Medien : Potsdamer Politbüro

Radio Fritz kämpft um Hörer und gegen Radio Eins

Christian Hönicke

Die Marlene-Dietrich-Allee ist ein stilles Stück Potsdam. Kaum einer würde auf die Idee kommen, dass hier ein erbitterter Kampf zwischen zwei Radiosendern tobt, die auch noch zur gleichen ARD-Anstalt gehören – zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Dabei spricht Fritz eigentlich Jugendliche an, Radio Eins soll laut Slogan „Nur für Erwachsene“ sein. Tatsächlich aber rangeln beide Sender um die gleichen Hörer: Die Zielgruppe zwischen 20 und 40 Jahren.

Das Duell Fritz gegen Radio Eins ist auch ein programm-politisches: Konrad Kuhnt und Ernst-Christian Zander, das Führungsduo von Fritz mit dem Spitznamen „Politbüro“, gegen den anarchischen Vorgänger und jetzigen Chef des Schwestersenders Radio Eins, Helmut Lehnert. Während Lehnert scheinbar mühelos schon den zweiten Sender zum Erfolg führt, steckt Kuhnt mit Fritz in der schlimmsten Krise, seitdem er den Chefsessel Anfang 1997 übernommen hat. In einer verzweifelten Rettungsaktion und getarnt als Umbruch eliminieren Kuhnt und Zander alles, was das Profil ihres früheren Chefs trägt.

Jüngstes Beispiel: Seit Anfang dieser Woche ist Mike Lehmann nicht mehr auf Fritz zu hören. Die Comedy-Figur, gesprochen von Archivar Peter Neuber, ist Lehnerts Erfindung. Im Dezember 2002 wurde das Ende beschlossen, die Zusammenarbeit mit dem freien Mitarbeiter Neuber beendet – wegen Abnutzungserscheinungen. Die waren nach zehn Jahren nicht von der Hand zu weisen. Kuhnt und Zander setzten die Comedy-Beiträge aber nicht sofort ab, sondern sendeten Wiederholungen. Erst jetzt wurden sie eingestellt – just, als Neubers Klage vor dem Arbeitsgericht auf Weiterbeschäftigung stattgegeben wurde. Ein glücklicher Zeitpunkt ist was anderes.

Das sah wohl auch Zander so und schickte ein Fax an die Mitarbeiter. Darin werden die Moderatoren aufgefordert, in Sendungen keinesfalls auf diesen Sachverhalt einzugehen. Erregten Hörern soll erklärt werden, Lehmann alias Neuber habe ein „sehr gutes Angebot vom RBB abgeschlagen“. An anderer Stelle steht: „Die Überlegung, damit im Spätsommer aufzuhören, gibt es schon sehr lange.“ Um solche Widersprüche zu verschleiern, sollen Anrufe von „Pressemedien o.ä.“ erst gar nicht beantwortet werden. Kuhnt nennt dieses Info-Schreiben „völlig üblich“.

So soll auch die wahre Bedeutung der offiziellen Erklärung für das Ende Lehmanns im Dunkeln bleiben, dass „die Sprecher und Autoren in alle Winde verstreut sind und Fritz nicht mehr zur Verfügung stehen“. Die Gag-Schreiber wurden mit Gehaltskürzungen verjagt (Kuhnt: „Beim RBB gibt es Honorarrichtlinien, danach honoriert auch Fritz.“), vier der fünf Sprecher arbeiten noch beim RBB – drei allerdings bei Radio Eins.

Seit der Fusion von ORB und SFB zum RBB hat der Kampf zwischen den Potsdamer Sendern an Härte gewonnen. In der fusionierten Anstalt müssen Arbeitsplätze abgebaut werden, jeder konkurriert mit jedem. Lehnert will sich dazu nicht äußern, Kuhnt sieht das so: „Wenn ein Hörer von Fritz zu Radio Eins geht, sage ich: Ein Glück. Da bleibt er in der Familie.“ Angestellte sprechen dagegen von einem „Nichtverhältnis“ zwischen beiden Stationen. Bei Radio Eins wird das „Columbia-Fritz“ nur „kleine Columbia-Halle“ genannt, Fritz verschwieg dafür, dass Radio Eins den Medienpreis Echo erhielt.

Radio Eins wird bald mehr Hörer haben als Fritz. Während Lehnerts Station zulegt, hat Fritz laut der Ende Juli veröffentlichten Mediaanalyse allein im vergangenen Jahr 41 000 Hörer verloren – fast ein Drittel. Bei jedem Privatradio wäre die Führung unter Druck, das „Politbüro“ regiert trotz klarer Fehler – zum Beispiel, die talentierte Moderatorin Sarah Kuttner zum Musikfernsehen Viva ziehen zu lassen – weiter. Kuhnt klebt nach Ansicht des früheren Fritz-Moderators Trevor Wilson „mit dem Arsch wie Pattex“ auf seinem Sessel, obwohl sich immer mehr Hörer über das Programm beschweren. Kuhnt tut sie als „eine Handvoll Leute“ ab, die „auf Fritz herumhacken“.

Im Fall Tommy Wosch behandelte man die Hörer ähnlich. Der Moderator war im Dezember suspendiert worden, nach massiven Protesten sollte er im Juli zurückkehren. Der Termin verstrich, man kündigte sein Comeback für den 21. August an. Doch auch dann wird Wosch nicht senden. Begründung: keine.

Wiewohl es auch Anerkennung für Kuhnts Ausdauer gibt, wird intern bezweifelt, ob jemand, der als „konservativ und menschenscheu“ bezeichnet wird, einen Jugendsender leiten kann. Die offizielle Begründung für den Hörerschwund geht darauf nicht ein und erwähnt auch nicht, dass er erst eintrat, als Kuhnt fast alle Moderatoren ersetzte. Jugendliche würden eben kein Radio mehr hören.

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