Preisgekrönt : Arte folgt der Mafia nach Lüttich

Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben sich mit unsentimentalen Filmen einen Namen gemacht. "Lornas Schweigen" trifft den Zuschauer mit voller Wucht.

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Foto: © Christine Plenus

Die Albanerin Lorna steht im belgischen Lüttich am Bankschalter und möchte den Filialleiter sprechen: „Es geht um einen Kredit. Ich bin demnächst Belgierin, da kann ich das machen.“ Als Zuschauer denkt man in diesem Moment schon voller Mitleid: Das geht schief. Am Telefon sagt sie danach zu ihrem Freund: „14 000. In einem Monat, wenn alles gut geht.“ Lorna (Arta Dobroshi) ist mit dem heroinsüchtigen Claudy (Jérémie Renier) eine Scheinehe eingegangen, um die belgische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Vermittelt hat die Verbindung ein Menschenhändler, der aus Lornas neuem Pass Gewinn schlagen will: Nach ihrer Scheidung von Claudy soll die Neubelgierin einen reichen Russen heiraten, der ebenfalls erpicht auf die neue Staatsbürgerschaft ist. Mit ihrem Anteil aus dem Geschäft möchte sie dann zusammen mit ihrem Freund einen Imbiss in Lüttich eröffnen. Doch Claudy schafft einen Entzug, so dass die Männer planen, ihn mit einer Überdosis aus dem Weg zu schaffen.

Die Wendungen in „Lornas Schweigen“ kommen langsam und dann äußerst überraschend. Es wird nichts erklärt oder gerechtfertigt. Es gibt so gut wie keine Filmmusik, die gänzlich ungeschützten Figuren erlauben sich keine großen Gesten oder Gefühle. Stattdessen trifft den Zuschauer dieses strengen, unsentimentalen Films die volle dramatische Wucht.

Die beiden Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne aus Belgien, die für Buch und Regie verantwortlich zeichnen, erhielten in den letzten zwölf Jahren zahlreiche Preise für ihre Filme, darunter in Cannes jeweils eine Goldene Palme für „Rosetta“ von 1999 und „Das Kind“ aus dem Jahr 2005. Vor zwei Jahren kam in Cannes der Drehbuchpreis für „Lornas Schweigen“ hinzu. Dennoch sind die Dramen der beiden in Deutschland kaum bekannt. Ihr sperriger Realismus und die unbarmherzige Inszenierung sorgen nicht gerade für Wohlfühlkino. So sind es vor allem die Schauspieler, die in dieser kargen Versuchsanordnung eine faszinierende Aura verbreiten.

So sind es vor allem die Schauspieler, die in dieser kargen Versuchsanordnung eine faszinierende Aura verbreiten. Wenn man nicht wüsste, dass Jérémie Renier zur Stammmannschaft der Dardenne-Brüder gehört, würde man ihn für einen echten Junkie halten, denn auch Laienschauspieler machen hier mit. Der 29-jährige Renier, der für die Rolle 14 Kilo abnahm, ist ein erschütterndes Häufchen Elend, so dass Lornas anfängliche Hartherzigkeit einen erschaudern lässt. Arta Dobroshi wiederum gehört zu den wenigen Schauspielerinnen, denen man stundenlang einfach nur ins Gesicht schauen möchte. Ein Geheimnis scheint sich dort zu verbergen. Eine Art Widerstand gegen eine Welt, in der selbst Zwischenmenschliches Teil eines Geldgeschäfts wird. Geld in dicken Bündeln, in abgewetzten Umschlägen, in Jackentaschen. Geld das eingezahlt, abgehoben oder vergraben wird. Ein ständiger Tauschhandel, in dem man für Moral oder Gefühle einen hohen Preis zahlt und der am Ende in den Wahn führen kann. Simone Schellhammer

„Lornas Schweigen“, 20 Uhr 15, Arte

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