Medien : Preis der Neugier Dokumentarfilm über vermisste und traumatisierte Kriegsreporter

Thomas Gehringer

Während des Irakkriegs hatte der Berliner Kameramann und Regisseur Johann Feindt seinen Dokumentarfilm „Reporter vermisst“ der ARD vergeblich angeboten. Zuweilen räumt das Fernsehen zwar gewaltige Sendestrecken für ein einziges Thema frei. Doch neben der Masse aktueller Berichte bleibt für andere Formate trotzdem wenig Raum. Feindt sagt, er habe die Hoffnung gehabt, „parallel zu den tausend Sonderberichten noch andere Bilder unterzubringen – als Diskussionsbeitrag“. Gehör fand er mit seinem Vorschlag nicht. So kommt es, dass der vom Südwestrundfunk mitfinanzierte Dokumentarfilm nun erstmals bei Arte ausgestrahlt wird.

„Reporter vermisst“ bietet einen Perspektivwechsel, einen sehr persönlichen Blick auf die Arbeit und die Motive von Kriegsberichterstattern – und auf die Risiken dieses Berufs. Ein aktuelles Thema also, auch wenn Feindt nicht im Irak drehte.

Seit 1970 ist der französische Fotograf Gilles Caron in Kambodscha vermisst. Feindt, der selbst in Krisengebieten wie Bosnien, Nordirland und im Nahen Osten war und darüber Dokumentarfilme („Wundbrand“, „Kriegssplitter“) drehte, hofft nicht ernsthaft, das Schicksal Carons aufzuklären. Aber er zeigt auf eindrucksvolle Weise, welchen Preis Journalisten für ihre Neugier zahlen müssen. Dabei ist „Reporter vermisst“ kein Heldenepos. Vielmehr verknüpft Feindt die unterschiedlichen Erfahrungen verschiedener Personen mit der Geschichte des damals möglicherweise entführten Caron. Wie Erinnerungen in einem Traum, manchmal auch einem Albtraum, wirken die Schwarz-Weiß- Bilder von Feindts Spurensuche. Er stellt Brice Fleutiaux vor, der acht Monate lang eine Geisel tschetschenischer Rebellen war. Man sieht einen jungen Fotografen, der äußerlich ruhig von seiner Arbeit erzählt und aus dem Zimmer rennt, wenn eines seiner Kinder schreit. Vor zwei Jahren verübte Brice Fleutiaux Selbstmord. Er konnte das Trauma der Geiselhaft offenbar nicht verarbeiten.

Bemerkenswert ist auch die Begegnung mit der Reporterin Kate Webb, die viele Jahre für die Nachrichtenagentur UPI aus Indochina berichtete. „Heute du, morgen ich. Das war die Stimmung“, sagt sie über die angespannte Atmosphäre im Hotel Royal in Phnom Penh, wo sich die ausländischen Reporter im Kambodscha-Krieg 1970 einquartiert hatten. Es habe unter den Kollegen eine stille Übereinkunft gegeben, sagt sie: Eine Story nicht weiter zu verfolgen, „wäre wie ein Verrat an denen, die ihr Leben dabei verloren“. Im Hotel Royal traf Kate Webb auch den jungen, talentierten Fotografen Gilles Caron. Am 4. April 1970 startete Caron auf eine Tour ins Landesinnere. Er kehrte nicht mehr zurück.

„Reporter vermisst“. Arte, 22 Uhr 15.

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