Poschardt verlässt "Vanity Fair' : Abschied vom Jahrmarkt

Ulf Poschardt ist nicht mehr Chefredakteur der ''Vanity Fair“. Verlagschef und Herausgeber Bernd Runge soll unzufrieden mit dem Magazin und der Auflagenentwicklung sein.

Sonja Pohlmann
Poschardt
Verrechnet. Ulf Poschardt -Foto: dpa

Diese Woche lief nicht gut für Ulf Poschardt. Erst schüttete ihm die Rapperin „Lady Bitch Ray“ vor laufender Kamera in der am Donnerstag ausgestrahlten österreichischen Late-Night-Show „Willkommen Österreich“ ein Glas Wasser ins Gesicht, woraufhin Poschardt die Sendung verließ. Gestern trennte sich dann der Condé-Nast-Verlag von ihm als Chefredakteur der „Vanity Fair“ – und Poschardt verabschiedet sich zum zweiten Mal.

Offiziell teilte Condé Nast („Vogue“, „Glamour“) zwar mit, dass Poschardt sein Amt „auf eigenen Wunsch“ niederlege. Doch tatsächlich soll Verlagschef und Herausgeber Bernd Runge unzufrieden mit dem Magazin und der Auflagenentwicklung sein. Am Freitagvormittag informierte Runge die in Berlin ansässige „Vanity-Fair“-Redaktion darüber, dass vorübergehend „Glamour“-Chef Nikolaus Albrecht auf Poschardts Platz sitzen soll. Kurz vor ihrem Geburtstag am 8. Februar präsentierte Runge der „Vanity Fair“ (zu deutsch: Jahrmarkt der Eitelkeiten) damit eine Überraschung – von der die Redaktion wohl nicht weiß, ob sie sich darüber freuen soll oder nicht.

Noch am Donnerstag soll Poschardt in der Konferenz gut gelaunt und motiviert aufgetreten sein. Er habe die aktuelle Ausgabe gelobt und Pläne für die Zukunft des Blattes geschmiedet, sagten Mitarbeiter. Ob Poschardt da bereits wusste, dass nicht mehr er diese Zukunft gestalten wird, ist fraglich. Für eine Stellungnahme war er gestern nicht zu erreichen. Der Verlag verschickte lediglich eine allgemeine Pressemitteilung, in der Herausgeber Runge Poschardt „für die engagierte Aufbauarbeit bei Vanity Fair“ dankte.

Für den 40-jährigen Poschardt ist es bereits das zweite Mal, dass er ein Blatt verlassen muss. 2000 war er als Chefredakteur des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ nicht mehr haltbar, weil er – wie andere auch – erfundene Interviews des Journalisten Tom Kummer abdrucken ließ. Es soll ein Abschied mit Tränen gewesen sein. Poschardt wurde Creative Director bei der „Welt am Sonntag“. Condé Nast holte ihn, um eines der riskantesten Zeitschriftenprojekte der letzten Jahre zu realisieren: eine deutsche Ausgabe der „Vanity Fair“ nach dem Vorbild des erfolgreichen amerikanischen Mutterblattes. Doch heute, knapp zwölf Monate nach dem ersten Erscheinen im Februar 2007, scheint die Zeitschrift noch immer nicht zu wissen, was sie eigentlich will – was nicht allein Poschardts Schuld ist.

Während die amerikanische Version ihren guten Ruf durch investigativen Journalismus begründet, wartet das deutsche Pendant eher mit Stars und Sternchen auf und schaffte es bisher nicht mit knallharten Politikstorys in die Schlagzeilen. Auch, weil der „Vanity Fair“ vom Verlag eine wöchentliche Erscheinungsweise verordnet wurde. Jetzt muss sich das rund 80 Mitarbeiter starke Team mit seiner donnerstags erscheinenden „Vanity Fair“ am Kiosk gegen „Stern“, „Bunte“ und „Gala“ durchsetzen. Aber weder der Verlag noch Chefredakteur Poschardt sahen darin ein Problem. Großmundig wurde die „Vanity Fair“ als „das neue Magazin für Deutschland“ angekündigt – und machte sich damit wahrlich nicht nur Freunde. Poschardt, der in seinen Editorials mal von seiner Jugend in Franken schrieb, dann die FDP bejubelte und zuletzt einen „neuen sozialen Nationalismus“ in Deutschland sah, schien sich lieber selbst zu stilisieren, als sein Ohr bei den Bedürfnissen der Leser zu haben. Lange blieb unklar, wie viele Exemplare das Magazin überhaupt verkauft. Erst seit dem dritten Quartal gibt es offizielle Zahlen: Mit 172 308 Heften (IVW 3/2007) übersprang die „Vanity Fair“ zwar die selbst vorgegebene Hürde von 120 000 Exemplaren, doch nur mit Unterstützung von verbilligten „Sonderausgaben“ in den Sommermonaten. Auch die letzten drei Ausgaben 2007 waren inklusive DVD am Kiosk für einen Euro zu haben – „Auflagenviagra“ nennt man so etwas in der Branche. Laut Verlag soll sich das Magazin weiter positiv entwickelt haben, genauere Zahlen blieb man schuldig.

Fest steht nur, dass der Verlag mehr erwartet für seine größte jemals getätigte Investition außerhalb Amerikas. Vom kommissarischen Chefredakteur Albrecht verspricht sich Runge „neue, gute Impulse“. David Pfeifer als Berater und Lesley Vinson als Creative Consultant sollen ihn dabei unterstützen. Pfeifer war unter anderem Chefredakteur von „Konrad“ sowie Leiter des Ressorts Multimedia und Unterhaltung des „Stern“. Vinson arbeitete zuletzt für die Springer-Blätter „Welt am Sonntag“ und „B.Z.“. Gemeinsam sollen sie nun das schaffen, woran Poschardt gescheitert ist: Der „Vanity Fair“ einen Anstrich zu geben, der nicht so farblos ist wie die weißen Räume der Redaktion.

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