Medien : Presse in Ostdeutschland: Die Genossen der Marktwirtschaft

Robert Ide

Nein, eigentlich möchte sie nichts sagen. Nein, ihre Enttäuschungen möchte sie nicht aufzählen. Nein, ihren Namen will sie nicht nennen. Die Redakteurin der "Lausitzer Rundschau" ist frustriert. "Die deutsche Einheit hat mir nichts Gutes gebracht", sagt sie.

Seit 18 Jahren arbeitet sie bei der Lokalzeitung, die früher das SED-Bezirksblatt für Cottbus war. Sie war Parteimitglied und findet, dass sie "ordentliche Arbeit" gemacht hat. Zu DDR-Zeiten bekam sie jedes Jahr einen Urlaubsplatz zugewiesen, neue Klamotten hat sie sich irgendwie organisiert.

Dann kam der Umbruch und alles war vorbei. "Mit dem Einigungsvertrag wurden wir verkauft", schimpft sie. Mit der Marktwirtschaft seien "neue Abhängigkeiten" ins Berufsleben eingezogen. "Legen Sie sich mal mit Ihrem Chefredakteur oder einem großen Anzeigenkunden an", erregt sie sich, "das ist doch das Ende".

"Freiheit ist Einsicht in die objektive Notwendigkeit", hat Lenin einmal gesagt. Auf der Parteischule hat die Journalistin diesen Satz immer zu hören bekommen. Damals war sie eine "gute Genossin". Nun bemüht sie sich, wieder eine zu sein - eine Genossin der Marktwirtschaft. Doch sie hat Angst. So sehr, dass sie ihren Namen nicht nennen will.



Mathias Müller hat kein Problem mit seiner Identität. Der 35-Jährige spricht gerne über sich und seine Arbeit. Seit zwölf Jahren schreibt er für die "Magdeburger Volksstimme" - in der DDR als "Volkskorrespondent", heute als Lokalchef für den Landkreis Schönebeck. Müller hat den Sprung geschafft. Er nennt die Einheit einen "Glücksfall".

Früher wollte Müller Leichtathlet werden. Im Mittelstreckenlauf brachte er es zum DDR-Vizemeister. Sein Vater war Sportjournalist. Bald verdiente auch der rennende Sohn sein Taschengeld mit Artikeln vom Sportplatz. Lohn: ein paar Pfennige Zeilengeld und acht Mark für jedes Sportfoto. Doch als Müller nach Abitur und Armeedienst wegen eines Redaktionsvertrages bei der "Magdeburger Volksstimme" anfragte, bekam er nur ein Job in der Druckerei. Seitdem stand er an der Rotation der SED-Presse.

Die Wendezeit nutzte Müller für den journalistischen Absprung. Als sich die einschlägigen Redakteure nicht zu den Runden Tischen der Opposition trauten, schickten sie Müller vor. "Die Menschen wollten endlich die Wahrheit lesen", erzählt er. Ein wenig wundert er sich, dass heute so viele Leser der einstigen Parteipresse die Treue halten. Auch wenn die "Volksstimme" einst 130 000 Leser mehr hatte, blickt sie noch auf eine stolze Auflage von 270 000 Exemplaren. Die Struktur der Lokalredaktionen orientiert sich an den einstigen DDR-Landkreisen.

Das ostdeutsche Publikum scheint weiterhin Vertrauen in die traditionelle Presse zu haben. An einem Gewinnspiel der "Volksstimme", bei dem Leser eine Comic-Figur zusammensetzen sollten, beteiligten sich 15 Prozent der Abonnenten. Kein Wunder, dass Müller von Leser-Stammtischen und lokalen Projekten mit Sportvereinen schwärmt. Er redet vom "Service-Charakter einer Lokalzeitung" und davon, "was heute alles möglich ist". Demnächst will Müller Sportlerwahlen in seinem Landkreis veranstalten. Früher hätte er dort selbst zur Wahl gestanden. Heute ist er stolz, sie zu organisieren.

Regina Haubold vermeidet jede Euphorie. Die Redaktionsleiterin beim thüringischen "Freien Wort" hat sich von der Wiedervereinigung mehr für die ostdeutsche Presse versprochen. Ihr Fazit lautet: "Die Hoffnungen des Umbruchs haben sich nicht erfüllt".



Mit großen Erwartungen stieg Regina Haubold 1990 ins Mediengeschäft ein. Die einstige Justiziarin eines DDR-Kombinats warf sich in den Zeitungsdschungel - mit wenig Ausrüstung und viel Mut. Ihre Start-Ausstattung in der Lokalredaktion von Hildburghausen: Telefon, Schreibmaschine und Fernschreiber. Trotz vieler Widrigkeiten habe Aufbruchstimmung geherrscht, angefacht auch durch "kreative Leute aus dem Westen". Doch diese Zeit ist vorbei - unwiederbringlich. Haubold trauert ihr nach.

Die 46-Jährige ist ernüchtert. Das neue Personal sei wieder abgebaut worden, bei den verbliebenen Kollegen sei die Grenze der Belastbarkeit erreicht. "Viele Redakteure sitzen nur noch am Computer und reißen die Seiten runter." Für gute Recherche bleibe oft keine Zeit mehr. Zu wenig Redakteure, zu wenig Anzeigen. Viele Ost-Zeitungen werfen nicht genügend Gewinn ab. Kein Wunder, dass die westdeutschen Verlage - im Falle des "Freien Worts" ist es der "Süddeutsche Verlag" - Druck machen. Das Wort "Outsourcing" schwebt über vielen Redaktionen zwischen Elbe und Oder.

Weniger Qualität bedeutet weniger Abonnenten. Das ist die Devise, die Haubold verinnerlicht hat. Sie spricht von Kompetenz und von "Zeit, die man für gute Geschichten braucht". Aufgeben will sie aber nicht. "Jeder Einzelne kann die heutigen Anforderungen meistern", resümiert sie. Dieser Satz soll positiv klingen. Haubold lächelt gequält. Ihre Euphorie ist dahin. Unwiederbringlich.

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