Presse : "Daily Telegraph" - Zeitung der Stunde

Hohe Spesen garantieren hohe Auflagen: Über eine Woche lang publizierte das Blatt die Auswertung von rund 1,5 Millionen Spesenabrechnungen britischer Parlamentarier.

Matthias Thibaut

Wie wird man, in ein paar Jahren oder Jahrzehnten, einmal über die Veröffentlichungen des „Daily Telegraph“ schreiben? Über eine Woche lang publizierte das Blatt, täglich und auf vielen Seiten, die Auswertung von rund 1,5 Millionen Spesenabrechnungen britischer Parlamentarier aus den letzten vier Jahren – und stürzte das Unterhaus, das politische Establishment und die Institutionen des Landes in eine Legitimationskrise ohne Beispiel. 25 Journalisten waren vor der Veröffentlichung wochenlang damit befasst, die Daten nachzurecherchieren und zu interpretieren. Die Zeitung räumte gründlich mit dem Mythos auf, die politische Klasse sei im Kern ehrlich, selbstlos und ethisch korrekt. Der ehemalige Chefredakteur der „Times“, William Rees Mogg, warnte aber, das Blatt habe Politiker und das Unterhaus gedemütigt. Nie seien die Beziehungen zwischen der Presse und der Politik so gespannt gewesen. Die Gelegenheit für „Rache“ der Politiker werde kommen – etwa durch eine Verschärfung des Presserechts.

Anfängliche Kritik am „ScheckbuchJournalismus“ des Blattes verstummte schnell. Unklar bleibt, ob und wie viel die Zeitung für die Daten bezahlt hat. Die „Times“ berichtete, ihr seien die Daten für 300 000 Pfund (circa 350 000 Euro) angeboten worden, und sie habe abgelehnt – offenbar hatte die Murdoch-Presse Angst, die Lunte an den Sprengsatz unterm Unterhaus zu legen. Die Veröffentlichung durch den „Daily Telegraph“ sei „ein Triumph von Mut und Können“, so der Gründungschefredakteur des „Independent“, Stephen Glover. Hintergrund ist ein langer Rechtsstreit, bei dem der jetzt abtretende Speaker (Parlamentspräsident) Michael Martin die Veröffentlichung der Spesenrechnungen verhindern wollte. Der Auflagengewinn, mehr noch der Werbenutzen für die Zeitung sind phänomenal. Allein am vergangenen Freitag stieg die Druckauflage um fast 100 000 Exemplare. Der „Daily Telegraph“ hatte im April eine durchschnittliche Auflage von 871 598 Exemplaren und ist damit die auflagenstärkste Qualitätszeitung. Wegen seiner konservativen Ausrichtung wird der „Telegraph“ oft als Hauspostille der Konservativen Partei, der Torys, bezeichnet. Das gilt nur noch mit Abstrichen, das Blatt hat Parteichef David Cameron immer wieder wegen seiner Abweichungen vom neoliberalen Thatcher-Kurs kritisiert. Matthias Thibaut

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben