Medien : Presse am Pranger

Nach „taz“-Satire kommt das polnisch-deutsche Medienverhältnis nicht zur Ruhe

Thomas Roser

Es war in der polnischen Zeitung „Nasz Dziennik“, national-katholisch geprägt, das Leib- und Magen-Blatt von Polens Regierungskoalition. Sie druckte kürzlich die Namen der deutschen Auslandskorrespondenten ab. Die Leser, hieß es, sollten sich damit „vertraut machen“. Denn: „Die Geschichte hat gelehrt, dass blinder Glaube in das Wohlwollen unserer Nachbarn der Glaube der Dummen ist.“

Vertreter von der „FAZ“ bis zur „taz“ fanden sich auf der Liste, insgesamt 16 Berichterstatter. Selbst der Korrespondent der „VDI-Nachrichten“, der sich mit politisch eher unverfänglichen Fragen wie dem Zustand der polnischen Möbelindustrie beschäftigt, stand darauf. Die deutschen Journalisten hätten sich „daran gewöhnt, dass man Polen ungestraft beleidigen kann“, schrieben die Blattmacher angesichts der im Nachbarland veröffentlichten „Lügen“ über Polens neue Doppelspitze: die Zwillinge Jaroslaw und Lech Kaczynski.

Seitdem die Kaczynskis an der Macht sind, ist das deutsch-polnische Medienverhältnis massiv gestört. Die „Financial Times Deutschland“ bekam das als Erste zu spüren. Im Umfeld der Präsidentenwahl bebilderte die Zeitung einen Artikel über die Kaczynskis mit dem polnischen Wappen, in dem der Adler durch eine watschelnde Ente ausgetauscht war; die Kaczynskis tragen in Polen den Spitznamen Enteriche. Promt kam eine Beschwerde vom polnischen Botschafter.

Als die „taz“ kurz darauf in einem satirischen Beitrag Staatschef Lech Kaczynski mit einer Kartoffel verglich, führte das zu mittelschweren diplomatischen Störungen. Außenministerin Anna Fotyga nannte ausbleibende Reaktionen deutscher Politiker eine „beunruhigende Erscheinung“, zumal die Sprache der Satire an den „nationalsozialistischen ,Stürmer‘“ erinnere. Vizepremier Przemyslaw Gosiewski von der nationalkonservativen Regierungspartei PiS forderte einen internationalen Strafbefehl gegen den in Deutschland lebenden Autor der „taz“-Glosse mit der Begründung: Die Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts sei ein „Verbrechen“. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen bereits aufgenommen. Zu schärferen Protesten wurden auch Polens Gesandte in Berlin gemahnt. Selbst bei Artikeln über Minister der rechtsextremen Koalitionspartei LPR haben die Diplomaten nun bei den Chefredaktionen ihres Gastlands zu intervenieren.

Und nicht nur die national-katholische „Nasz Dziennik“ vertritt eine ähnliche Position wie die polnische Regierung. „Die deutsche Presse attackiert uns“, schrieb auch der Kolumnist Zdislaw Krasnowdebski in der Zeitung „Dziennik“, ein in Bremen lehrender Soziologie-Professor und seit dem letzten Wahlherbst eine Art inoffizieller Deutschland-Berater der PiS. Den deutschen Korrespondenten wirft er eine jahrelange „Fehlinformation“ ihrer Leser „aus bösem Willen“ vor. Das Pikante daran ist: „Dziennik“ gehört zu Axel Springer Polska.

Die deutschlandkritische Stimmung bekommen die deutschen Journalisten in Warschau direkt zu spüren. „Dein Foto setzen wir ins Internet!“, wurde der dpa-Korrespondentin zugerufen, als sie von der so genannten Gleichheitsparade von Polens homosexueller Minderheit berichtete. Vor allem an der Warschauer „taz“-Korrespondentin Gabrielle Lesser entlädt sich die Empörung – obwohl sie mit der Satire nichts zu tun hatte. Kein Vertreter des Außenministeriums werde ihr oder anderen Vertretern der „taz“ jemals wieder Rede und Antwort stehen, sagte ihr dessen Sprecher Andrzej Sados am 4. Juli am Telefon. Tags darauf ließ er die Ankündigung dementieren. Bedrohlich für Lesser sind anonyme Anrufe: „Das ist dein Ende“, „Heil Hitler“, „Auf Schutz kannst du nicht mehr zählen“.

Dabei waren es gerade die deutschen Korrespondenten in Warschau, die in ihrer Heimat für die Notwendigkeit von Polens EU-Beitritt und Verständnis für die Vorbehalte gegen das Vertriebenen-Zentrum warben. Außerdem unterscheiden sich die Artikel der deutschen Berichterstatter über die Kaczynski-Zwillinge von denen anderer ausländischer Kollegen kaum. Das von den Botschaften zusammengetragene Wissen, was die Auslandspresse über das Land schreibt, bleibt den Polen inzwischen allerdings auch vorenthalten. Auf Anordnung des Außenministeriums wurde die Internetseite mit der internationalen Presseschau für externe Nutzer kürzlich geschlossen. Sorgen um die Pressefreiheit in seinem Land erklärte Premier Jaroslaw Kaczynski nach seinem Amtsantritt zum wiederholten Male für unbegründet: „Die Demokratie in Polen ist nicht gefährdet.“

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