PRESSE IN DER NAZI-ZEIT : „Kusch wie ein Schoßhündchen“

Die Gleichschaltung der Presse – am 4. 0ktober 1933 verabschiedete Hitlers Kabinett das „Schriftleitergesetz“

Ernst Elitz
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„Die Herren Journalisten sollten die Verantwortung für die eintönige Presse am besten bei sich selbst suchen“, meinte...ullstein - ullstein bild

Das war die Ouvertüre. Am 11. März 1933 erschoss der Führer eines SA- Sturmtrupps den Verleger der Chemnitzer „Volksstimme“ im Treppenhaus seines Verlagsgebäudes. Die „Volksstimme“ war ein sozialdemokratisches Blatt.

Zwei Wochen später erklärte die „Fränkische Presse“ auf der Titelseite, dass die von ihr „seit Jahren über die NSDAP und insbesondere ihren Führer gebrachten Nachrichten, Meldungen und eigene Aufsätze der Wahrheit nicht entsprachen, sondern nur deshalb erfolgt sind, um das Volk vom Erwachen abzuhalten und die NSDAP dadurch zu schwächen“. Die „Fränkische Presse“ stand der katholischen Bayerischen Volkspartei nahe.

Am 1. April hörte der Verleger Hermann Ullstein durch die geschlossenen Türen seines Büros den Marschtritt einer Kolonne, die drei Stunden lang durch alle Etagen des Hauses zog und im Stakkato „Juden raus!“ brüllte. Es waren die Angehörigen der NSDAP-Betriebsparteiorganisation. Die Ullsteins, Inhaber des größten liberalen deutschen Verlagsunternehmens, waren Juden.

Als Propagandaminister Joseph Goebbels am 4. Oktober 1933 schließlich sein „Schriftleitergesetz“ im Kabinett verabschieden und im Reichsgesetzblatt veröffentlichen ließ, konnte sich keiner mehr der Illusion hingeben, dass dem Naziregime – wie der notorische Lügner Hitler einige Tage nach Übernahme der Kanzlerschaft noch verkündet hatte – an einer kritischen Presse gelegen wäre. Goebbels, Hitlers Spindoctor und publizistischer Paladin, hatte schon in den Wahlkämpfen der Weimarer Republik neben Massenaufmärschen und öffentlichen Reden auf die Presse als Propagandainstrument gesetzt. Die Mobilisierungsmacht des gedruckten Wortes hatte er am eigenen Leib erfahren. Als das kommunistische Boulevardblatt „Welt am Abend“ 1930 eine Kampagne um seine „Rieseneinkünfte“ als Gauleiter, Propagandachef und Verleger entfachte, verwüsteten aufgebrachte SA-Leute die Berliner Gau-Geschäftstelle der NSDAP.

Mit seinem „Angriff“ und dem „Völkischen Beobachter“ hatte Goebbels schon in der Weimarer Republik den Grundstein für ein nationalsozialistisches Medienimperium gelegt, das er nach der Verabschiedung des „Schriftleitergesetzes“ und der darauf erfolgenden Übernahme der Verlegerverbände durch nationalsozialistische Pressefunktionäre systematisch ausbauen konnte. Die redaktionelle Ausrichtung aller deutschen Zeitungen wurde künftighin nicht mehr von den Verlegern, sondern vom Propagandaministerium vorgegeben, die Zahl der Zeitungen wurde reduziert und die Verleger zum Verkauf ihrer Blätter an nationalsozialistische Dachgesellschaften gepresst.

Paragraf 5 des „Schriftleitergesetzes“ verfügte: „Schriftleiter kann nur sein, wer arischer Abstammung ist und nicht mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet ist.“ Ein weiterer Paragraf verpflichtete die Schriftleiter, alles aus den Zeitungen fernzuhalten, „was geeignet ist, die Kraft des Deutschen Reiches nach außen oder im Innern, den Gemeinschaftswillen des deutschen Volkes, die deutsche Wehrhaftigkeit, Kultur oder Wirtschaft zu schwächen“. Das war eine Generalklausel gegen jeden kritischen Journalismus. Mit dem Schriftleitergesetz wurde auch die Berufsbezeichnung „Redakteur“ als Ausdruck einer liberal-dekadenten Gesinnung aus dem Wörterbuch des „Dritten Reichs“ getilgt, und damit auch die entsprechende Berufskultur.

Wer ihr weiter anhing, wurde aus den Redaktionen gedrängt, kam wie der „Weltbühne“-Chef Carl von Ossietzky ins KZ, flüchtete wie Theodor Heuss in die Schriftstellerei von Unternehmerbiografien oder emigrierte wie der Chefredakteur des legendären „Berliner Tageblatts“ Theodor Wolff. Wolff, schon in der Kaiserzeit vom Reichskanzler mit Informationsverbot belegt, hatte nach der Revolution die liberale Deutsche Demokratische Partei gegründet, ihr später aber wieder den Rücken gekehrt. Das Prinzip Wolff war das Prinzip eines unabhängigen Journalismus: „Republikanisch, demokratisch, sozial“ – und kritisch. Der Journalist galt ihm als „Kämpfer mit den Waffen des Geistes und der Sprache“, aber „solche Kampffähigkeit gab und gibt es für die Gegner der heutigen Regierung nicht“, schrieb Wolff in seinem letzten, schon nicht mehr veröffentlichten Kommentar. Der Kommentator war über München und die Schweiz auf dem Weg ins französische Exil. Im Jüdischen Museum wird derzeit mit einer Ausstellung Leben und Werk Theodor Wolffs dokumentiert. Wolff wurde nach der Besetzung Frankreichs an Deutschland ausgeliefert und starb am 23. September 1943 im Berliner Jüdischen Krankenhaus.

In den Redaktionen blieben die arisch Angepassten, die gelegentlich durch ein eingeschmuggeltes Attribut oder die Variation einer vorgeschriebenen Meldung – etwa „jüdischer Maulheld“ statt „frecher Judenbengel“ – vor sich selbst den Anschein von Widerstand erweckten. Gefragt war jetzt nicht mehr der „Kämpfer mit den Waffen der Sprache“, sondern der „Soldat der Bewegung“; und der folgte den Kommandos, die täglich auf der Reichspressekonferenz ausgegeben wurden. Nichts blieb da ungeregelt, nicht einmal die Internationale Hundeausstellung: „Die Hunde von Fräulein Hess, der Schwester von Rudolf Hess, sollen nicht besondere Erwähnung finden.“ Keine Erwähnung auch von Thomas Mann, „da er nicht würdig ist, den Namen Deutscher zu tragen“ – aber: „Über Greta Garbo darf freundlich berichtet werden.“ – „Das Wort ,Katastropheneinsatz’ wird durch ,Luftkriegseinsatz’ ersetzt.“ Und am 7. April 1945: „Das Wort ,Frieden’ muss in diesen Tagen höchster Kraftanstrengung aus dem Vokabularium der deutschen Nachrichtenmittel gestrichen werden.“

Das Schriftleiter-Deutsch war Goebbels-Deutsch. Der hatte nach der Uniformierung der Presse mit dem ihm eigenen Zynismus gehöhnt: „Wenn also die Herren Journalisten sich heute in gelehrten Leitartikeln darüber unterhalten, woher es denn eigentlich komme, dass die Presse so eintönig ist“, dann sollten sie die Schuld bei sich selber suchen. Die Eintönigkeit sei das Ergebnis ihrer ideologischen Unsicherheit, denn gerade die Blätter, die den Nationalsozialisten früher feindlich gegenüberstanden, würden sich jetzt geradezu devot verhalten. Daraus zog der Reichspropagandaminister den Schluss: Die Presse ist „entweder anarchisch, alles zerstörend und unterhöhlend, oder kusch wie ein Schoßhündchen“.

Es war keine gute Zeit für die Schoßhündchen des Regimes. Mit Kriegsbeginn wurden die Papierrationen gekürzt, Journalisten zum Fronteinsatz abkommandiert, die Druckereien durch Bomberangriffe zerstört. In der einst blühenden Pressestadt Berlin, in der vor der nationalsozialistischen Machtübernahme 61 Morgen-, Mittags- und Abendblätter erschienen, wurde in den letzten Kriegstagen nur noch eine Ausgabe in Flugblattformat gedruckt: „Der Panzerbär“. Die letzte Nummer dieses Pamphlets vom 29. April 1945, die schon nicht mehr verteilt, sondern stapelweise in der Druckerei von der Roten Armee akquiriert wurde, war offenbar von Goebbels selbst verfasst. Die Mischung von Hochmut, Zynismus und Pathos konnte so stilecht auch von seinen treuesten Epigonen nicht nachempfunden werden: „Zu verlieren haben wir nichts mehr. Wir haben alles verloren ...,wohl aber haben wir die Chance, unseren sozialen Staat wieder aufzubauen, in dem wir einen noch größeren Wohlstand erreichen werden, als wir ihn vor diesem Kriege bereits genießen konnten ..., auch wenn die Gegenwart heute Anforderungen an uns stellt, die uns fast unerträglich erscheinen mögen.“ Zwei Tage später richtete Goebbels sich selbst und riss seine Familie mit in den Blausäure-Tod.

Die erste Zeitung, die nach dem Zusammenbruch in Berlin erschien, war die von der sowjetischen Militär-Administration herausgegebene „Tägliche Rundschau“. Als Chefredakteure fungierten Majore der Roten Armee. Es folgte die von dem Kommunisten Rudolf Herrnstadt geleitete „Berliner Zeitung“ als „amtliches Organ“ des von den Sowjets eingesetzten Magistrats. Vier Monate vergingen, bis die erste Zeitung mit deutschen Verlegern und Journalisten an die besten Traditionen der Weimarer Zeit „republikanisch, demokratisch, sozial“ und kritisch anknüpfen konnte. Am 27. September 1945 erschien die erste Ausgabe des Tagesspiegels. Die Lizenz zur Herausgabe erhielten neben dem Kunsthistoriker Edwin Redslob der Journalist Erik Reger, bis 1933 Redakteur einer Wochenschrift, während der Nazizeit Mitarbeiter in einer Werbeabteilung der pharmazeutischen Industrie, und der „Weltbühne“ Redakteur Walther Karsch. Er hatte die Nazizeit als Handwerker und Handelsvertreter überstanden. Die Zeit der Schriftleiter war vorbei. Es schlug wieder die Stunde der Redakteure.

Professor Ernst Elitz lehrt Kultur- und Medienmanagement an der FU Berlin. Von 1994 bis 2009 war er Gründungsintendant des Deutschlandradios.

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