Presse in Groß-Britannien : Englische Patienten

Der britische "Observer" ist die älteste Sonntagseitung der Welt. Jetzt bangt das Blatt ums Überleben - womöglich wird es für den "Guardian" geopfert.

Matthias Thibaut

Über der ältesten Sonntagszeitung der Welt brauen sich dunkle Wolken zusammen. Schon im nächsten Monat könnte die britische Guardian News and Media Group (GNM) die Einstellung des „Observer“ beschließen, weil sie als Eigentümer die Verluste nicht mehr tragen will. Plänen zufolge könnte die Zeitung durch ein schmales Wochenmagazin in der Art des „Spectators“ oder „New Statesman“ abgelöst werden. Wie alle Zeitungen leidet auch der 1791 gegründete „Observer“ unter dem Einbruch des Anzeigenmarkts und unter Auflagenschwund, weil vor allem jüngere Leser zu Informationsquellen im Internet abwandern. Zusätzlich wird die Situation der Traditionszeitung durch die Eigentümerstrukturen erschwert: Seit 1993 gehört die Zeitung dem „Scott Trust“, einer Stiftung, die alleiniger Anteileigner an GNM und seiner Mutter, der Guardian Media Group (GMG) ist.

Einzige in den Statuten verankerte Aufgabe der 1936 von dem damaligen Besitzer des „Manchester Guardians“, John Scott, gegründeten Stiftung ist es, „auf ewig die finanzielle und redaktionelle Unabhängigkeit des ,Guardian‘ als parteiunabhängige und liberale Zeitung zu sichern“. Auf Insiderinformationen gestützte Berichte gehen davon aus, dass der „Observer“ diesem Stiftungsziel geopfert werden könnte. Letzte Woche meldete die GMG jedenfalls einen Vorsteuerverlust von 90 Millionen Pfund, davon entfielen 37 Millionen Pfund auf die beiden Zeitungen – zwölf Millionen mehr als im Vorjahr.

Insider glauben nun, dass die Tageszeitung „Guardian“ mit der kleineren Auflage verlustreicher ist und der „Observer“, die einzige nicht an eine große Tageszeitung angebundene britische Sonntagszeitung, wegen der hohen Kosten des „Guardian“-Onlineauftritts geopfert werden könnte. GMG-Geschäftsführerin Carolyn McCall reagierte auf diese Spekulationen mit einer E-Mail an die Mitarbeiter, die diese aber wenig beruhigte: Anzeigeneinnahmen würden auch nach der Rezession nicht auf das alte Niveau zurückkehren, warnte sie. „Das bedeutet, dass wir eine schmalere Organisation sein müssen.“

Finanzkrisen gehören zur Lebensgeschichte des „Observer“. Kurz nach der Gründung 1791 machte das Blatt schon Verluste und ließ sich ab 1794, im Austausch für eine gefällige Berichterstattung, von der Regierung subventionieren. Zu den berühmtesten Besitzern gehörte seit 1911 die Astor-Familie, damals eine der reichsten amerikanischen Familiendynastien.

David Astor war 27 Jahre lang Chefredakteur. 1977 verkauften die Astors das defizitäre Blatt an einen amerikanischen Ölkonzern. Vor dem Verkauf an die GMG gehörte es der Metallgesellschaft Lonrho. Die Beziehungen zwischen den beiden liberalen Zeitungen „Guardian“ und „Observer“ waren immer eher gespannt. 2003 unterstützte der „Observer“ zum Beispiel, anders als der „Guardian“, die britische Invasion im Irak. Ein früherer Chefredakteur des „Observer“, Donald Trelford, warnte, angesichts der miserablen Finanzlage der Independent-Gruppe könne Großbritannien zwei seiner vier „Qualitäts“-Sonntagszeitungen verlieren.

Die Krise um den „Observer“ hat die Debatte um die BBC und ihre aus den Rundfunkgebühren finanzierten, massiven Online-Aktivitäten verstärkt. Zeitungen machen die BBC direkt für die Misere in der Zeitungsbranche mitverantwortlich, weil die öffentlich-rechtliche Konkurrenz es unmöglich mache, für ihre Onlineangebote Nutzergebühren zu verlangen. Matthias Thibaut

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