Medien : Preisgekrönt und ausgemustert

Wigald Boning hat den Grimme Preis bekommen. Das ZDF setzt seine „WiB-Schaukel“ im Mai trotzdem ab

Heiko Dilk

Vorgestern wurden die Träger des diesjährigen Grimme Preises bekannt gegeben und das ZDF hat gut abgeschnitten. Wigald Boning bekommt zum Beispiel einen Preis für die „WiB-Schaukel“ in der Rubrik „Fiktion und Unterhaltung“. Das ist auch auf der ZDF-Internetseite nachzulesen. Dort freut sich der Sender über einen der „ältesten und begehrtesten Fernsehpreise“ für den „ZDF- Moderator“. Nur ist Boning wahrlich kein „ZDF-Moderator“ und dummerweise haben sich die Mainzer kurz zuvor entschieden, die Sendung nicht weiter fortzusetzen.

Man kennt Boning ja auch immer noch eher als „Comedian“, der durch „RTL Samstag Nacht“ so richtig berühmt wurde (wofür er auch schon einen Grimme Preis bekam). Die „WiB-Schaukel“ gibt es zwar schon seit vier Jahren, aber man muss sie immer noch erklären. Das lag früher daran, dass sie im quotenschwachen und im Rahmen der Kirch-Insolvenz größtenteils Pleite gegangenen Ballungsraumfernsehen quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu sehen war. Und seit zwei Jahren liegt es am ZDF, das die Sendung übernommen hatte und sie in der Nacht von Freitag auf Samstag versendet. Meistens läuft sie so zwischen ein Uhr und zwei Uhr nachts. Manchmal aber auch nicht, dann fällt sie aus – und wenn sich kein Sender findet, der das Format übernimmt, wird wohl im Mai die letzte Ausgabe dort zu sehen sein.

Dass das um Verjüngung bemühte ZDF die „WiB-Schaukel“ schon bisher nicht gerade als Aushängeschild benutzt hat, enttäuscht Boning aber nur milde. „Ich bin ja ein Mann der Realität und Pragmatismus geschult“, sagt er. Es überwiege die „diebische Freude“ darüber, dass jemand ihm sein „Privatvergnügen“ finanziere. Als er das in der Lobby des Hotels „Four Seasons“ in Berlin erzählte, wusste er allerdings noch nicht, dass das ZDF die Sendung nicht fortsetzen würde.

Dass das, was er bei der „WiB-Schaukel“ macht, ihm tatsächlich Spaß macht, merkt man nicht nur daran, wie er darüber erzählt, sondern auch an der Sendung selbst. Dort wird eigentlich nur gezeigt, wie Boning jemanden kennen lernt. Einen ganzen Tag verbringt er mit Prominenten. Leuten wie Andreas Elsholz, Thommi Ohrner, Oskar Lafontaine, dem Münchner Künstler Wolfgang Flatz oder Jenny Elvers. Das ist zuweilen witzig, was an Bonings unorthodoxer Art liegt, Leute auszufragen, manchmal ist es nachdenklich, und wer gerne eine Ahnung davon bekommt, was für Menschen diese Promis im echten Leben sind, der ist hier gut aufgehoben. Denn das erfährt man eben nicht bei Beckmann oder Maischberger und bei Kerner im ZDF schon gar nicht.

Es wäre also schön gewesen, wenn ein paar mehr Menschen an diesem Privatvergnügen hätten teilhaben können. Auch, weil Boning recht zutreffend sagt, dass die „WiB- Schaukel“ voll sei mit gesellschaftspolitischen Aussagen. Ansonsten hält er das Fernsehen aber eigentlich für ungeeignet, Gesellschaftskritik zu üben.

Und Kritik am Fernsehen zu üben, ist auch nicht gerade sein bevorzugter Zeitvertreib. Auch, weil er sich nicht gerne als Kulturpessimist präsentiert. Er habe gelernt, dass es gefährlich sei, Kulturpessimismus offen zu zeigen. Wenn einem das Feuilleton diese Existenz eines Kulturpessimisten nicht ermögliche, sei das ein „Spiel mit dem Feuer“.

Hin und wieder lässt er sich dann aber doch hinreißen. So sagt er zum Beispiel, dass Plagiate ihn stören. Aber, „der typische Medien-BWLer im mittleren Management denkt ja genau andersrum. Für den ist das Plagiat von Vorteil, weil das Risiko minimiert wird. Wenn etwas in England erfolgreich lief, ist es ja Nonsens, sich was Eigenes zu überlegen.“

Man darf sich Boning deshalb nicht als einsamen Kämpfer fürs Qualitätsfernsehen vorstellen. Sendungen wie „Big Brother“ etwa oder „Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!“ gefallen ihm. Dazu fällt ihm Tim Ulrichs ein, ein Künstler, der sich schon in den 70ern selbst ausgestellt hat. Er spricht vom Öffentlichmachen des Privaten und davon, dass das einer der interessantesten Ansätze der 68er war. Dass es den Sendern gar nicht um den künstlerischen Aspekt geht, amüsiert Boning eher: „Peter Gabriel hat angeblich mal gesagt, jeder große Erfolg basiert auf einem Missverständnis. Dieses Missverständnis finde ich dann recht fruchtbar.“

Auch Boning selbst hat eher durch ein Missverständnis Karriere beim Fernsehen gemacht. Zum ersten Mal stand er für den Dokumentarfilm „Der geile Osten“ vor der Kamera. Das war eine Reise durch die letzten Tage der DDR. Da führte er ernst gemeinte Interviews mit Passanten. „Ich hatte damals noch Anthropologie in der Hinterhand als Studienfach, was mich interessieren würde. Unter dem Aspekt habe ich dann diese Interviews geführt, dass das dann aber später in Comedy-Zusammenhänge geriet, das hätte ich mir damals nicht erträumt“, sagt er.

Insofern ist er also wieder zum Anfang zurückgekehrt. Denn die „WiB-Schaukel“ ist ein journalistisches Format. Und wenn man ihn fragt, was sein Beruf sei, sagt Boning: „Mir fällt seit Jahren auf, dass ich darauf keine plausible Antwort finde. Ich flüchte mich immer in Teilbezeichnungen wie Journalist, bisweilen Moderator, Schauspieler, Musiker natürlich.“ Auf seiner Internetseite steht „investigativer Journalist“, was natürlich ein Witz sein soll, allerdings dürfte der mindestens zur Hälfte ernst gemeint sein.

Nicht, dass Boning ein Problem damit hätte, als „Comedian“ wahr genommen zu werden. „Es ist dann ein Problem, wenn man ein Sendevorhaben hat, das sich stark von dem unterscheidet, wofür man bisher bekannt war“, sagt er. Die „WiB-Schaukel“ war ein solches Sendevorhaben, und sie ist ihm besonders wichtig.

Davon abgesehen aber, hat Boning eigentlich nie etwas mit dem Fernsehen vorgehabt. Er hat abgewartet, was das Fernsehen so mit ihm vorhatte und gemacht, was sich ergab. In letzter Zeit war das die Co-Moderation von „Clever“, einer Privatfernseh- „Knoff-Hoff-Show“, und vor allem Gastauftritte: bei „Genial daneben“ mit Hugo-Egon Balder und in diversen Retro-Shows, von denen eine aussieht wie die andere. Boning sagt, dass derartige Blue-Box-Drehs für den der da sitze und „irgendwelchen Salm erzählt“, eine dankbare Sache seien. Erstens, weil der zeitliche Aufwand überschaubar sei, und außerdem sei das „für Leute, die stark unter Lampenfieber leiden wie ich“, eine schöne Alternative zum Live-Dreh.

Boning, der 37-Jährige, ist eben Pragmatiker. Und wahrscheinlich ist das ganz gut so. Denn mit den Ambitionen ist es beim Fernsehen ein bisschen wie mit dem Kulturpessimismus, es ist ein Spiel mit dem Feuer. Wer sich allzu sehr bemüht, ernst genommen zu werden, resigniert irgendwann.

Dabei könnte Boning sich das durchaus vorstellen, mal einen großen ernsthaften Dokumentarfilm zu machen: „Manchmal liege ich so morgens wach, draußen weht der Wind, und ich denke mir: Die große Deutschland-Doku von Flensburg bis zur Zugspitze fürs Kino. Das wäre was Schönes. So wie ‚Mikrokosmos’ über Insekten im Gras, der damals sehr erfolgreich in den Kinos lief.“ Das klingt noch nicht ganz ernst gemeint – weshalb es tatsächlich klappen könnte. Und sollte sich tatsächlich kein Sender finden, der die „WiB-Schaukel“ zu schätzen weiß – was traurig wäre – hätte er ja sogar Zeit dafür.

„WiB-Schaukel“: ZDF, Freitag, 1 Uhr 40

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