Preise und Quote : Prädikat - populär

Ist die Reform geglückt? Die Kategorien wurden drastisch reduziert – der "Deutsche Fernsehpreis" ist endlich quotentauglich. Doch über die Änderungen gibt es lauten Streit.

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Glanz, Glitzer, Gloria: Sandra Maischberger und Kurt Krömer werden am 9. Oktober die Verleihung des „Deutschen Fernsehpreises“ in Köln moderieren.
Glanz, Glitzer, Gloria: Sandra Maischberger und Kurt Krömer werden am 9. Oktober die Verleihung des „Deutschen Fernsehpreises“ in...Foto: WDR/Markus Tedeskino

Preisverleihungen können eine zeitgemäße Form der Folter sein. Selbst der „Oscar“ ist das. Wer jemals die Vergabe des wichtigsten Kinopreises der Welt an die Superstars und Stars des Hollywood-Business live und in voller Länge im US-Fernsehen miterlebt hat, weiß das. Beim „Deutschen Fernsehpreis“ ist diese Dramaturgie der notwendigen Langeweile nicht anders. Die Moderatoren rufen eine Kategorie auf, die Trophäen-Überbringer tauchen auf, die Nominierten geraten ins Kamerablickfeld, Umschlag auf, Name bekannt, strahlende Mienen der Freude und gute Mienen zur bösen Entscheidung. So geht das stundenlang, selbst der Zusammenschnitt der Zeremonie für die TV-Ausstrahlung bleibt eine sehr zähe Angelegenheit. Der „Deutsche Fernsehpreis“ ist weder ein Fernseh- noch ein Quoten-Ereignis.

Die Stifter des Preises, die vier Fernsehveranstalter ARD, RTL-Gruppe, ProSiebenSat 1 und ZDF, haben darauf reagiert. Für die zwölfte Runde „der einzigen Auszeichnung aus dem Fernsehen für das Fernsehen“ (ProSiebenSat-1-Fernsehvorstand Andreas Bartl) ist mächtig an den Kategorien und an der Art der Verleihung gedreht worden. Darüber gibt es lauten Streit, Streit, der die Bekanntgabe der Nominierten am Mittwoch und die Verleihung am 9. Oktober in Köln (die ARD zeigt tags darauf eine Aufzeichnung) überschattet.

Formal am auffälligsten ist die weitere Reduzierung der Kategorien. Waren es 2006 noch 29 (einschließlich Förderpreis und Ehrenpreis der Stifter), ist die Zahl 2009 auf 20 gesunken; in diesem Jahr sind es noch 18 Kategorien. Erkennbar ist daran die Absicht, die Länge der eigentlichen Verleihung mit der Dauer der TV-Ausstrahlung kompatibel zu machen. Das allein wird die Einschaltquote nicht heben können, dafür ist ein anderes Instrument geschärft worden. Die übrig gebliebenen wie die neuen Kategorien sind eindeutig auf das Publikum hin ausgerichtet. Ob „Bester Fernsehfilm“, „Beste Dokumentation“, „Bester Schauspieler“ oder „Besondere Leistung in der Unterhaltung“ – der Zuschauer soll auf dem Bildschirm das gesehene Programm und die dazugehörigen Protagonisten (vulgo: Stars) wiedererkennen können. Es wird gepriesen, was der Zuschauer bereits gepriesen hat. Augenfällig wird dieser Neuzuschnitt beim „Publikumspreis“ 2010. Er wird per Internet-Abstimmung für die beste Daily-Soap, respektive Telenovela vergeben. Ernsthaft wird keiner, der mit einer täglichen Serie für das deutsche Fernsehen zu schaffen hat, auf die singuläre Qualität dieses Produktes pochen wollen. Die passgenaue, durchkalkulierte, auf Zuschauergeschmack hin gestylte Fernsehkonfektion wird gewürdigt. So ist das, wenn Fernsehen Fernsehen auszeichnet.

Der Aufbruch in eine neue Preis-Ära korrespondiert noch an anderen Stellen mit einem erheblichen Abbruch. Jede Dokumentation, jedes fiktionale Stück endet mit einem Abspann. Damit wird angezeigt, wie viele (kreative) Köpfe zum Gelingen beigetragen haben. Das sind Namen, die mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ ihre Gesichter bekommen haben. Damit ist weitestgehend Schluss. Für dieses und die nächsten Jahre sind Auszeichnungen für die besten Nebendarsteller, beste Regie, den besten Schnitt, die beste Kamera, die beste Musik und die beste Ausstattung gestrichen worden. Das ärgert verschiedene Verbände wie den Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) maßlos. Es muss sie ärgern, weil die Verantwortlichen des Fernsehpreises offensichtlich niemanden auf der Bühne und auf dem Bildschirm sehen wollen, den das Publikum nicht identifizieren kann. Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, Komponisten, Ausstatter arbeiten irgendwie und irgendwo hinter den sieben Bergen beim Fernsehen mit, das ist die Botschaft der Reform. Im Jahr 2010 ist der „Deutsche Fernsehpreis“ nicht „die wichtigste Auszeichnung für das Fernsehschaffen in Deutschland“ (ZDF-Chef Markus Schächter). Es ist eine Form, wie Sender Fernsehen vermarktet haben wollen.

WDR-Intendantin Monika Piel hat die Veränderungen verteidigt, sie betont, dass das heutige Fernsehen anders aussieht als 1999, das Jahr der Preisgründung: „Diese Entwicklung muss der Preis widerspiegeln.“ Ein mittlerweile programmprägendes Format wie Dokutainment wird Kategorie, in Ordnung. Warum aber das Wildern in den essenziellen Elementen des Fernsehmachens? Hier gibt es keine offizielle Begründung. Der „Deutsche Fernsehpreis“ wird zugerichtet, abgerichtet auf seine Gängigkeit beim Fernsehpublikum. Die härtesten Kritiker nennen das nicht Zurichtung, sie sprechen von Hinrichtung.

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