in seinem Sinne die Frage: „Wenn Sie in einem Buch leben könnten, welches würden Sie wählen?“, bestimmt angemessener. Aber egal. In den „Nahaufnahmen“ (Fünfzig Gespräche mit dem Leben. Propyläen 2016, 624 Seiten, 28 Euro) jedenfalls wohnen in Gestalt von echten Boehm-Porträts unter anderem Roman Polanski, Henry Moore, Golo Mann, Anselm Kiefer, David Chipperfield und Lars Eidinger.

Helmut Kohl durfte leider nicht hinein. Seine Ehefrau Maike Kohl hat’s offenbar verboten, was wirklich zu schade ist. Denn der Altkanzler muss der Beichtvater-Aura von Boehms ebenfalls erlegen sein. Kohl habe ihm nämlich erzählt, so berichtet es von Boehm, wie er als Kind Hühner hypnotisiert hat, und dass er vor wichtigen Verhandlungen gern ein Weilchen vor dem Affenkäfig im Zoo gestanden hat. Auch Roman Polanski hat bei ihm aus dem Nähkästchen geplaudert und seine eigene, ganz harmlos klingende Erklärung geliefert, warum er so auf junge Mädchen stand. Er ist ja ganz klein, sah im Alter von 19 Jahren noch wie 14 aus, hat sich also an gleichaltrige Mädchen offensichtlich nicht herangetraut.

Doku über Jacqueline Onassis

Die meisten Porträts des Publizisten und Produzenten erscheinen natürlich im Fernsehen und nicht alle handeln von lebenden Menschen. Auf die Idee, eine Dokumentation über Jacqueline Onassis zu machen, hat ihn deren Schwester Lee Radziwill gebracht. Die hat von Boehm in seiner zweiten Heimat Paris kennengelernt. Bei den Recherchen ist er auf interessantes Material gestoßen, auch auf Filme, die sie selber gemacht hat. Zwei Wochen lang hat er sich in den Archiven diese und andere alte Filme angeschaut. Sein Anspruch „Man muss mehr über die Menschen wissen als sie selber“ reicht also offensichtlich bis weit ins Reich der Toten hinein. Jacqueline Onassis, glaubt er, hat ein gesundes Gefühl für Macht gehabt und müsse gleichzeitig masochistisch gewesen sein. Sonst hätte sie es weder mit John F. Kennedy noch mit Aristoteles Onassis ausgehalten. Einen solchen Widerspruch kann man aus seiner Sicht nur aushalten, wenn man sehr intelligent ist. Seine tiefen Porträts, in denen die Gesprächspartner auch schon mal in Tränen ausbrechen, haben Gero von Boehm einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Dabei schrieb er schon im zarten Alter von 20 Jahren für die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Den ersten Dokumentarfilm fürs Fernsehen drehte er 1975. Drei Jahre später folgte die Gründung einer eigenen Produktionsfirma mit Frau Christiane, mit der er seit 41 Jahren verheiratet ist. Die Produktionsfirma LUPA Film zur Entwicklung fiktionaler Stoffe für Fernsehen und Kino gründete er 2011. Da macht auch Sohn Felix mit. Die Frage, ob die Ehefrau für alles Anstrengende zuständig ist, Zahlen zum Beispiel, während er selber sich dem Kreativen widmet, beantwortet er eher zögerlich: „Vielleicht würde sie das so sehen.“ Jedenfalls kümmert sie sich um Finanzen, Produktion und Verwaltung. Er selber hat nie nach Macht gestrebt. „Ich wollte immer nur beobachten und beschreiben.“

Arthur Miller sprach offen über Marilyn Monroe

Dabei sind ihm viele Erinnerungen geblieben von Begegnungen mit großen Menschen, mit denen er sich zum Teil auch angefreundet hat. Mit seiner weichen, ausgebildeten Stimme erzählt er davon, wie er mit Arthur Miller an einem Teich saß, und der so ganz freimütig über seine Beziehung zu Marilyn Monroe gesprochen hat. „Als habe ihn vorher nie jemand danach gefragt.“

Die Liste seiner Werke ist lang. Helmut Newton war nicht nur Porträtierter, sondern auch ein Freund oder ist über die Arbeit dazu geworden. Trotz der Fragen, denn einmal sagte er: „Schrecklich, dass du in mich reinguckst, wie ein Röntgenbild. Muss das sein?“ Den verstorbenen Peter Scholl-Latour, mit dem er produziert hat, fand er gut. Fasziniert haben ihn auch Alexandra Maria Lara, Karl Lagerfeld, Peter Ustinov oder Audrey Hepburn. „Es bleibt ja immer etwas von den Menschen zurück“, beschreibt er eine der Faszinationen seines Berufs. Dabei fürchtet er auch Kritik nicht. Norman Mailer hat er sehr gemocht: „Das war so ein Vollblut-Typ.“ Trotzdem fragte er ihn, ob er je in seinem Leben an Selbstmord gedacht habe.

Auch die Toten beeindrucken ihn. Sein Porträt über Henry Miller zum 125. Geburtstag soll Ende des Jahres ausgestrahlt werden. Gerade dreht er für das ZDF die „Europa Saga“ mit dem berühmten Historiker Sir Christopher Clark, die im Dezember gesendet werden soll. Das Spektrum reicht etwa von William dem Eroberer bis zum Brexit und fasziniert ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt ungemein. Die erste Frage an den in Australien geborenen Professor lautete: „Wie unterscheidet sich die Weltsicht eines Australiers von der anderer Erdenbewohner?“ Gero von Boehm langweilt sich nicht gern, deshalb ist er vor allem mit sehr alten oder sehr jungen Menschen befreundet. Weil er von denen auch etwas lernen kann. Die eigene Generation kennt der 62-Jährige schließlich aus eigener Erfahrung.

Die Queen würde ihn reizen

Doch, es gibt auch Träume, die selbst für ihn unerfüllbar scheinen. Über Papst Johannes Paul II. hat er einen Film gemacht, war fasziniert von der Persönlichkeit des Menschen, der jetzt schon ein Heiliger ist. Der jetzige Papst würde ihn reizen, weil er wissen will, ob der es wirklich ernst meint mit den Veränderungen. Auch mit der britischen Queen würde er sich gern näher beschäftigen, was bei der langen Regentschaft kombiniert mit seinen Ansprüchen an sich selbst allerdings ein wirklich gewaltiges Vorbereitungspensum erfordern würde. Gerhard Richter würde ihn ebenfalls reizen. Vielleicht sollte er seine Tochter Julia in die Liste aufnehmen, die in New York für deutsche Magazine in der Mode tätig ist. Auf die ist er jedenfalls ziemlich stolz.

Zum Schneiden seiner Filme zieht er sich gern nach Heidelberg zurück, wo seine 94-jährige Mutter jeden Besuch ihres Sohnes genießt. Auch im Luberon südöstlich von Avignon ist er gern. Da genießt er die Stille und Zurückgezogenheit beim Schreiben. Während er das erzählt, stellt Ehefrau Christiane Mandelgebäck aus Aix-en-Provence auf den Tisch. Die beiden sind Genießer, lieben auch die Berliner Märkte. Überhaupt Berlin. Gero von Boehm glaubt nicht daran, dass man Städte vergleichen kann. Aber Berlin sei so viel mehr geworden in der letzten Zeit, vor allem was die Möglichkeiten zu interessanten Begegnungen betrifft. „Berlin ist doch ein großer Salon, eine einzige Party“, sagt er. Er sitzt gern im Grill Royal, der zu den ersten Adressen für durchreisende Prominente zählt. „Man muss jeden Tag genießen, als wäre es der vorletzte“, lautet einer seiner Wahlsprüche. Den letzten schließlich könne man nicht wirklich unbefangen genießen.

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