Porträt : Vater mit zwei Frauen

In „Nach der Musik“ wird Dirigent Otmar Suitner von seinem Sohn Igor Heitzmann porträtiert.

Thomas Gehringer

Auf einem alten Foto geht der kleine Igor mit seinem berühmten Papa Hand in Hand spazieren. „Ich weiß noch, dass er ein sanfter Vater war“, sagt Igor. Allerdings war er auch ein selten anwesender Vater. Der Österreicher Otmar Suitner dirigierte bis 1990, 26 Jahre lang, als Generalmusikdirektor an der Berliner Staatsoper. Er lebte mit seiner Frau Marita in Ost-Berlin, DDR. In West-Berlin lebte Renate Heitzmann, die er bei einem Gastspiel in Bayreuth kennengelernt hatte. Aus dieser Beziehung entstand Igor. Er bekam seinen Vater, der zwei Frauen liebte und ihnen nichts verheimlichte, nur am Wochenende zu Gesicht. „Nach der Musik“, Igor Heitzmanns Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, ist sowohl der Versuch einer Annäherung an den fremden Vater als auch ein faszinierendes Künstlerporträt. Mit ihm startet heute im ZDF die vierteilige Dokumentarfilmreihe „100% Leben“ des Kleinen Fernsehspiels.

In ihren Debütarbeiten beschäftigen sich junge Filmemacher häufig mit autobiografischen Themen und mit der Suche nach der eigenen Identität. Aber nicht jeder hat eine derart schillernde Familiengeschichte und einen charismatischen Dirigenten zum Vater wie der 36-jährige Heitzmann. Die Musik trennte den Sohn von seinem viel beschäftigten Vater, aber bildet auch das Fundament ihrer Beziehung. In einer Szene sehen wir den Regisseur Klavier spielen, und sein alt gewordener Vater erteilt ihm Ratschläge. „Früher hat er mir manchmal Unterricht gegeben, in diesen Momenten war ich ihm nah“, sagt Igor Heitzmann. Musik war Suitners Leben, über die Musik, hofft Heitzmann, kann die Annäherung gelingen. Also räumt er Mozart, Strauß und Wagner angemessen viel Platz ein.

Das ist für die Liebhaber klassischer Musik eine feine Sache, auch weil sie dem humorvollen Otmar Suitner noch einmal bei der Arbeit zusehen dürfen. Heitzmann zeigt nicht nur Archivmaterial von Proben und Konzerten, er tritt auch mit seinem Vater persönlich eine Reise zu dessen früheren Lebensstationen an. Hinreißend, wie der greise Suitner junge Dirigenten an der Musikhochschule in Wien zurechtweist. Auch soll er auf Wunsch des Sohnes wieder die Berliner Staatsoper dirigieren. „Wenn mich du von den Toten auferweckst, muss ich halt noch a bissel fuchteln“, sagt er. Man hat ein wenig Mitleid mit dem gebrechlichen, an einem Parkinsonschen Syndrom leidenden Herrn. Und doch entlockt er mit zitternden Händen, aber ohne Taktstock seinem ehemaligen Orchester die geliebte s-Dur-Sinfonie von Mozart und Josef Strauß’ „Libelle“.

Dazu mischt Heitzmann wohldosiert seine persönliche Perspektive und die der beiden Frauen seines Vaters. Vor allem seiner Mutter natürlich, die er gemeinsam mit Suitner noch einmal nach Bayreuth schickt. Renate und Marita sind die heimlichen Helden in dieser Geschichte, reden ohne Scheu und selbstbewusst von ihrer Liebe. „Ich weiß nicht, ob ich stark war. Vielleicht war ich nur blöd, dass ich alles mitgemacht habe“, sagt Marita lachend. Heute geht man bisweilen gemeinsam essen, wirklich eine erstaunliche ménage à trois.

Nur angetippt werden die politischen Fragen: Der gebürtige Innsbrucker wurde 1960 nach Dresden gerufen, und Suitner wechselte gerne zu diesem „Weltorchester“. Die noch folgenden 30 Jahre DDR waren für ihn zugegebenermaßen leichter zu ertragen, denn er durfte frei reisen. Suitner hielt offenbar ironische Distanz zum SED-Regime. Wie frei dieser Grenzgänger wirklich war, wie er den DDR-Alltag dank seiner Frau Marita bewältigte und wie ihm der Westen begegnete, das wäre wohl genug Stoff für einen weiteren Film. Thomas Gehringer

„Nach der Musik“, ZDF, 23 Uhr 55

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